Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hofmann, Pauline, Polly, verh. Hofmann-Mennacher

* um 1871 in Glasgow, † nach 1910 (Ort unbekannt), schottisch-deutsche Pianistin. Ihre Eltern waren Margaret Jane Strang und Peter Hofmann, die Ende 1869 in Glasgow geheiratet hatten (Glasgow Herald 31. Dez. 1869). Ihr Vater war nach Information des „Glasgow Herald“ „Member of the late St Cecilia Society and the Glasgow Choral Union“ (Glasgow Herald 15. Okt. 1888) und „the leader in musical matterns […] of the German colony in Glasgow“ (Glasgow Herald 1. Dez. 1893).

Pauline Hofmann erhielt zunächst Unterricht bei Hans Bussmayer (1853–1930) an der Königlich Bayerischen Musikschule in München und absolvierte ihre Prüfungen dort 1885 mit Mendelssohns Konzert g-Moll und 1886 mit zwei Sätzen aus Schumanns Konzert a-Moll. Vom Wintersemester 1887/88 bis zum Sommersemester 1889 studierte sie an der Königlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin in der Klasse von Heinrich Barth (1847–1922). Sie verließ die Hochschule ohne Abschluss, nahm aber in Paris noch weiteren Unterricht bei Élie-Miriam Delaborde (1839–1913), dem Nachfolger Louise Farrencs am Konservatorium.

Im März 1887, noch vor Aufnahme des Berliner Studiums, trat sie in Augsburg und München öffentlich auf, was die „Neue Zeitschrift für Musik“ mit der Bemerkung kommentiert, „die angehende Künstlerin“ berechtige „zweifellos zu großen Hoffnungen“ (NZfM 1887, S. 258). Ihre Konzerttätigkeit führte sie mehrfach nach Glasgow zurück, wo sie sich erstmals am 18. Okt. 1888 in einem Solo-Abend mit Kompositionen von Weber, Schumann, Brahms, Mendelssohn, Schubert, Beethoven, Liszt und Chopin präsentierte. Der Rezensent des „Glasgow Herald“ lobt an der jungen Pianistin „excellent tone, perfect smoothness, and equality in rapid passages, a touch at once light and firm, great flexibility of wrist und hebt vor allem ihre Bemühung um Werktreue hervor: „The reading of the Waldstein sonato [sic] stood out among the many eccentric and extravagant versions of that great work frequently heard in concert rooms as an earnest effort to reproduce the music exactly according to the composers intentions“ (Glasgow Herald 19. Okt. 1888). Auch die „Musical Times” nahm Notiz vom schottischen Debüt: „The performances showed taste, intelligence, and skill, and generally were of much promise (MusT 1888, S. 668).

Von München aus, wo sie häufig konzertierte und als „unsere einheimische Pianistin“ bezeichnet wird (Signale 1891, S. 1027), reiste sie in den Folgejahren zu Konzerten in Berlin (Oktober 1890), Glasgow (Jan./Febr. 1891), Leipzig (Dez. 1891), Glasgow (1893), Berlin (Nov. 1895, 1896), Stuttgart (Ende 1896 u. März 1897) und Dresden (1900). Weitere Konzertorte waren nach Auskunft der „Neuen Berliner Musikzeitung“, die Pauline Hofmann im Jan. 1896 einen ausführlichen Artikel widmete, Würzburg, Wien und Graz. Sie war nun bekannt genug, um sich von der Künstleragentur Eugen Stern in Berlin vertreten zu lassen. Ihr Repertoire reichte von Rameau und Joh. Seb. Bach über Beethoven, Weber, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Chopin, Volkmann, Brahms, Jadassohn, Saint-Säens, Rheinberger und Tschaikowsky bis zu Zeitgenossen wie Moszkowski und Stavenhagen. Die Kritik war meist positiv, vor allem hinsichtlich ihrer Chopin-Interpretationen, wie hier nach einer Matinee in Leipzig: „sehr gereifte Technik, ihr tonreicher Anschlag, das Anschmiegen an die Charactereigenthümlichkeiten der betr. Stücke, ein feuriger Pulsschlag und Grazie im Vortrag“ (NZfM 1892, S. 585). Über ihr erstes Gastspiel bei den renommierten Popular Saturday Concerts in Glasgow ist im „Glasgow Herald“ zu lesen: „The young pianiste may be congratulated on the possession of a touch that is crisp and bright, of admirable technique, and of considerable grace of style, which all contributed to the brilliant, sparkling, and artistic rendering of Mendelssohn’s first concerto“ (Glasgow Herald 26. Jan. 1891)Die „Neue Berliner Musikzeitung“ charakterisiert das Auftreten der „ernsten, gediegenen Pianistin“, die in diesem Konzert eine Fuge von Joh. Seb. Bach und Beethovens Sonate op. 109 spielte, so: „Einfach und schüchtern setzt sie sich an’s Klavier, und fast abgewandt vom Publikum wird sie nicht gewahr, wie sympathisch das Publikum von ihren Vorträgen berührt wird“ (Bock 1895, S. 427).

Die Neigung der Kritiker, beim Klavierspiel Sortierungen nach Geschlecht vorzunehmen, wird allerdings auch in ihrem Fall deutlich. Nach ihrem zweiten Auftreten bei den Popular Saturday Concerts in Glasgow am 18. Nov. 1893 heißt es im „Glasgow Herald“: „She played Weber’s E flat Concerto with commendable accuracy and intelligence, and with as much vigour probably as her physical powers permitted“ (Glasgow Herald, 20. Nov. 1893). Wenige Tage später, nach einem Soloabend, wird der Rezensent deutlicher: „It may be said without disparagement to the lady that Miss Hofmann’s sphere at present is as a chamber musician. What appears to be want of weight in her playing when opposed to an orchestra broadens into a full and resonant tone when helped by the rarer acoustical qualities of a chamber, and without extra strain she can allow her fancy full play, and thereby do herself full justice (Glasgow Herald 1. Dez. 1893). Das Orchester bestand allerdings, so ist in der Konzertwerbung zu lesen, aus 76 Mitgliedern (Glasgow Herald 17. Nov. 1893).

Im Febr. 1895 begleitete Pauline Hofmann in einem Münchner Konzert den Sänger Emil Götze und steuerte unter anderem Beethovens Waldsteinsonate bei, „deren letzter Satz überhaupt nicht von Frauenfingern bewältigt werden kann, es sei denn das geniale Mannweib [→] Sofie Menter“ (Bock 1895, S. 147). Positiv wurde hingegen, ebenfalls in München, die Interpretation von Beethovens Sonate E-Dur op. 109 aufgenommen: „War es schon ein glücklicher und gewiss wohlbedachter Griff der Künstlerin, unter Beethoven’s späten Sonaten gerade diese auszuwählen, da sie, Saiten zarter Empfindung anschlagend, vom weiblichen Ingenium sich leichter erfassen lässt, als diejenigen, welche heroisches Pathos zum Grundzuge haben, so war die Ausführung im Ganzen wie im Detail eine überraschend bedeutende, da sie nicht auf den äusseren Effekt, sondern auf selbstlose, gewissenhafte Darstellung des inneren, grossen Ideengehaltes gerichtet war“ (zit. nach Bock 1896, S. 34).

1895 beteiligte sie sich an einem Konzert des Stuttgarter Tonkünstler-Vereins, weitere Auftritte sind in München in der Wintersaison 1900/1901 nachgewiesen. Am 27. Nov. 1903 musizierte Pauline Hofmann in Berlin mit dem Philharmonischen Orchester Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur sowie in demselben Konzert Schumanns Carnaval. 1905 ist sie in einem Münchener Fremdenführer mit Klavierabenden im Hotel Bayerischer Hof verzeichnet (München und die Münchener, S. 255), im selben Jahr wirkte sie in einem Kammerkonzert in München mit, nun unter dem Namen Hofmann-Mennacher. Ein letztes Konzert ist 1910, ebenfalls in München, belegt. Hinweise zum Fortgang ihrer Karriere und ihrem weiteren Lebensweg waren nicht zu finden.

 

LITERATUR

Allgemeine Rundschau. Wochenschrift für Politik und Kultur München 1905, S. 132; 1910, S. 96

Blätter für Haus- und Kirchenmusik 1901, S. 126

Bock 1890, S. 396; 1895, S. 147, 389, 427, 451; 1896, S. 33f., 373

Die Gesellschaft. Münchener Halbmonatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik 1902, S. 375

FritzschMW 1900, S. 831

Glasgow Herald 31. Dez. 1869; 15., 16., 18. u. 19. Okt. 1888; 26. Jan., 11. Febr. 1891; 13. u. 27. Sept., 6., 14., 17., 18., 20., 22., 23., 24., 25.u. 30. Nov., 1. Dez. 1893

Jahresberichte der K. Musikschule in München 1883/84, 1884/85, 1885/86

Monthly Musical Record 1901, S. 112

MusT 1888, S. 668; 1891, S. 164; 1893, S. 741

MusW 1888, S. 831

Die Musik 1903/04 III, S. 147

Musikpädagogische Blätter 1895, S. 273

NZfM 1887, S. 258; 1892, S. 584f.; 1897, S. 176; 1899, S. 578f.

Signale 1887, S. 393, 547; 1890, S. 903; 1891, S. 195, 1027; 1895, S. 214, 919; 1896, S. 855; 1897, S. 148f., 1012; 1899, S. 52, 915; 1900, S. 1092

David Baptie, Musical Scottland, Past and Present: Being a Dictionary of Scottish Musicians from about 1400 till the Present Time, Paisley 1894.

München und die Münchener. Leute. Dinge. Sitten. Winke, Karlsruhe 1905.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester, 3 Bde., Bd. 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Erst- und Uraufführungen, Tutzing 1982.

 

Bildnachweis

Bock 1896, S. 33

 

Freia Hoffmann

 

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