Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

KurzböckKurzbeck, Kurzbek, Kurtzbek, Kurzbäck, Kurtzberg, Kurzbök, Kurzboek, Kurzboch, Kurboch, Magdalena, Madeleine, Madelaine, Magdalene von

* 17. März 1767 in Wien, † 4. Febr. 1845 ebd., Pianistin und Komponistin. Sie galt zur Jahrhundertwende als eine der besten Pianistinnen Wiens. So spielte sie Constantin von Wurzbach zufolge „mit solcher Meisterschaft, dass selbst Joseph Haydn zu den Bewunderern ihres Talentes zählte“. Damals als Virtuosin bewundert und sogar mit Mozart verglichen, ist die Schülerin und enge Vertraute von Haydn heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Letzterer schätzte sie sehr – sowohl als Pianistin, als auch als Menschen. Er brachte dies zum Ausdruck, indem er ihr seine Klaviersonate in Es-dur op. 92 Hob. XVI:52 (1794) zueignete, die sie mit Vorliebe öffentlich spielte und für deren überragende Interpretation sie bekannt war. Daneben widmeten ihr u. a. auch Johann Nepomuk Hummel, Friedrich August Kanne, Carl Czerny und Anton Eberl Kompositionen.

Allseits geschätzt und bekannt im Wiener Gesellschaftsleben, war sie in den musikalischen Salons ihrer Zeit präsent. Sie trat vor allem in den Salons Streicher, Puthon, Eskeles und Arnstein auf und musizierte u. a. gemeinsam mit Henriette Pereira-Arnstein.

Magdalena von Kurzböck entstammte einer angesehenen Wiener Buchdruckerfamilie und war die älteste von sieben Töchtern. Ihr Vater, der Buchdrucker und -händler Joseph Kurzböck (1736–1792), vielseitig interessiert und gebildet, übernahm die Druckerei seines Vaters und verhalf dieser zu neuem Aufschwung. Joseph II. erhob Kurzböck als Anerkennung für seine Dienste im Bereich des Buchdruckes 1776 in den Adelsstand.

Magdalena von Kurzböck erhielt eine gediegene musikalische Ausbildung bei namhaften Lehrern wie Muzio Clementi, Joseph Anton Stephan und Andreas Streicher. Trotz ihres relativ späten Debüts – laut „Allgemeiner musikalischer Zeitung“ (1799, Sp. 523) trat sie erstmals im Alter von 32 Jahren als Pianistin in Erscheinung – führte man sie in den Konzertbesprechungen nicht nur als eine der berühmtesten Klavierspielerinnen Wiens an, sondern stellte sie weit über alle anderen Pianistinnen ihrer Zeit: „Sie verdient vollkommen den Ruhm, die treflichste, und ganz besonders die angenehmste Klavierspielerin in Wien zu seyn“ (AmZ 1799, Sp. 524). Auch 1808 wurde dies noch bestätigt: „Sonach gebührt der erste Platz dem Fräulein Magdalene v. Kurzbeck“ ( Vaterländische Blätter für den Österreichischen Kaiserstaat 31. Mai 1808). Daneben sah man in ihrem Spiel Parallelen zu jenem von Mozart (AmZ 1834, Sp. 137).

Häufige Erwähnung finden das Erscheinen der Pianistin und ihre Funktion als Begleitung Haydns bei dessen letzten öffentlichen Auftreten anlässlich der Aufführung seiner Schöpfung am 27. März 1808 im Saal der Alten Universität in Wien. Balthasar Wiegand hat diese Szene festgehalten: Ein Aquarell zeigt Kurzböck direkt neben Haydn im Zentrum des Geschehens.

Magdalena von Kurzböck soll auch als Komponistin tätig gewesen sein. Ob und von wem ihre Kompositionen – Klavierwerke und Lieder – verlegt wurden, ist jedoch nicht bekannt.

Nach 1815 scheint die Pianistin die Konzerttätigkeit beendet zu haben. Der letzte Eintrag über sie in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ stammt aus dem Jahre 1834, gilt aber nicht ihrem Spiel sondern erwähnt Magdalena von Kurzböck neben Babette von Natorp und Josepha Auernhammer als Teil des „Kleeblatts“ von Mozarts besten Schülerinnen (AmZ 1834, Sp. 137). Magdalena Kurzböck starb laut Totenbeschauprotokoll am 4. Febr. 1845 an „Erschöpfung der Kräfte“ im Alter von 75 Jahren und wurde im Familiengrab auf dem Friedhof Liesing beigesetzt.

Von Bedeutung sind Aufzeichnungen von Zeitgenossen, die Begegnungen mit ihr belegen und darüber hinaus den bereits aus Kritiken gewonnenen Eindruck von der Pianistin bestätigen: die Briefe von Johann Friedrich Reichardt (1808/09) und das Tagebuch des Grafen Stolberg Wernigerode.

 

LITERATUR

AmZ 1799, Sp. 523f.; 1834, Sp. 137

Vaterländische Blätter für den Österreichischen Kaiserstaat 31. Mai 1808

Gerber, Schönfeld, Schilling, Gaßner, Schla/Bern, Wurzbach, Mendel, Ebel, Cohen, Hixon, Marx/Haas, OeML

Johann Friedrich Daube, Anleitung zur Erfindung der Melodie und ihrer Fortsetzung, 2 Bde., Wien 1797 u. 1798.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Anton Mayer, Wiens Buchdrucker-Geschichte 1482–1882, 2 Bde., Bd. 2 (1662–1888), Wien 1887.

Max Unger, Muzio Clementis Leben, Langensalza 1914.

Johann Friedrich Reichardt, Vertraute Briefe, München 1915.

Hilde Spiel, Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation, Frankfurt a. M. 1962.

Herbert Zeman, Joseph Haydn und die Literatur seiner Zeit, Eisenstadt 1976.

Anya Laurence, Women of notes. 1000 Women Composers born before 1900, New York 1978.

Susan Stern, Women Composers. A Handbook, Metuchen [u. a.] 1978.

Miriam Stewart-Green, Women Composers, Boston 1980.

Peter Gradenwitz, Literatur und Musik im geselligen KreiseGeschmacksbildung, Gesprächsstoff und Unterhaltung in der bürgerlichen Salonkultur, Stuttgart 1991.

Regina Nopp, Frau und Musik. Komponistinnen zur Zeit der Wiener Klassik (= Linzer Schriften zur Frauenforschung 1), Linz 1995.

Leopold Nowak, Joseph Haydn. Leben, Bedeutung und Werk, Zürich [u.a.] 1996.

Heinz Gerstinger, Altwiener literarische SalonsWiener Salonkultur vom Rokoko bis zur Neoromantik, Salzburg 2002.

Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode, Tagebuch über meinen Aufenthalt in Wien zur Zeit des Wiener Congresses vom 9.September 1814 bis zum April 1815, Halle an der Saale 2004.

Claudia Schweitzer, „‚… ist übrigens als Lehrerinn höchst empfehlungswürdig. Kulturgeschichte der Clavierlehrerin (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 6)Oldenburg 2008.

Martina Raab, „‚Sie spielte mit solcher Meisterschaft, daß selbst Joseph Haydn zu den Bewunderern ihres Talentes zählte [...]. Die Wiener Pianistin Magdalena von Kurzböck (1767–1845), in: Frauen hör- und sichtbar machen. 20 Jahre „Frau und Musik“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, hrsg. von Sarah Chaker u. Ann-Kathrin Erdélyi, Wien 2010, S. 141–151.

 

Martina Raab

 

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