Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

MenterMenter-Schulze, Schulze-Menter, Eugenie

* 19. Mai 1853, vermutlich in München, † 27. Sept. 1934 vermutlich ebd., Pianistin und Klavierlehrerin. Eugenie Menter war eines der neun Kinder der Sängerin und Schauspielerin Wilhelmine geb. Diepold und des Cellisten und Komponisten Joseph Menter (1808–1856). Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie von ihrer älteren Schwester Sofie. Zwischen 1867 und 1869 war sie Schülerin von Hans von Bülow.

Ihr öffentliches Konzertdebüt gab Eugenie Menter am 24. Apr. 1873 in München im Rahmen eines Klavierabends von Benno Walter, wo sie Werke von Liszt, Chopin und Schubert-Tausig spielte. Anschließend konzertierte sie in München, Leipzig, Dresden, Berlin, Stuttgart, Hannover, Braunschweig, Nürnberg, Regensburg und Wien, reiste 1881 nach Italien und Paris sowie 1884 nach Zürich. Spätestens 1887 heiratete sie den königlich-bayerischen Artillerie-Hauptmann D. Schulze und trat fortan unter dem Doppelnamen Menter-Schulze nur noch in Wohltätigkeitskonzerten auf. Für ihre rege Unterrichtstätigkeit wurde sie in ihrer Heimatstadt München zur herzoglich-bayerischen Kammervirtuosin ernannt. Ihr bekanntester Schüler war der Dirigent und Komponist Hugo Reichenberger.

Da Eugenie Menters Repertoire dem ihrer weltbekannten Schwester in vielem ähnelte und zeitgenössische Presseberichte gern nur den Nachnamen nennen, ist häufig unsicher, welche der beiden Pianistinnen gemeint ist. Die Rezensionen zu Eugenies Auftritten sind selten ausführlich, und wenn, dann oft vom Vergleich oder wenigstens der Erwähnung ihrer berühmten Verwandten geprägt. Dabei fällt die Wertung durchaus unterschiedlich aus. Befindet die „Neue Berliner Musikzeitung“ 1882: „Eugenie Menter, die Schwester der weltberühmten Sophie Menter-Popper, hat in Wien concertirt und sich nicht nur als eine fingergewandte, sondern auch ausserordentlich musikalische Clavierspielerin erwiesen“ (Bock 1882, S. 415), so urteilt dasselbe Organ drei Jahre später: „Frl. Eugenie Menter [...] entledigte sich ihrer Aufgabe mit sicherer Technik und vornehmer Noblesse, ohne aber doch die Wirkung des Spiels ihrer ungleich berühmteren Schwester erreichen zu können“ (Bock 1885, S. 28). Dass die Geschwister den Vergleich selbst nicht gescheut haben, zeigt die Tatsache, dass Sofie 1887 in München ein Konzert gab „mit Unterstützung ihrer Schwester Eugenie Menter-Schulze (Signale 1887, S. 259).

Rezensionen ohne expliziten Vergleich zu Sofie Menter sind zumeist positiv: „Im zweiten Abonnementconcert der Hofkapelle [Stuttgart] war Fräulein Eugenie Menter aus München die Instrumentalsolistin. Mit dem Vortrage des Esdur-Concertes von Beethoven, der Fisdur-Romanze von Schumann und Asdur-Polonaise von Chopin stellte sie sich in die Reihe der bedeutenden Pianistinnen, der ihr zu Theil gewordene reiche Beifall war in jeder Beziehung verdient“ (Signale 1880, S. 1124). Auch in München spielte sie 1884 Beethovens 5. Klavierkonzert (offenbar eines ihrer Zugstücke) mit großem Erfolg, und zwar als kurzfristiges Ersatzprogramm für eines der Klavierkonzerte von Brahms, dessen Orchesternoten nicht rechtzeitig eingetroffen waren: „Nur zum höchsten Ruhme muß bekannt werden, daß sie es mit der abgerundeten Vollendung vortrug, wie es, die höchste Technik selbstverständlich vorausgesetzt, nur wahrhafte Künstlernaturen vermögen. Später trug die Künstlerin noch eine Fantasie für Clavier und Orchester über ungarische Nationalweisen von Liszt vor, die dem Interpreten ungewöhnliche Schwierigkeiten bietet, die aber von Frl. Menter mit Leichtigkeit spielend überwunden wurden“ (NZfM 1884, S. 139). Und Max Kalbeck nennt sie sogar „die jüngere, bei weitem musikalischere Schwester der berühmten Sophie Menter“ (Kalbeck S. 116).

Den Schwerpunkt von Eugenie Menters Repertoire bildete die Musik des 19. Jahrhunderts. Wie ihre Schwester spielte sie früh schon Kompositionen von Franz Liszt, doch auch Werke von Brahms setzte sie regelmäßig aufs Programm und fertigte überdies von seinen Variationen op. 21 eine Fassung für zwei Klaviere an. Darüber hinaus bevorzugte sie Beethoven, Schumann, Chopin und Mendelssohn sowie Zeittypisches von Anton Rubinstein, Joachim Raff und Schubert-Arrangements von Carl Tausig. Eher am Rande erschienen in ihren Programmen die wenigen damals bekannten und beliebten Einzelstücke älterer Musik (Domenico Scarlatti, Joh. Seb. Bach).

Als Solistin mit Orchester gab Eugenie Menter mehrfach das oben genannte 5. Klavierkonzert von Beethoven sowie Kompositionen von Liszt und Brahms, und 1881 spielte sie gemeinsam mit Hans oder Hugo Bußmeyer und Hofkapellmeister Hermann Levi „in trefflich abgerundeter Weise“ (Signale 1881, S. 595) Joh. Seb.Bachs Konzert für drei Klaviere d-Moll  BWV 1063. Darüber hinaus trat sie regelmäßig in Kammermusik-Veranstaltungen auf.

 

WERKE

Gavotte, Berlin o. J. (Ries & Erler). Brahms: Variationen über ein eigenes Thema op. 21, Fassung für zwei Klaviere von Eugenie Schulze-Menter

 

LITERATUR

Alter Südfriedhof MünchenSektion 41 - 1 - 23 /24 (Grabstätte Schulze & Schulze-Menter & Wurm), http://www.alter-suedfriedhof-muenchen.info/p19763297

Eugenie Menter, 4 Briefe an La Mara [d. i. Marie Lipsius]. Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv, Stiftung Weimarer Klassik, Weimar, Liszt-Nachlass 59.

AmZ 1873, Sp. 555; 1874, Sp. 458; 1875, Sp. 155, 316; 1878, Sp. 395; 1879, Sp. 285; 1881, Sp. 348, 350

Bock 1873, S. 151f., 359; 1874, S. 78, 143; 1875, S. 23; 1880, S. 390; 1882, S. 415; 1885, S. 5, 28

NZfM 1874, S. 27, 37, 64, 129, 144, 192; 1875, S. 153; 1877, S. 85; 1880, S. 26, S. 540; 1881, S. 75, 119, 163; 1882, S. 287; 1883, S. 11, S. 514; 1884, S. 60, 85, 94, 130; 1885, S. 446; 1886, S. 201; 1894, S. 210

Signale 1874, S. 186; 1879, S. 1016; 1880, S. 10771124; 1881, S. 59, 101, 509, 595, 1147; 1883, S. 322, 1147; 1884, S. 85f.; 1885, S. 121, 485, 948, 997; 1886, S. 380; 1887, S. 259; 1896, S. 278

Frank/Altmann

Bayerisches Musiker-Lexikon Online, hrsg. von Josef Focht, http://www.bmlo.lmu.de/m0582 (Version vom 18. August 2011); Zugriff am 23. März 2012.

Friedrich Jansa, Deutsche Tonkünstler und Musiker in Wort und Bild, Leipzig 1911.

Max Kalbeck, Johannes Brahms, 4 Bde., Bd. 3, 1. Halbbd., Berlin 21914.

Richard Strauss, Jugend und frühe Meisterjahre. Lebenschronik 1864−1898, Zürich u. Freiburg i. Br. 1976.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester, 3 Bde., Bd. 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Erst- und Uraufführungen, Tutzing 1982.

 

Kadja Grönke

 

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