Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

TerminskajaTerminsky, Terminski, Terminska, von / de Terminsky, Monika, Monica

Transliteration: Terminskaja, Monika Vikent’evna

* 1850 in St. Petersburg, Sterbedaten unbekannt, Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin. Monika Terminskaja erhielt ihre pianistische Ausbildung ab 1862 am Petersburger Konservatorium und spielte ihr letztes Prüfungskonzert dort 1867. Aus diesem Anlass wurde ihr und drei weiteren Absolventinnen (die in jenem Abschlussjahrgang gegenüber den Männern 19 zu 9 in der Überzahl waren) bescheinigt, „schon jetzt vollendete Pianistinnen“ (Signale 1867, S. 211) zu sein.

Zwischen 1869 und 1882 scheint die Künstlerin unter dem werbewirksamen Attribut einer Schülerin Anton Rubinsteins (1829−1894) relativ regelmäßig in St. Petersburg aufgetreten zu sein; außerdem sind Konzerte in Moskau und Frankfurt a. M. nachgewiesen, 1881/82 auch in Odessa, Berlin, Brüssel, Antwerpen und Hamburg (am 23. Jan. 1881 spielte sie dort gemeinsam mit Anton Rubinstein dessen Bal Costumé op. 103 für Klavier zu vier Händen). Für die Jahre 1872, 1882, 1897 und 1900 sind auch Auftritte im Ostseeraum und besonders in Wyborg nachweisbar. Außerdem muss es Auftritte im französischen Sprachraum gegeben haben, denn die Zeitung „Östra Finland“ kündigt ein Wyborger Konzert mit einem Zitat aus einer französischen Rezension an: „Le piano est magique, tout puissant, et mlle. Terminsky est son prophète“ („Das Klavier ist magisch, allgewaltig, und Frl. Terminsky ist seine Prophetin“, Östra Finland 30. Jan. 1882, S. 1).

Für den Winter 1881 wird in den „Signalen für die musikalische Welt“ der Plan einer Tournee durch Deutschland, Österreich, Belgien und England angezeigt (Signale 1881, S. 1017). In den deutschsprachigen Zeitschriften und skandinavischen Zeitungen finden sich die letzten Nachweise ihrer Konzerttätigkeit in den Jahren 1899 und 1900, danach verliert sich die Spur, und nicht einmal die einschlägigen russischen Publikationen kennen ein Todesdatum.

Neben ihrer pianistischen Tätigkeit hat Monika Terminskaja ab den 1880er Jahren verstärkt unterrichtet (u. a. am Petersburger Konservatorium) sowie einige kleinformatige Werke komponiert − vor allem Romanzen, von denen die Heinrich-Heine-Vertonung Und wüsstens die Blumen die kleinen (auf Russisch: Esli b znali maljutki-cvetočki) einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben soll (siehe http://mirslovarei.com/content_beo/Terminskaja-Monika-12579.html).

Ihr Lehrer Anton Rubinstein widmete ihr eine Dumka g-Moll (op. 93, Nr. 3a) und eine Polonaise E-Dur (1872/73) für Klavier solo, Peter Tschaikowsky die beliebte Nocturne op. 19 Nr. 4 (1873). Damit markiert das Jahr 1873 offenbar einen wichtigen Moment ihrer künstlerischen Biographie; in dieser Saison spielte sie in Moskau auch Tschaikowskys Romanze op. 5 öffentlich, und zwar in unmittelbarer Konkurrenz zu ihrem Lehrer, Anton Rubinstein, und dessen Bruder Nikolai, die dasselbe Werke zur selben Zeit ebenfalls im Repertoire hatten und öffentlich spielten.

Ihre Laufbahn entwickelte sich dann jedoch nicht in einem entsprechenden Maße weiter. Monika Terminskajas Konzerte werden in den deutschsprachigen Zeitschriften zwar relativ regelmäßig freundlich erwähnt, aber so gut wie nie ausführlich besprochen. Über einen Auftritt 1882 in Berlin heißt es prototypisch: „Die mitwirkende russische Pianistin Monica von Terminsky wußte die Hörerschaft zwar nicht in hohem Grade zu erwärmen, präsentirte sich aber als eine nach technischer Seite hin namentlich Bedeutendes leistende Künstlerin“ (Signale 1882, S. 984).

Die wenigen detaillierteren Bemerkungen über ihr Spiel lassen erschließen, dass sie wohl eine solide Technik („mit großer Bravour und außerordentlicher Sicherheit“, Signale 1877, S. 198), aber ein eher weniger prägnantes musikalisches Profil besaß. Noch 1882 merkt die „Neue Zeitschrift für Musik“ kritisch an: „Das alljährliche [Petersburger] Concert unserer höchst begabten Clavierspielerin Maria [sic] Terminsky [... :] Am Besten spielte sie die Chopin’schen Piecen, besonders das Cismollimpromptu und die Asdurballade. Im Allgemeinen fehlt aber noch die nötige Selbstbeherrschung und Gleichmäßigkeit; bei ihren übrigen, schönen Eigenschaften (schöner Anschlag, poetischer Vortrag, tiefe Auffassung) wird es ihr leicht werden, die noch zuweilen vorkommenden Ueberstürzungen und den Mißbrauch der Kräfte zu beseitigen und somit ihren Leistungen die nöthige Abrundung zu Vervollkommnung zu verleihen“ (NZfM 1882, S. 413f.).

Eine der wenigen ausführlicheren Rezensionen bezieht sich auf eine Petersburger Aufführung von Robert Schumanns Klavierquartett op. 47: „Der Pianofortepart des Schumann’schen Quartetts wurde von Fräulein Terminsky in wahrhaft überraschender Weise ganz vortrefflich ausgeführt, sowohl beziehentlich der Auffassung wie der virtuos-technisch-vollendeten Ausführung ihres ebenso dankbaren als schwierigen Parts. Seit mehreren Jahren hat uns Fräulein Terminsky, eine frühere Schülerin Anton Rubinstein’s (beiläufig gesagt, die einzige derselben, der es gelungen, die großen Eigenschaften und Intentionen ihres Lehrers sich zu eigen zu machen), keine so correcte und vollendete Leistung geboten, und wir sind überzeugt, daß in Folge des stürmischen Beifalls, der derselben mit vollem Recht gezollt wurde, sie rüstig und beharrlich auf der Bahn des Fortschritts bleiben möge; selbst Rubinstein hätte vielleicht nach dieser Leistung gedacht: ,Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, so möchte ich Diogenes sein!‘“ (Signale 1879, S. 118).

Während sich der Hinweis auf den berühmten Lehrer, der insbesondere Schülerinnen (in geringerem Maße auch Schülern) von Anton Rubinstein, aber auch von Franz Liszt und Clara Schumann den Einstieg in eine musikalische Karriere erleichterte, bei vielen PianistInnen mit fortschreitender künstlerischer Reife verliert, begleitet er Monika Terminskaja als stehendes Epitheton. Diese griffige Einordnungshilfe scheint fast einen Ersatz für rezensionsfähige künstlerische Leistungen anzubieten. Zudem fällt auf, dass in den Rezensionen vergleichsweise häufig die guten Besucherzahlen erwähnt werden. Eine Erklärungsmöglichkeit bietet vielleicht eine stark ironisch gefärbte Rezension aus der „Neuen Berliner Musikzeitung“ von 1871, in der es heißt: „Verwandte und Freunde waren zahlreich erschienen, Blumenbouquets hatten sie mitgebracht [...]. Ein Uebelstand solcher Schülerin-Concerte, mit den Namen ihrer respectiven Lehrer als Secundanten, ist, dass im Publicum Streit entsteht, wer besser gelehrt?“ (Bock 1871, S. 149). Über die Bekanntschaft mit der Künstlerin und/oder die Anhängerschaft des berühmten Lehrers wird die Pianistin selbst zum Objekt von Sympathiekundgebungen − die freilich jenseits der Musik ansetzen.

Das Repertoire von Monika Terminskaja zeichnet sich durch einen gehobenen Anspruch aus. Ihre Programme wurzeln im 19. Jahrhundert, wobei Musik der Romantiker Schumann, Chopin, Mendelssohn, Weber und auch deren virtuose Ausprägung bei Liszt, Anton Rubinstein und Henry Litolff vorherrschen; selten erscheinen Bach, Händel und Beethoven auf ihren Programmen, und die damals so beliebten Salon-Piecen des ausgehenden Jahrhunderts scheint sie ignoriert zu haben. Stattdessen widmete sie sich mit Erfolg auch der Kammermusik (z. B. eine Violoncello-Sonate von Mendelssohn, Schumanns Klavierquartett op. 47 und ein Duo für 2 Klaviere von Schumann).

Dass Monika Terminskaja ihre Karriere möglicherweise weniger pflegen konnte als das bei ihrer Ausbildung nahe gelegen hätte, mag auch gesundheitliche Gründe gehabt haben: 1893 meldeten die „Signale“, dass die Künstlerin auf Grund einer Handverletzung eine Tournee absagen müsse (Signale 1893, S. 1014), und schon 1879 stornierte sie krankheitshalber (wenn auch ohne Nennung des Grundes) eine Aufführung des Schumann-Klavierkonzerts (Signale 1879, S. 1093).

 

LITERATUR

Allgemeine Deutsche Musikzeitung 1882, S. 412

Bock 1871, S. 149; 1881, S. 54, 61, 104

Finlands Allmänna Tidning [Helsingfors] 1882, 9., 30., 31. Jan.

Hufvudstadsbladet [Helsingfors] 1882, 22., 24., 25., 27., 29. Jan.

Morgonbladet [Helsingfors] 12. Jan. 1882

NZfM 1881, S. 164; 1882, S. 272, 413, 520; 1900, S. 611

Östra Finland [Wyborg] 4. Jan. 1882

Signale 1867, S. 211; 1869, S. 615f., 632; 1870, S. 472; 1871, S. 409; 1872, S. 263; 1874, S. 440, 890; 1877, S. 198; 1878, S. 40; 1879, S. 118, 182, 1093; 1880, S. 247; 1881, S. 171, 293, 329, 437, 440, 1017; 1882, S. 40, 194, 919, 984; 1883, S. 1014; 1899, S. 533

Wiipurin Sanomat [Wyborg] 18. Febr. 1900

Dni i gody P. I. Čajkovskogo, Letopis‘ žizni i tvorčestva [Tschaikowskys Tage und Jahre, Chronik des Lebens und Schaffens], hrsg. von Vasilij Jakovlev, Moskau u. Leningrad 1940.

Philip S. Taylor, Anton Rubinstein. A Live in Music, Bloomington 2007.

Biographische Information, http://mirslovarei.com/content_beo/Terminskaja-Monika-12579.html, Zugriff am 27. Aug. 2010.

Bol’šaja biografičeskaja enciklopedija [Große Sowjetenenzyklopädie] (2009), http://enc-dic.com/enc_biography/Terminskaja-monika-vikentevna-19160.html, Zugriff am 16. Okt. 2015.

 

Kadja Grönke

 

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