Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

NeumannNeumanski, Leonore, Eleonore, Eleonora, Lenorka

* 1819 in Lissa (Leszno, heute Polen), † 15. Febr. 1840 in Odessa, Violinistin, Klavier- und Gesangslehrerin. Ihre frühe musikalische Ausbildung erhielt die Tochter eines jüdischen Zahnarztes vermutlich in Warschau. Ihre Lehrer waren Giovanni Morandi 1777–1856), Niccolò Paganini (1782–1840) und Joseph Mayseder (1789–1863). Erste Auftritte sind in Moskau, Petersburg, Riga und Warschau belegt. 1830 konzertierte sie in Breslau, Berlin, Prag und Wien, wobei vor allem ihr Konzert in der Berliner Singakademie am 17. Apr. 1830 ein lebhaftes Presseecho auslöste. Die „Zeit der Zeichen und Wunder“, die die „Berliner Allgemeine Musikalische Zeitung“ ironisch angebrochen sieht, spielt auf das Alter der elfjährigen Musikerin an sowie auf die Tatsache, dass Violine spielende Frauen immer noch eine Ausnahme darstellten: „Wenn man bedenkt, welche Hindernisse nicht allein die Natur, sondern auch die Kunst, hinsichtlich der Bekleidung, einem jungen Mädchen bei dem Studium der Geige entgegenstellt, so kann man den Anstrengungen dieses jungen Mädchens durchaus seinen Beifall nicht versagen, obgleich ihr Spiel, ohne die Person betrachtet, noch nicht zu dem [sic] sehr ausgezeichneten gehört“ (Berliner AmZ 1830, S. 133). Im „Sammler“ war über eines ihrer Wiener Konzerte (21. Juni 1830 im Hoftheater beim Kärntnertor) zu lesen: „Dlle. Leonore Neumann [...] spielte in einer musikalischen Academie den Theil eines Concertes von Rud. Kreutzer, und ein Adagio von Alex. Rolla, auf der Violine. Eine solche Ausbildung in so zarter Jugend ist Referenten kaum je vorgekommen, besonders bey dem weiblichen Geschlechte. Ihre Bogenführung ist vollkommen richtig, und ihr Vortrag, wenn auch nicht immer gleich correct und glücklich in Überwindung der Schwierigkeiten, doch immer effectvoll und brillant. Ihr Spiel überraschte die ganze Zuhörerschaft, und man rief sie nach jedem Musikstücke zweymahl hervor(Der Sammler 1830, S. 326).Die „Allgemeine musikalische Zeitung lobte zwar den „langen Bogenstrich, die reine Intonation, gelungenes Flageolet und verhältnissmässige Fertigkeit“, schränkte jedoch ein: „Der Anblick eines die Violin spielenden Frauenzimmers hat jedoch immer etwas, den weiblichen Anstand Störendes“ (AmZ 1830, Sp. 361).

Nach dem Novemberaufstand 1830 war die Familie gezwungen, Polen zu verlassen. Lenorka Neumansky,wie sie von Moritz Gottlieb Saphir genannt wird, kam „mit ihren Eltern und acht Geschwistern (Saphir im Humorist 1847, S. 178) 1831 nach Paris, wo sich die kindliche Geigerin auf Vermittlung von Saphir und Maria Malibran in einigen Konzerten hören lassen konnte. 1834 bis 1838 sind Auftritte in Brüssel, Boulogne-sur-mer, Angers, Lausanne, Bern, Neuchâtel, Genf, Mailand, Venedig und Triest belegt. Beim Konzert in Boulogne-sur-mer trug sie u. a. Kammermusik von Louis Spohr, George Onslow und Joseph Mayseder vor. Das Spiel der 16-Jährigen wurde vom Korrespondenten der „Neuen Zeitschrift für Musik folgendermaßen charakterisiert: „Ihre Vorzüge bestehen in reiner Intonation, großem Ton, wunderschöner Bogenführung und durchaus geregelter Schule; sie ist im Besitz aller möglichen Stricharten, den springenden Bogen habe ich blos bei Mayseder so vollkommen getroffen; sie überwindet alle Schwierigkeiten mit so großer Ruhe, daß sie ein Taubgeborener für sehr kalt halten müßte, ich habe aber selten Cantilenen so ausdrucksvoll vortragen gehört; manchmal nimmt sie vielleicht im Tempo etwas zu langsam, sie kann aber auch die Noten zum Erstaunen fliegen lassen“ (NZfM 1835 I, S. 118). In Triest musizierte sie in drei Konzerten Werke von Mayseder und Lipinsky und hatte dort das Glück, einen wohlwollenden Kritiker anzutreffen, der die Schicklichkeitsfrage zu ihren Gunsten zu wenden verstand: „Das gewöhnliche Vorurtheil, daß die Violine in einen [sic] weiblichen Arm gerade nicht zum Besten tauge, das Auge beleidige und dem Ohre nur Mittelmäßiges biete, mußte bei dem Auftreten der jungen liebenswürdigen Künstlerin, bei den ersten Takten [...] einer Komposition von Mayseder] weichen [...]. Die Haltung, die Alles, was an Unvollkommenes und Unpassendes erinnern könnte, gänzlich beseitigt, so wie die Bewegungen des rechten Armes sind voll Ruhe, Rundung und Anmuth. Der Ton, der aus dem trefflichen Instrumente von der Hand der Künstlerin schmilzt, ist so lieblich und weich, und ihr Vortrag so überaus zart, natürlich und ausdruksvoll, daß man unwillkürlich zur Überzeugung hingerissen wird: solche Töne können nur von zarter weiblicher Hand, nur von dem tiefen weiblichen Gefühle den Saiten des Instrumentes entlokt werden (Adria 1838, S. 207f.).

Aufschlussreich ist, dass die Musikerin in Genf, wo sie den Winter 1837/38 verbrachte, Unterricht in Klavier und Gesang für fortgeschrittene SchülerInnen anbot (Campos, S. 266f.). Sie stellte in diesem Zusammenhang auch Begleitung auf der Violine in Aussicht, während es keine Belege dafür gibt, dass sie auch auf ihrem Hauptinstrument Unterricht erteilt hätte.

Leonore Neumann starb an einem Lungenleiden. 

 

LITERATUR

Adria. Süddeutsches Centralblatt für Kunst, Literatur und Leben 1838, S. 128, 140, 207f., 224, 211f., 219

AmZ 1830, Sp. 361, 602, 636

Berliner AmZ 1830, S.133

Bohemia [Prag] 1830, 9. Mai

Castelli 1829, S. 184; 1830, S. 88; 1838, S. 86, 116, 120, 167f.

Gazette de Lausanne 1837, 31. Okt., 3. Nov.

Gazette des théâtres 1834, S. 151

Der Humorist 1840, S. 246; 1847, S. 178

Intelligenzblatt für die Stadt Bern 1837, 11. Nov., S. 2; 18. Nov., S. 387f.

Iris 1830, Nr. 4

NZfM 1835 I, S.118; 1838 I, S. 192

Revue de l'Anjou et du Maine 1857 I, S. 217

Rigasche Stadtblätter 24. Apr. 1829

Der Sammler 1830, S. 326

Wiener Zeitschrift 1830, S. 676

RudolphRiga

Meyer Kayserling (Hrsg.), Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst, Leipzig 1879, Repr. New York 1980.

Nahida Ruth Lazarus, Das jüdische Weib3Leipzig 1892, Repr. Frankfurt a. M. 1999.

Rémy Campos, Instituer la musique. Les premières années du Conservatoire de musique de Genève (1835–1859), Genf 2003.

Theaterzettel (Oper und Burgtheater Wien), http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wtz&datum=18300621&seite=1&zoom=33, Zugriff 16. 9. 2013.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wtz&datum=18300629&zoom=33, Zugriff am 16. 9. 2013.

 

Bildnachweis

Bildarchiv Austria der Österreichischen Nationalbibliothek, Inventarnr. PORT_00012868_01, http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=3780652, Zugriff am 26. Aug. 2011.

Beilage zu Nr. 41 der privilegirten Schlesischen Zeitung vom 17. Febr. 1830.

 

Freia Hoffmann

 

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