Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Proksch, Marie, Maria

* 1836 in Prag, † 17. Mai 1900 ebd., Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin. Marie Proksch entstammte einer Prager Musikerfamilie. Ihr Vater Josef Proksch (1794–1864) übernahm die Ausbildung seiner Tochter auf dem Klavier und in der Komposition. Die Mitwirkung in einem Konzert des Violinisten Ferdinand Laub in Teplitz (tschechisch Teplice) am 16. Aug. 1852 scheint einer der ersten öffentlichen Auftritte der Musikerin gewesen zu sein. Mit Blick auf die Interpretation einer Nocturne von Chopin sowie einer Mazurka ihres Vaters wurden der Pianistin von der „Neuen Zeitschrift für Musik“ „schöner Ton, bestimmter Anschlag, eine wohlthuende Correktheit und fein nüancirter Vortrag“ (NZfM 1852 II, S. 301) bescheinigt. 1856 (5. Sept.) und 1857 (19. Okt.) gab Marie Proksch Konzerte in Laibach und musizierte vor dem 8. Jan. 1858 in Graz (Theater, Musikschule Buwa). Im Febr. 1858 beteiligte sie sich an einer Kammermusiksoiree ihres Vaters in Prag und reiste auf dessen Anregung 1862 zusammen mit Auguste Kolár, einer weiteren Schülerin von ihm, nach Paris, „um hier als dem Sammelplatze musikalischer Celebritäten sich mit diesen bekannt zu machen und die höhere virtuose Ausbildung zu erlangen“ (NZfM 1876, S. 175). Die jungen Musikerinnen lebten einige Zeit bei Wilhelmine Clauss-Szarvady, die in den 1840er Jahren ebenfalls die Musikschule Proksch besucht hatte und sich nun um Auftrittsmöglichkeiten für die beiden Pianistinnen bemühte. Mitte Mai des Jahres 1862 meldet der „Ménestrel“ einen Auftritt von Marie Proksch und Auguste Kolár in der Pariser Salle Pleyel. Marie Proksch trug dort zusammen mit den Musikern Heermann und Müller Mendelssohns Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49 sowie solistisch eine eigene Komposition (Mazurka) vor.

Für die folgenden Jahre lassen sich derzeit keine öffentlichen Auftritte Marie Proksch’ nachweisen, in der Presse wird rückblickend ihre Abwesenheit von der Konzertbühne angemerkt. In den Jahren 1867 bis 1869 veranstaltete die Musikerin eigene Kammermusikmatineen in Prag und hat sich dadurch, so die „Neue Zeitschrift für Musik“, „allgemeinen Dank für [die] Einführung dieser in Prag nur selten würdig vertretenen Gattung erworben. […] Den Intentionen von Frl. Maria Proksch entsprechend, soll in diesen Matinéen die Kammermusik mit obligatem Clavierpart vertreten sein, und es läßt sich gerade für diesen Styl keine exacter und gediegener gebildete Pianistin als die genannte denken, deren markiger Anschlag, Ruhe und Entschiedenheit der Auffassung und solide Technik, die für die ausübenden Künstlerinnen ihres Geschlechtes sonst charakteristischen Merkmale ganz verleugnet“ (NZfM 1868, S. 92). Unterstützung erhielt sie von den Musikern Josef Řebíček (Violine), Anton Bennewitz (Violine), Ludwig Slansky (Violine), Wilhelm Bauer (Violine/Viola), dem Bratschisten Horak und Bruno Wilfert (Violoncello). Zur Aufführung gelangte Kammermusik von Haydn (Trio C-Dur), Mozart, Beethoven (Sonate für Violoncello und Klavier aus op. 102; Trio B-Dur), Bonifazio Asioli, Schubert (Nocturne für Klaviertrio Es-Dur D 897), Wenzel Heinrich Veit (Klaviertrio d-Moll op. 53), Mendelssohn (Sonate für Klavier und Violoncello; Klavierquartett h-Moll op. 3), Chopin (Klaviertrio g-Moll op. 8), Robert Schumann (Klavierquintett Es-Dur op. 44; Klaviertrio g-Moll op. 110), Reinecke (Klaviertrio), František Zdeněk Skuherský (Trio) und Brahms (Klaviertrio Nr. 1 H-Dur op. 8). Abgesehen von den Kammermusikmatineen bleibt die Anzahl der Hinweise auf die Konzerttätigkeit Marie Proksch’ gering. Im Sommer 1869 wirkte sie in einem Konzert des Harfenisten Karl Oberthür in Prag mit. Gemeinsam mit dem Konzertgeber brachte sie dessen Duo für Harfe und Klavier zur Aufführung. Mit Anton Bennewitz und Bruno Wilfert musizierte sie Anfang 1871 in einem Prager Konzert der blinden Zithervirtuosin Annette Kuhn ein Klaviertrio von Robert Schumann.

Als Kammermusikerin erwarb sich Marie Proksch ein hohes Renommee. Sie wurde von den „Signalen für die musikalische Welt“ 1869 „zur geringen Anzahl jener Damen“ gezählt, „die Kammermusik spielen können“ (Signale 1869, S. 25). Das solistische Wirken beschränkt sich dagegen offenbar auf die ersten Jahre ihrer Konzerttätigkeit. Zu dieser Zeit enthielt das Konzertrepertoire, abgesehen von den genannten Werken, Beethovens Klaviersonate Nr. 21 op. 53 (Waldstein), Chopins Berceuse op. 57 sowie Ungarische Rhapsodien von Liszt.

 

 
Annonce aus der Zeitung „Bohemia“.

 

Seit ihrer Rückkehr aus Paris (1862 oder 1863) wirkte Marie Proksch als Klavierlehrerin an der Musikschule ihres Vaters, zu dessen SchülerInnen Auguste Auspitz-Kolár, Wilhelmine Clauss-Szarvady, Franz Bendel, Bedřich Smetana (sein Streichquartett Nr. 1 e-Moll, Aus meinem Leben, widmete er Marie Proksch), Josef Krejči und Pius Richter zählten, und war dort schon früh für höhere Klassen verantwortlich. Als Josef Proksch 1864 starb, wurde die Einrichtung von Marie Proksch und ihrem Bruder Theodor (1843–1876) unter dessen Namen weitergeführt. Noch vor Theodors Tod übernahm Marie die Leitung der Musikschule und stand ihr bis zu ihrem Tod vor. Ihr folgte Robert Franz Proksch, ein Neffe von Josef Proksch, der zusammen mit Marie von Walpach schon vorher an dem Institut von Marie Proksch unterrichtet hatte. Nach seinem Tod im Jahr 1933 wurde es aufgelöst. Spätestens mit der Übernahme der Direktion der Anstalt zog sich Marie Proksch aus dem öffentlichen Konzertleben zurück und konzentrierte sich stattdessen auf ihre Lehrtätigkeit. Die „Bohemia“ schreibt hierzu: „Frl. Proksch wäre seinerzeit vielleicht berufen gewesen, eine glänzende Virtuosenlaufbahn zu beschreiten, hatte schon ehrenreiche Concertreisen, die sie bis Paris und Fiume führten, zurückgelegt, aber sie erkannte ihre wahre Lebens-Aufgabe in der Fortführung der Traditionen ihres Vaters. So ist es ihr zu danken, daß die Proksch-Schule ihren Ruf als die eigentliche ‚Prager‘ Schule bis zum heutigen Tage sich bewahrt hat“ (Bohemia 20. Mai 1900). An ihrer Musikschule scheint Marie Proksch ausschließlich Mädchen ausgebildet zu haben – in den Programmen der jährlich veranstalteten Soireen sind lediglich Pianistinnen aufgeführt. Ausnahmen bildete die Mitwirkung von Robert Proksch sowie einiger professioneller Prager Instrumentalisten und SängerInnen. In der Presse fanden die Konzerte eine durchweg positive Resonanz. Viel Beachtung erfuhr die Lehrmethode. Marie Proksch folgte diesbezüglich ihrem Vater, dessen „Versuch einer rationellen Lehrmethode im Pianofortespiel mit Anwendung des Handleiters“ sie revidiert und um 1895 neu herausgegeben hatte.

 

LITERATUR

Josef Proksch, Versuch einer rationellen Lehrmethode im Pianofortespiel mit Anwendung des Handleiters. Nach pädagogischen Grundsätzen in progressiver Reihenfolge nach den besten Mustern, zunächst für den Gebrauch seiner Schüler verfasst und geordnet, 2 Bde., rev. u. hrsg. von Marie Proksch, Prag um 1895.

BioNekro 1903, Sp. 112

Bohemia [Prag] 1858, 27. Febr., 12. Okt.; 1874, 5. Febr.; 1876, 9., 12. März (Beilage), 24. Okt.; 1885, 1. Sept. (Beilage); 1900, 20. Mai; 1901, 27. Jan., 30. Juni; 1902, 15., 18. Apr., 5. Sept.; 1906, 16., 22. Nov.; 1908, 13. Sept.; 1909, 8. Sept.

FritzschMW 1900, S. 392

Le Guide musical 1900, S. 561

Klagenfurter Zeitung 8. Jan. 1858

Le Ménestrel 1862, S. 191

Mittheilungen des Nordböhmischen Excursions-Clubs 1900, S. 358

Monthly Musical Record 1900, S. 164

Musikpädagogische Blätter 1900, S. 207

Neue Wiener Musik-Zeitung 25. Sept. 1856

NZfM 1852 II, S. 301; 1868, S. 92; 1869, S. 59, 154; 1871, S. 94; 1876, S. 175; 1885, S. 212; 1886, S. 237; 1887, S. 369; 1888, S. 339, 355; 1890, S. 255, 343; 1891, S. 286f.; 1892, S. 232, 245, 258; 1893, S. 240, 370; 1894, S. 341, 410f.; 1895, S. 249; 1896, S. 249f.; 1897, S. 285; 1898, S. 237; 1900, S. 276, 347

Prager Abendblatt 1867, 4. Nov., 13. Dez.; 1868, 31. Jan., 10. Nov., 22., 24. Dez.; 1869, 19., 23. Jan.

Signale 1869, S. 25, 117, 183; 1885, S. 980; 1900, S. 620

Wurzbach (Art. Proksch, Joseph), ADB (Art. Proksch, Joseph), Riemann 5 (Art. Proksch, Josef), ÖBL, MGG 2000

Ratibor Budiš, „Die Prager Jahre des Josef Proksch“, in: Sborník prací Filosofické fakulty Brněnské University. Studia Minora Facultatis Philosophicae Universitatis Brunensis 8 (1973), S. 73–80.

Christel Nies, entdeckt und aufgeführt. Komponistinnen und ihr Werk IV, Kassel 2010.

Women in Czech Music, http://www.kapralova.org/WOMEN.htm, Zugriff am 8. Aug. 2014.

 

Bildnachweis

Bohemia 1. Sept. 1885 (Beilage)

 

Annkatrin Babbe

 

© 2014 Freia Hoffmann