Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

HaftHafft, Bertha, Berta, verh. Breitner

* ca. 1860, wohl in Wien, Sterbedaten unbekannt, Violinistin. Über ihre Herkunft und Familie ist ebenso wenig bekannt wie über ihre ersten Ausbildungsschritte. Bertha Haft war Absolventin des Wiener Konservatoriums. Bereits 1872 erhielt sie in den Prüfungen des Konservatoriums einen ersten Preis, wobei neben ihr auch andere Violinistinnen wie Helene Lechner und Eugenie Epstein ausgezeichnet wurden. 1874 schloss Bertha Haft ihr Studium am Konservatorium ab. Ihr Lehrer an diesem Institut war Carl Heißler (1823–1878), Schüler Georg Hellmesbergers und Spieler in den Streichquartett-Ensembles von Leopold Jansa und Josef Hellmesberger d. Ä. Offenbar hatte die Geigerin ein vertrautes Verhältnis zu ihrem Ausbilder. Der „Klavier-Lehrer“ berichtet 1878, dass Bertha Haft nach Kenntnisnahme der Erkrankung Heißlers ihre Konzertreise abbrach und nach Wien zu ihrem sterbenden Lehrer zurückeilte.

Nach Studienabschluss begann sich Bertha Haft offenkundig rasch und gezielt auf den Podien zu etablieren. Im Nov. 1874 spielte sie im gemischten Programm der Stiftungsliedertafel des Wiener Männergesangsvereines, in demselben Monat gab sie ein eigenes Konzert in der Donaumetropole. Noch 1874 ging sie auf Konzertreise, ließ sich Ende Dez. in Prag in zwei Konzerten der Sängerin Pauline Lucca, Anfang 1875 in Brünn, 1876 dann in Breslau und in München (u. a. mit der Sängerin Aglaja Orgeni und der Pianistin Vera Timanoff) hören.

Ab Apr. 1877 tourte Bertha Haft mit Orgeni und Luise Adolpha Le Beau durch Städte in Bayern (Ingolstadt, Würzburg, Bamberg, Nürnberg, Augsburg). Le Beaus „Lebenserinnerungen einer Komponistin“ geben einen plastischen Einblick in die organisatorischen Verhältnisse, unter denen diese Reise stattfand. Die Komponistin – selbst auch Geigerin – begleitete das Violinspiel am Klavier und charakterisiert kurz auch die Violinvirtuosin: „Fräulein Haft übte stundenlang neben meinem Zimmer im Hotel, sodaß ich nicht einmal etwas ruhen konnte. Sie war ein begabtes, sehr unruhiges Geschöpf, das auch sonst vielen Lärm machte“ (Le Beau, S. 79f.). Noch 1877 bildete Bertha Haft ein Duo mit einer weiteren Pianistin, sie spielte erneut gemeinsam mit Vera Timanoff, mit der sie etwa in Wien auftrat. Später in jenem Jahr ließ sie sich auch in Leipzig hören. Im Euterpekonzert war sie so erfolgreich, dass sie im Anschluss auch vom Gewandhaus als Solistin verpflichtet wurde. Dort spielte sie Anfang Nov., neben ihr wirkte u. a. Amalie Joachim. Kurz darauf spielte sie auch in Dresden und Kassel. Im Herbst 1877 wurde die Geigerin besonders durch die Leipziger Konzerte und die teils hochlobenden Berichte der dort ansässigen Musikzeitschriften zunehmend einem breiteren Publikum bekannt.

Im Dez. 1877 reiste Bertha Haft in die Niederlande weiter und spielte nur fünf Tage nach ihrem Kasseler Konzert in der Diligentia in Den Haag und zwei Tage darauf im Amsterdamer Felix Meritis. „Die jugendliche Violinvirt. Berta Haft concertirte in letzter Zeit den uns vorl. dort. Bl. zufolge mit wahrhaft sensationellem Erfolge in den ersten Städten Holland’s“ (NZfM 1878, S. 9). Doch auch in den Niederlanden verblieb die Geigerin nicht lange – zu Beginn des Jahres 1878 spielte sie bereits in der Berliner Singakademie. Ende Juni 1878 konzertierte sie in Paris, später in jenem Jahr war sie in Baden-Baden zu Gast. Auch hier musizierte sie wieder mit einer Frau zusammen: Partnerin am Klavier war Anna Rilke. Im Herbst 1878 besuchte Bertha Haft wieder Breslau, wo sie einmal mehr mit Aglaja Orgeni und mit dem Pianisten Leonhard Emil Bach auftrat, zudem konzertierten die Drei in Posen, Dresden, Görlitz und Liegnitz. Ebenfalls in diesem Jahr musizierte sie in Reichenau mit dem Pianisten Robert Fischhof. 1879 spielte sie im Apr. in Paris, im Sommer dieses Jahres war sie erstmals auch in London zu hören. Durch den Ausfall Hans von Bülows als Pianist war Ende Juni im Philharmonischen Konzert eine Programmumstellung nötig geworden: Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 übernahm Caroline Montigny-Rémaury, Bertha Haft spielte, als Ersatz für das ausgefallene Concertstück von Weber, Musik von Spohr und Bazzini. Beide Frauen erhielten enthusiastische Kritiken und erheblichen Zuspruch durch das Publikum. Kurz darauf nahm sie an zwei Kammerkonzerten in kleinerem Rahmen teil (u. a. mit dem Chopin-Schüler Louis Stanislaus Mortier de Fontaine). Ende Okt. war sie nochmals im Leipziger Euterpe-Konzert zu hören, tourte aber auch durch die Schweiz. So trat sie im Nov. in Zürich und Anfang Dez. in Lausanne auf. Noch in demselben Monat war sie wieder im Deutschen Reich tätig und spielte in Frankfurt a. M., ein Jahr später war sie in Würzburg (u. a. wieder mit der Sängerin Orgeni) zu hören.

 

Konzertanzeige aus Lausanne, während der 
Schweiz-Tournee 1879.

 

Im März 1880 konzertierte Bertha Haft erneut in Paris. Ebenfalls an der Seine heiratete sie am 1. Juni 1880 den Pianisten und Schüler Rubinsteins und Liszts Ludwig Breitner (1851–1933). Mit ihm gab sie 1881 im Saal Erard zwei Kammermusikabende. Danach war für viele Jahre nichts mehr von der Musikerin zu hören.

Das Karriereende bedeutete dies dennoch nicht: 1892 war wieder von Bertha Breitner-Haft zu lesen. Mit ihrem Mann bildete sie den Kern des „Pariser Trios“, einem Klaviertrio, in dem zunächst ein Cellist Bürgen als dritter Partner agierte, der 1893 von Ferdinando Ronchini (1865–1938) abgelöst wurde. Das Trio musizierte 1892 und 1893 in Wien, London, später in Berlin und in Anklam. Anscheinend existierte das Ensemble jedoch nur für kurze Zeit, denn nach 1893 sind keine weiteren Informationen zu finden. Das Repertoire des „Pariser Trios“ war, soweit erkennbar, anspruchsvoll, es enthielt beispielsweise Trios von Saint-Saëns (Nr. 2 e-Moll op. 92), Schumann (Nr. 2 F-Dur op. 80) und Brahms (Nr. 3 c-Moll op. 101).

Bereits in jungen Jahren hatte sich Bertha Haft an Literatur gewagt, die sonst wenig von Frauen gespielt wurde. Einerseits enthielt ihr Repertoire Werke hohen musikalischen Anspruchs, etwa mehrere Sonaten für Klavier und Violine Beethovens, aber auch dessen G-Dur-Romanze, dazu Violinkonzerte von Mendelssohn (e-Moll op. 64), Bruch (Nr. 1 g-Moll op. 26), Spohr (Nr. 8 op. 47 in Form einer Gesangsszene) und Joachim (e-Moll op. 11 in ungarischer Weise). Andererseits präsentierte sie dem Publikum Werke von signifikanter spieltechnischer Virtuosität, etwa Musik von Wieniawski, Heinrich Wilhelm Ernst (Othello-Phantasie), Vieuxtemps, Sarasate und Paganini. Dessen Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6 spielte sie ebenso wie Ferdinand Laubs technisch schwierige Concert-Polonaise op. 8 1877 in Leipzig.

In solchem Repertoire und ebenso in der öffentlichen Wahrnehmung zeichnet sich beim Blick auf Violinistinnen eine Änderung ab. Der ästhetische Zugangsweg zur Violine bestand für Frauen nun anscheinend nicht mehr zwangsweise in einem lyrisch-sanglichen, als vermeintlich ‚weiblich titulierten Spiel. Die offenbar hemmungslose Virtuosität, die Bertha Haft selbst mit Werken Paganinis öffentlich zur Schau stellte, wurde nicht mehr grundsätzlich kritisiert, sondern von vielen Kritikern durchaus goutiert. So wird ihr, die offenbar über herausragende violinistische Mittel verfügte, durchaus zugestanden, dass sie „das Zeug und die immense Technik zu einem weiblichen Paganini besitzt“ (Illustrirter Kalender für 1879, S. 108). Insbesondere die „Neue Zeitschrift für Musik“ ist um Würdigung bemüht und ordnet die Leistungsfähigkeit der Geigerin mehrmals auf sehr hohem Niveau ein. Aus Breslau ist zu lesen: „Frl. Bertha Haft ist auf dem besten Wege, eine Violinvirtuosin ersten Ranges zu werden. Sie übertrifft die Leistungen einer Wilhelmine Neruda in ihrem Alter an Energie des Tons und an Feuer im Vortrag bei Weitem, sie wirkt hinreißend und behandelt das Instrument mit männlicher Sicherheit und Delikatesse“ (NZfM 1878, S. 487). Dasselbe Blatt aus Leipzig: „So meisterhafte Ueberwindung der schwierigsten Passagen, Doppelgriffe, Arpeggien und anderer ächt Paganini’scher Schwierigkeiten in reinster Intonation hat man von einem 17jährigen Fräulein (älter wird die Dame nicht sein) wohl noch nicht erlebt. In einem Air von Bach bekundete sie über Erwarten tiefes Verständniß dieses ächt deutschen Meisters und nach ihrem letzten Vortrage, einer Polonaise von Laub, veranlaßte sie nicht endenwollender Enthusiasmus zu einer Zugabe“ (NZfM 1877, S. 488). Vollends beeindruckt zeigt sich schließlich der Kritiker aus Baden-Baden: „Bei dieser großen Jugend  Fräulein Haft zählt erst 18 Jahre –  gehört eine so gleichmäßig ausgebildete virtuose Technik, eine solche Reife und Ruhe des Vortrags zu den größten Seltenheiten. Frl. Haft ist keine von jenen Violinvirtuosinnen, die entweder auf ihre ‚Erscheinung (als Wunderkind) spekuliren, oder auf ‚Dressureinige Kunststücke produziren, die nur beim ersten Hören frappiren. Sie ist eine wirkliche Künstlerin von ausgezeichneter Schule, musikalisch vielseitig gebildet, und anmuthig in der Erscheinung, wie in der Interpretation. Ihre elegante und engerische [energische] Bogenführung, ihre absolut reine Tonbildung, ihre brillante Technik, ihr sinniger und stylvoller Vortrag  das Alles kann vereint nur animirend und erwärmend auf das Publikum wirken, dessen Beifall sich auch von Nummer zu Nummer immer mehr steigerte und schließlich bei der Othello-Phantasie in Enthusiasmus überging, der sich in Lorbeerkränzen gipfelte“ (NZfM 1878, S. 352).

 

LITERATUR

The Academy [London] 1893, S. 551

AmZ 1877, Sp. 733; 1878, Sp. 14, 237; 1879, Sp. 684

Athenæum 1879 I, S. 833; 1879 II, S. 59, 90; 1893 I, S. 807

Bock 1874, S. 203, 405; 1875, S. 14, 70; 1876, S. 367; 1878, S. 27, 295, 374; 1879, S. 375; 1880, S. 103; 1881, S. 103f., 1893, S. 180

Bohemia [Prag] 1874, 29. Nov. (Beilage), 24. Dez.

Deutsche Zeitung [Wien] 26. Juli 1872

FritzschMW 1877, S. 23, 54, 84, 345, 615, 627, 629, 631, 643, 706; 1879, S. 509, 573; 1893, S. 238, 292

Gazette de Lausanne 1879, 4., 5. Dez.

Illustrirter Kalender für 1879. Jahrbuch der Ereignisse, Bestrebungen und Fortschritte im Völkerleben und im Gebiete der Wissenschaften, Künste und Gewerbe 1878, S. 108

Der Klavier-Lehrer 1878, S. 281

Leipziger Zeitung 1878, S. 106

Monthly Musical Record 1876, S. 24; 1877, S. 189; 1878, S. 9;  1879, S. 110, 186

Musical News 1893 I, S. 581

Musical Opinion and Music Trade Review 1893, S. 587

Musical Standard 1879 I, S. 399; 1893 I, S. 488f.; 1893 II, S. 440

MusT 1877, S. 609

MusW 1879, S. 403

Neue Freie Presse [Wien] 6. Dez. 1874

NZfM 1875, S. 28, 61; 1876, S. 123; 1877, S. 27, 152, 481, 488, 491, 519, 533, 545; 1878, S. 7, 8, 9, 39, 296, 334, 345, 352, 487, 508; 1879, S. 8f., 237; 1881, S. 131

The Orchestra 1879, S. 373

Signale 1874, S. 562; 1876, S. 1028; 1877, S. 949, 989; 1878, S. 125, 227, 230, 666, 948, 999, 1001; 1879, S. 43, 195, 474, 661, 889, 903; 1880, S. 22, 406, 555, 601; 1881, S. 163; 1885, S. 960f.; 1892, S. 565; 1893, S. 377, 999, 1048

Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 1874, 15., 29. Nov.

Louis de Fourcaud [u. a.], La Salle Pleyel, Paris 1893.

Jacques Burdet, La Musique dans le Canton de Vaud au XIXsiècle, Lausanne 1971.

Luise Adolpha Le Beau, Lebenserinnerungen einer Komponistin, Baden-Baden 1910, Repr. Gaggenau 1999.

 

Bildnachweis

Gazette de Lausanne 5. Dez. 1879

 

Volker Timmermann

 

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