Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Taylor, Campbell Taylor, May, Mary

* 8. Nov. 1870 wahrscheinlich in Oxford, Sterbedaten unbekannt, Violoncellistin. May Taylor war die Tochter von Dr. James Taylor (1833−1900), Organist am New College der Universität Oxford. Neben ihrer Schwester Leila (1867−?, Violinistin) hatte sie vier jüngere Brüder; unter ihnen waren der spätere Maler Leonard Campbell Taylor (1874−1969) und der Komponist Colin Moncrieff Taylor (1881−1973). Die Ausbildung von Leila und May Taylor am Leipziger Konservatorium ist durch Prüfungsberichte über mehrere Jahre dokumentiert. Die erste Erwähnung betrifft die damals 21-jährige Leila, die 1888 in einem Prüfungskonzert mit 15 weiteren überwiegend ausländischen Geigenstudentinnen ein „Air für Violine mit Begleitung der Orgel von J. S. Bach, unisono gespielt“, vortrug (NZfM 1888, S. 95). Am 6. März 1890 fand in demselben Rahmen die Aufführung des Doppelquartetts d-Moll op. 65 von Louis Spohr statt, „in erster Linie interessant dadurch, daß die Besetzung des II. Quartetts eine feminine war, nämlich durch die Fräuleins Leila Taylor aus Oxford (England), Emma Suter aus St. Gallen (Schweiz), Ethel Bankart aus Exeter (England) und May Taylor aus Oxford“ (Signale 1890, S. 405). Die letzte Erwähnung Leila Taylors referiert 1892 ein Prüfungskonzert mit dem 1. Satz aus dem Brahms’schen Violinkonzert op. 77. May Taylor, die von Julius Klengel (1859−1933) unterrichtet wurde, hielt sich noch bis Ende 1894 in Leipzig auf. Bei ihrer ersten Erwähnung in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ galt das Interesse des Rezensenten Jean F. Schucht vorwiegend der noch immer ungewöhnlichen Instrumentenwahl: „Daß viele Damen Albions Clavier, Gesang und Geige fleißig studiren, ist längst bekannt; aber an ein, die Manneskraft erforderndes Instrument wie das Violoncello haben sich bisher wohl nur Wenige gewagt. An diesem Abende erschien jedoch eine blonde Engländerin, Frl. Mary [sic] Taylor aus Oxford, als Cello-Virtuosin. Letzeres Prädicat darf ich ihr mit Recht beilegen, denn sie spielte Saint-Saëns’ A moll-Concert Op. 33 in geistiger und technischer Hinsicht sehr befriedigend. Passagen, Octavengänge und andere schwierige Doppelgriffe kamen perfect und fein heraus. Nach solcher männlicher Leistung darf man den englischen Damen das jetzt so eifrig discutirte Stimmrecht wohl nicht länger vorenthalten“ (NZfM 1892, S. 204f.). Bei weiteren Konservatoriums-Veranstaltungen und einem Konzert des Leipziger Lehrer-Gesang-Vereins spielte May Taylor Violoncello-Konzerte von Carl Reinecke, Georg Goltermann und Robert Volkmann, ergänzt durch Solokompositionen von Giuseppe Tartini, Hans Sitt, Karl Davïdov, Adrien-François Servais, Frédéric Chopin und David Popper. Aufschlussreich für die liberale Geschlechterpolitik des Leipziger Konservatoriums ist, dass sie am 30. Jan. 1894 Allegro und Variationen aus einem Streichquintett e-Moll von Georges Onslow in Gemeinschaft mit den „Herren Alfred Oppenheim, Franz Ziegler, Ernst Büchner, Adolf Hennes“ (NZfM 1894, S. 76) musizierte.

Der Auftakt zur Fortsetzung ihrer Karriere in England fand am 2. Febr. 1896 in Oxford statt: „Miss May Taylor, a daughter of the organist of New College, made a very successful début here as a violoncellist in Popper’s E minor Concerto and some smaller pieces“ (Musical Standard I, S. 109). Konzerte in London (Okt. 1896, Nov. und Dez. 1899), Bristol (Dez. 1896), Oxford (Febr. 1897, März und Nov. 1899), und Woodstock (Dez. 1900) schlossen sich an. Ein Klaviertrio von Anton Arensky gab am 28. Febr. 1897 in Oxford Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit Leila Taylor, die sich inzwischen in ihrer Heimatstadt als Violinlehrerin niedergelassen hatte und als Solistin seltener in Erscheinung trat als ihre Schwester (Konzerte sind bis 1902 in Oxford und Cambridge nachgewiesen). Am 29. Nov. 1899 musizierte May Campbell Taylor, wie sie sich in England meist nannte, am Hampstead Conservatoire in London u. a. mit der Pianistin Fanny Davies und wurde bei ihren Solo-Darbietungen (Massenet: Elegie, Chopin: Polonaise As-Dur, Davïdov: Am Springbrunnen) von ihrem Bruder Colin Moncrieff Taylor begleitet. Auch in England war die Presseresonanz sehr positiv. Neben ihrem „musicianly feeling, added to great technical dexterity“ (Musical Standard 1896 II, S. 388) wurden ihr „great richness and purity of tone“ (Jackson’s Oxford Journal 25. Nov. 1899) und „an unaffected and refined style“ (Minim Jan. 1897, S. 102) bescheinigt. Ihr Bemühen, das Violoncello-Repertoire durch weniger bekannte Werke zu erweitern, wurde allerdings nicht überall honoriert, etwa nach ihrer Mitwirkung in einem Konzert der Pianistin Marie Schwerer am 23. Nov. 1899 in Oxford: „Miss May Taylor’s admirable ’cello playing is well known in Oxford; but it is a pity that she and Miss Schwerer inflicted on the audience a very long and unspeakably bad Sonata in D minor, by Godard“ (Musical Standard 1899 II, S. 395).

Im Nov. 1907 berichtet das „Oxford Magazine“ über May Taylors Mitwirkung in einem Kammerkonzert in Oxford (Klaviertrio G-Dur op. 1 Nr. 2 von Beethoven und d-Moll op. 49 von Mendelssohn). Ein Veranstaltungskalender derselben Zeitschrift kündigt für den 4. Nov. ein „Concert by Miss May Campbell Taylor’s Quartett“ an (Oxford Magazine 31. Okt. 1907, S. 37). Eine letzte Pressemeldung besagt, dass May Campbell Taylor 1908 Lehrerin an der Londoner Highgate School war, einer Public School, an der damals 320 Jungen unterrichtet wurden.

Informationen über ihren weiteren Lebensweg liegen zurzeit nicht vor.

 

LITERATUR

Athenæum 1896, S. 611

Jackson’s Oxford Journal 1899, 3., 15. Juni, 25. Nov.; 1900, 17. Nov., 1., 15. Dez.

The Minim. A Musical Magazine for Everybody Jan. 1897, S. 102

Monthly Musical Record 1892, S. 127; 1893, S. 127; 1894, S. 67

Musical Gazette 1901, S. 77

Musical Herald 1893, S. 111

Musical Journal 1908, S. 73

Musical News 1893 I, S. 253; 1896 II, S. 123, 369, 546; 1899 II, S. 514f., 539

Musical Opinion and Music Trade Review 1895, S. 293

Musical Standard 1894 I, S. 125f., 213, 302f.; 1894 II, S. 469f.; 1895 I, S. 57, 76; 1896 I, S. 109; 1896 II, S. 206, 388; 1897 I, S. 175; 1899 II, S. 395

MusT 1896, S. 758f.; 1899, S. 261, 766; 1902, S. 263; 1907, S. 446

NZfM 1888, S. 95; 1892, S. 113, 173, 204f.; 1894, S. 76, 124, 182

Oxford Magazine 1907, 31. Okt., S. 37; 14. Nov., S. 75

Signale 1890, S. 405; 1892, S. 325; 1894, S. 213, 324, 1895, S. 456

The Year’s Music 1898, S. 129

Frank/Altmann (Art. Taylor, Colin)

 

Freia Hoffmann

 

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