Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Castellan, (Claire-)Thérèse(-Marguerite), Thérésa

* 21. März 1845 in Marseille, † nach 1890 (Ort unbekannt), Violinistin. Nachdem sie 1861 am Pariser Konservatorium mit dem Spiel eines Violinkonzertes von Rodolphe Kreutzer den ersten Preis errungen hatte, erwarb sie sich während dreier Jahrzehnte in ganz Europa, vor allem jedoch in England, einen glänzenden Ruf als Solistin. Er erlaubte ihr, bereits 1870 in Windsor bei Hof und in der Folge in den Häusern des englischen Hochadels und Großbürgertums aufzutreten. Das Ziel dieser Haus-Konzerte war häufig die Unterstützung von Kranken- und Waisenanstalten, u. a. des Jenny-Lind-Hospitals in Norwich. Wohltätigen Zwecken waren auch die jährlichen Konzerte der berühmten Geigerin gewidmet. Sie fanden stets Anfang Juli in den Palästen der Reichen statt. In vielen Programmen wirkte Castellan mit berühmten Sängerinnen zusammen wie Adelina Patti (1843–1919), Pauline Viardot-García (1821–1910) und Christine Nilsson (1843–1921).

Nachdem Thérèse Castellan zunächst ihren Wohnsitz in Paris hatte und dort 1864, 1866 und 1867 mehrfach mit Auftritten erwähnt wird, verlagerte sie ihre Tätigkeit dauerhaft nach London, von wo aus sie häufig zu Auftritten in Südengland und Wales reiste, aber auch zu Konzertreisen ins Ausland, immer wieder nach Paris, 1866 nach Nizza, 1869 nach Baden-Baden, wo sie an den neunteiligen „Matinées classiques“ teilnahm – u. a. neben Pablo de Sarasate. Eine Meldung, sie werde im Herbst 1869 in Boston auftreten (MusW 1869, S. 370), beruht wohl auf einem Irrtum. 1876 konzertierte sie in Monaco und verband diese Reise mit einem Auftritt in Paris, der einen Eindruck ihres internationalen Ruhms und ihrer Position innerhalb höchster Gesellschaftskreise vermittelt: „Before quitting Paris, the Marchionesse of Caux took her musical farewell at an evening party given by Mr. and Mrs. Clarke, at their residence, Place de l’Opéra“ (MusW 1876, S.793). Die noblen Gäste, darunter der persische Botschafter, ein belgischer Minister, der russische Fürst Galitzin, Ambroise Thomas (Direktor des Konservatoriums) und der Maler Gustave Doré, wurden durch den Gesang der Gastgeberin erfreut und durch die Kunst von vier weiteren MusikerInnen, darunter Thérèse Castellan. Nach zahlreichen weiteren Erfolgen in der Wahlheimat England kam es im Herbst 1881 tatsächlich zu einer USA-Tournee, und zwar im Gefolge von Adelina Patti und im Verein mit mehreren Gesangssolisten, etwa Pattis Mann, dem Tenor Ernesto Nicolini, und der Altistin Auguste Hohenschild.

Schon im folgenden Jahr war Thérèse Castellan, wiederum neben Adelina Patti, an einem Benefiz-Konzert für ein Krankenhaus in Swansea (Wales) beteiligt. Da für die nächsten beiden Jahre keine Nachrichten vorliegen, verdient eine Meldung von 1885 aus Paris Aufmerksamkeit: „Die treffliche Violinistin Therese Castellan wird nach langer Pause in einem am 7. Mai bei Erard zu gebenden Concerte wieder einmal vor der Oeffentlichkeit erscheinen“ (Signale 1885, S. 519). In den nächsten Jahren überschlugen sich die Lobsprüche für „this gifted young lady, whom I cordially congratulate upon her latest acquisition – an instrument of extraordinary power and sweetness“ (The Theatre 1. Aug. 1885, S. 86)Am 5. Juli stellte sie es während ihres „annual concert“ vor „and scored a success at the first order“, wieder bei Lady Goldsmid (ebd.). Bei solchen Konzerten wurde sie oft von über 20 Musikern und Musikerinnen unterstützt. Die Menge an Solisten konnte bei anderen Ereignissen noch weit übertroffen werden, so bei einem Londoner „Monstre-Concert“ unter Leitung von Sir Julius Benedict (1804–1885), bei dem am 22. Juni 1870 Thérèse Castellan unter allein 40 Solokräften aufgetreten war.

Die Wohltätigkeitskonzerte mit Patti und Nicolini setzten sich 1886 und 1887 fort, ebenso die Jahreskonzerte, jenes von 1889 wiederum am 8. Juli. Im Mai 1888 trat Thérèse Castellan in Paris auf. Die bisher letzte Nachricht stammt von 1890: „Mme. Therese Castellan has settled in Paris, where she is giving violin recitals and lessons“ (The Strad 1890, S. 3). Die 45-Jährige verließ also, auf dem „summit of her ambition“ (The Theatre 1887, S. 93) und ihrer Erfolge, London und kehrte an den Ort ihrer Ausbildung zurück. Über ihren weiteren Lebensweg liegen keine Informationen vor.

Thérèse Castellans jährliche Juli-Konzerte, auch „annual morning concerts“ oder „matinées“ genannt, unterschieden sich von den so genannten Popular Concerts wie jenem Benedictschen von 1870 durch eine Atmosphäre und ein Publikum, die häufig als „aristocratic“ gelobt wurden, getragen von einer „fashionable company“ (The Lute 1889, S. 70), Gästen von „rank and fashion“ (The Theatre 1888, S. 88). Diese Aura feiner, vielleicht besonders englischer Gesittung zeigte sich im Verhalten des Publikums, so in einem „annual concert“ von Frederic II. Cowen unter Teilnahme von Thérèse Castellan „at Dudley House, Park Lane, under the Patronage of the Earl and Countess of Dudley“ (MusW 1875, S. 427) am 18. Juni 1875: „The handsome picture-gallery of the noble Earl was nearly filled by an elegantly dressed audience, who, to prove their right to be called, as it were, aristocratic, also, where singularly cold and reticent of their ‚applause; but the rustling of the fans [das Rascheln der Fächer] and the ‚nodding of heads took the place of noisy demonstrations, and the artists where satisfied accordingly“ (ebd.). Diese Atmosphäre führte häufig zu entsprechender Zurückhaltung auch auf dem Podium. Zwar wurden viele Stücke „re-called“, jedoch nicht immer mit Erfolg wie bei einem Konzert der Geigerin in Bath, wo zwar nach ihrem Spiel des Boléro von Antoine (?) de Kontski „encore was called for; the compliment was, however, declined“ (MusW 1873, S. 491). Nach der Wiedergabe des „Ave Maria“,„constructed by M. Gounod upon Bach`s First Prelude“, bei der Thérèse Castellan neben der Sängerin Christine Nilsson wirkte, „a determined effort was made to secure its repetition, which, however, Madame Nilsson successfully resisted“ (MusW 1874, S. 623).

Keine Folge besonderer „Englishness“ dürfte das überschwängliche Lob gewesen sein, das Thérèse Catellan überall entgegengebracht wurde, auch schon nach ihrem vermutlich ersten Benefiz-Konzert auf englischem Boden: „A young violinist of unquestionable talent“ (The Athenaeum 1870, S. 25). Auch ihre Stellung innerhalb der Konkurrenz wird hervorgehoben. Sie sei „one of the finest performers upon the difficult instrument“ (The Era 1877, S. 5), ja, sie habe „for some years past been steadily working her way up to the front rank of contemporary violinists. She has now obtained the summit of her ambition“ (The Theatre 1887, S. 93). „Her execution is as crisp and feathery as ever“ (The Theatre 1885, S. 86). Neben „fine tone and finished execution“ wird gelobt, sie habe „at her command all mechanical means of effect“ (The Era, 1877, S. 5). Denn: „No more important work ever yet written for the violin is beyond her powers“ (The Theatre 1887, S. 93). Einmal nur findet sich eine Andeutung über ihre Person, „an artist who, by character no less than by ability, has won the esteem alike of amateurs and professors“ (The Lute 1889, S. 70). Ebenso selten werden technische Einzelheiten benannt, so anlässlich eines Konzertes in der Pariser Salle Erard: „Son style est magistral; le martelé, le staccato, comme le jeu des double cordes sont d’une finesse et d‘une pureté irréprochable. Thérésa [sic] Castellan est une véritable artiste“ („Ihr Stil ist meisterhaft; das Martellato, das Staccato ebenso wie ihre Doppelgriffe sind von untadeliger Feinheit und Reinheit. Thérésa Castellan ist eine echte Künstlerin“, La chronique musicale 1875, S. 86). Selten wird Kritik formuliert: Anlässlich der letzten jener Baden-Badener Matineen von 1869 musizierte sie das „7te Beriot’sche Concert, eine Composition, die in der Jetztzeit eine ziemlich isolirte Stellung einnimmt; dazu wurde der Vortrag durch stellenweise unreine Intonation beeinflusst“ (Bock 1869, S. 339). Vielleicht war die Künstlerin mit dem Vortrag jenes als altmodisch empfundenen Stückes noch nicht ganz auf der Höhe ihrer Fähigkeiten, wenn auch im gleichen Jahr „ihr meisterhaftes Spiel gelobt wird“ (NZfM 1869, S. 142 ).

Kennzeichnend für die Konzertkultur der Zeit ist ihr Repertoire mit einer Mischung von klassischer und eher unterhaltender Kunst („morceaux d’occasion“, The Theatre 1887, S. 93): „The programme was of a diversified and interesting character, presenting, indeed, a model of desirable variety“ (MusW 1885, S. 434). Sie spielte Konzerte von Giovanni Battista Viotti, Pierre Rode, Charles-Auguste de Bériot und Fantasien über Opernthemen von Bériot, Delphin Alard, Gabriel Fauré , „morceaux d’occasion“ von Stephen Heller, Antoine (?) de Kontski, Charles Gounod, Hubert Léonard, das Klaviertrio d-Moll von Felix Mendelssohn und – interessanterweise – auch Violinsonaten von Arcangelo Corelli und Nicola Porpora („a quaintsonata“,The Theatre 1888, S. 88). Gelegentlich wird in der Presse kritisiert, sie nehme selten Kammermusik in ihre Programme auf (The Theatre 1887, S. 93). Dieser Mangel sei, so eine zeitgenössische Stimme aus Frankreich, auf die dem Solospiel verpflichtete Ausbildung am Pariser Konservatorium zurückzuführen (Canettant, S. 334).

Dass eine Geige spielende Frau zu Castellans Lebzeiten in England noch keineswegs selbstverständlich war, zeigt sich in den Reaktionen der Presse immer wieder, wenn etwa „The Era“ anlässlich ihres Jahreskonzertes 1877 schreibt, sie sei eine Meisterin dieses schwer zu spielenden Instruments, „which in her hands entirely loses the awkwardness with which some feminine players manipulate it“ (The Era 1877, S. 5). „There is no better fiddling, be it that of women or men“ (The Theatre 1887, S.93). „Few violinists of the coarser sex produce so broad and mellow a tone“ (ebd. 1885, S. 86). Gelegentlich verrät sich auch die in Ironie verpackte Sorge, die singuläre Erscheinung einer einzelnen Geigerin könne sich zu einem Plural auswachsen: „Hier wird jetzt ein weibliches Quintett arrangirt: Mlle. Champais wird Clavier spielen, Frl. Bonley [sic, Maria Boulayund Castellan geigen, Frl. Biot die Bratsche handhaben, und Frl. de Try das Cello. Wenn das nicht zieht, was soll denn noch ziehen!!“ (Bock 1865, S. 64). (Konzerte dieses Quintetts sind nicht belegt, Thérese Castellan trat jedoch mit der Violoncellistin Eliza de Try 1871 gemeinsam in New York auf.)

Sieben Jahre später löste ein Auftritt Thérèse Castellans eine noch weiter gehende Prophezeiung aus: „The time seems to be approaching when there will be a full orchestra of lady players. It will be a novelty to see female cheeks inflated with blowing trumpets and trombones; and it will be also exhilarating to witness the women bowing the double basses whilst muscular hands beat the big drums. There is a lady conductor at Berlin. We have had lady flute players and violinists often, but the first real approach to the assertion of women’s rights to perform orchestral functions is the appearance of a lady violoncellist. Certainly if the future players of wood, brass, and percussion are as able as Mlle. Hélène de Katow, who has appeared in St. George’s Hall at her benefit concert, Sir Michael Costa, who has one lady player in his Drury Lane band already (the harp), will be able to obtain recruits among the female aspirants for instrumental glory. A trio, executed by Mlle. Ferrari de Campoleoni, Mlle. Thérèse Castellan, and Mlle. Hélène de Katow, carried off the honours (The Athenæum 1871, S. 600).

Die tatsächliche Entwicklung war indessen der Fantasie bereits vorausgeeilt. Das Europäische Damenorchester, 1868 in Wien von Josephine Amann-Weinlich gegründet, hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine erste ausgedehnte Tournee absolviert und reiste 1871 zu Konzerten in die USA.

 

LITERATUR

The Athenæum 1870 II, S. 25f; 1871 I, S. 600, 664; 1876 II, S. 90; 1877 II, S. 57

Bock 1865, S. 64; 1869, S. 339

La Chronique musicale. Revue bi-mensuelle de l’art ancien & moderne 1875, S.86

Cincinnatti Daily Gazette 22. Okt. 1881, S.1

The Era [London] 1877, S. 5

The Lute 1889, S. 70

Music and Drama 1882, S. 15

The Musical Standard 1876 II, S. 38; 1887 II, S. 131

MusT 1874, S. 544; 1882, S. 561, 1887, S. 538

MusW 1859, S. 370; 1870, S. 482; 1873, S. 491; 1874, S. 623ff.; 1875, S. 427f., 1876, S. 793, 1880, S. 440; 1885, S. 433

FritzschMW 1870, Sp. 191

New York Herald 22. Okt., 29. Okt. 1871

NZfM 1866, S. 162; 1869, S. 119, 142, 259, 339; 1870, S. 146; 1881, S. 462

RGM 1867, S. 169; 1875, S. 118

Signale 1864, S. 39; 1870, S. 534; 1885, S. 519

The Strad Mai 1890, S. 3; Aug. 1890, S. 58

The Theatre. An illustrated Weekly Magazine 1885, S. 86; 1887, S. 93, 1888, S. 88

Oscar Canettant (Hrsg.), Les musiciens et les instruments de musique. Chez les différents peuples du monde, Paris 1869.

Charles Limouzin u. Gaston de Paris, L’hiver 1876 à Nice et à Monaco, Cannes et Menton, Paris u. Nizza 1876.

Constant Pierre, Le Conservatoire National de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs, Paris 1900.

 

Peter Schleuning

 

© 2010 Freia Hoffmann