Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Pelzer, Catharina, Catherine, Josepha, Josephine, verh. Sidney Pratten, Sydney Pratten

* 15. Nov. 1824 in Mühlheim am Rhein, † 10. Okt. 1895 in London, Gitarristin, Lehrerin und Komponistin. Ihre Mutter war Maria Pelzer geb. Legrand (1803–?). Ferdinand Pelzer (1801–1861), Gitarrist, Pädagoge und Herausgeber der zwischen 1833 und 1835 erschienenen Zeitschrift „The Guilianiad, or Guitarists Magazine“, bildete seine beiden Töchter Catharina Josepha und Giulia (1837–1938) in Gitarrenspiel und Musiktheorie aus. Von den anderen der insgesamt sieben Kinder sind nur seine Töchter Anné (Annie) W. Pelzer und Jane Pelzer namentlich überliefert. Anné W. Pelzer betätigte sich um 1860 als Concertina-Spielerin, Pianistin und Komponistin. Jane Pelzer wird in der Literatur als Pianistin erwähnt. Catharina Josepha erhielt nach der Übersiedelung nach London Unterricht in Komposition von einem Dr. Carnaby. Vermutlich handelt es sich dabei um den Organisten und Komponisten William Carnaby (1772–1839). Über ihre weitere Ausbildung auf ihrem Instrument ist nichts bekannt.

Catharina Josepha Pelzer gab ihre ersten Konzerte im deutschsprachigen Raum bereits als Kind. Um 1828 unternahm sie mit ihren Vater eine Konzertreise und trat bei seinen Konzerten mit Solostücken und als Duo-Partnerin auf der Terzgitarre auf. 1829 zog die Familie Pelzer nach London, wo Catharina Josepha zusammen mit ihrem Vater 1833 im King’s Theatre debütierte. In den folgenden Jahren absolvierte sie mehrere Soloauftritte und organisierte in den Jahren 1835 und 1836 jeweils eine Serie von drei Recitals in den Hanover Square Rooms, bei denen sie von den „most eminent musicians in London“ (Bone, S. 244) unterstützt wurde. Mit dem Gitarristen und Concertina-Spieler Giulio Regondi (1822–1872) spielte sie 1834 und 1836 als Duo. Ihr Biograph und Schüler Frank Mott Harrison schreibt dazu: „The infant prodigies – Catherina Josepha Pelzer and Giulio Regondi – had met, and were brought together. Such diminutive performers were ‚lost‘ on a large platform; so to be seen as well as heard, they were mounted upon a table“ (Harrison 1899, zit. nach Wade 2001, S. 92).

 

Catharina Josepha Pelzer. Zeichnung, verm. von George Braun
aus dem Jahr 1830.

 

Um 1837 unternahm sie eine Konzertreise durch Europa, bei der sie unter anderem Mauro Giulianis Konzert Nr. 3 in F-Dur auf einer Terzgitarre vortrug.  Im Jahr 1842 konzertierte sie zusammen mit ihrer Schwester, der Pianistin Jane Pelzer. Als Lehrerin machte sich Catharina Josepha Pelzer zunächst in Exeter, vermutlich zwischen 1840 und 1847, einen Namen und konnte für das Unterrichten des in England damals unpopulären Gitarrenspiels die Unterstützung von Lady John Somerset gewinnen. Während Ferdinand Pelzer, der sie bislang auf ihren Reisen begleitet hatte, 1849 nach London zurückkehrte, blieb Catharina Josepha Pelzer vorerst in Exeter. Auf Anraten von Lady John Somerset, welche ihr Räumlichkeiten in London zur Verfügung stellte, kehrte Catharina Josepha Pratten vor 1854 nach London zurück und wurde dort in die adeligen Bekanntenkreis Lady John Somersets eingeführt. Diesem entstammte später ein Großteil ihrer Schülerinnen.

Während sie ihre Schüler, wie beispielsweise den Gitarristen und Komponisten Ernest Shand (1868–1924), das Gitarrenspiel mit Blick auf eine professionelle Musikerkarriere lehrte, verfolgte sie bei Schülerinnen eine andere Zielsetzung: „Later in the century, the celebrated ‚guitariste Madame Sidney Pratten insisted to her biographer that she has ‚endeavoured to inculcate into the minds of [her] aristocratic pupils their power to render a poem of womans life and womans mission – to soothe invalids and cheer up sad souls“ (Harrison 1899, S. 85). Abgesehen von Frank Mott Harrison, A. F. Cramer und Ernest Shand lassen sich nur Frauen, unter anderem die Prinzessinnen Louise und Beatrice, unter ihren SchülerInnen finden – vermutlich weil die Gitarre als ein „ladylike instrument“ (MusW 1863, S. 279) galt, dessen „sympathic tone being naturally in accordance with feminine tastes“ (ebd.).

 

Catharina Josepha Pratten, Litographie von Charles Baugniet 1853.

 

Auch nach der Eheschließung mit dem Flötisten und Komponisten Robert Sidney Pratten (1824–1868) im Jahr 1854 betätigte sich Madame Sidney Pratten, wie sie sich seitdem nannte, als Gitarristin und Lehrerin. Zusammen mit ihrem Mann veranstaltete sie zwischen 1854 und 1867 mehrere Matineen, bei denen sowohl die Gastgeberin selbst als auch GastmusikerInnen konzertierten. „A very miscellancous concert to speak emphatically  was given by Mr. and Madame Sidney Pratten (why Mr. and Madame?) at their residence“ (MusW 30. Mai 1857, S. 348). Weiter heißt es: Madame Sidney Prattens „salon was an important meeting point for London musicians“ (Atlas 1996, S. 2). Nach dem Tod ihres Mannes 1868 zog sich die Gitarristin für drei Jahre vom öffentlichen Konzertbetrieb zurück.  Am 17. Mai 1871 spielte sie Mauro Giulianis Konzert Nr. 3 in F-Dur, am Klavier von der Nichte des Komponisten begleitet. Ein weiteres Konzert fand 1873 mit Begleitung eines Chors unter der Leitung von Charles Gounod statt. In der weltlichen Kantate The Corsair, welche von Sir Frederick Hymen Cowen für das Birmingham Music Festival im Jahr 1876 komponiert worden war, wirkte Madame Sidney Pratten als Gitarristin mit.

Bis ins hohe Alter betätigte sie sich als Konzertgitarristin, Lehrerin und Komponistin. Zu einem Rezital als 70-jährige heißt es in der Presse: „A large audience assembled to enjoy a pleasing program. The talented entrepreneur was in excellent form, and rendered her solos with her usual charm and brilliancy. Madame Sidney Pratten played numerous morceaux, all from her own pen“ (Musical Opinion and Music Trade Review 1892, S. 522). Auch im November 1893 findet sich noch ein Beleg für einen Auftritt in der Steinway Hall in London.

Neben der Gitarre widmete sie sich auch der Concertina und der Gigelira, einer Art Xylophon, und betätigte sich seit den 1860er Jahren als Komponistin. Ihr Œuvre umfasst zwischen 150 und 250 Werke, darunter auch einige Stücke für Concertina und Gigelira, von denen die Mehrzahl ihren Schülerinnen gewidmet sind. Die von ihr veröffentlichte zweibändige Gitarrenschule The Guitar Tutor mit technischen Übungen und Studien von Fernando Sor, Mauro Giuliani und anderen Komponisten stellte sich als zu anspruchsvoll für AnfängerInnen heraus. Das nachfolgende Buch Learning the Guitar Simplified hingegen erschien allein zu ihren Lebzeiten in zwölf Auflagen.

Ihr Gitarrenspiel wird in Rezensionen übereinstimmend gelobt. Madame Prattens „is certainly a most finished operator on the ‚organ of Spain. The charming naiveté with which she told the story of her own compositions as she played them quite captivated her audience, and the applause which greeted her every movement was very hearty. Her manipulation of the romantic instrument showed true Spanish taste, and her performance as a whole formed a delightful interlude in an exceptionally successful and pleasant recital“ (Athenæum 1873 I, S. 831). Gillett zufolge erscheint Prattens Karriere als Sologitarristin jedoch erklärungsbedürftig: „Prattens career began near the close of a period of great popularity for the guitar. As Percy Scholes suggests, the 1830s represented the height of the instruments popularity in England, its prominence clearly waning by mid-century[…] How, then, did Madame Pratten maintain a high-profile career during decades of the guitars eclipse as a serious virtuosic instrument?“ (Gillett, S. 211). Auch in der Besprechung eines Auftritts 1873 wird dies deutlich: „Madame Sidney Pratten […] has achieved for herself a scarely inferior reputation as a mistress of the guitar, an instrument the resources of which are so little understood in this country, even by professional musicians, that its introduction on this occasion, was almost in the nature of a new revelation. Its advantages for the purposes of vocal accompaniment in a certain class of simple songs, serenades, &c., are well known, but as a solo instrument its claims have yet to win their way to general acceptance“ (Birmingham Daily Post 23. Mai 1873). Nach Gilett wurde Prattens Karriere jedoch durch Faktoren begünstigt, wie „the novelty of a female guitar virtuoso, her high social sponsorship; the perception of the guitar as an enhancement of female beauty; and its accessibility to amateurs at the most undemanding level“ (Gillett, S. 211).

Madame Sidney Pratten starb am 10. Okt. 1895 in Folge einer Lungenentzündung. Ihre Schwester Giulia, verh. King-Church, führte die Gitarrenschule weiter und machte sich ebenfalls als Lehrerin der Gitarre sowie der Mandoline einen Namen. Bei regelmäßigen Konzerten mit ihren SchülerInnen in der Guildhall School of Music und der Steinway Hall trat sie auch als Solistin auf. Die beiden Schwestern sammelten zu Lebzeiten über 45 Gitarren, darunter 13 des berühmten Gitarrenbauers Panormo, zwei aus dem Nachlass von Fernando Sor und weitere von Lacote, G. Regondi und L. Schulz. Eine der Gitarren wurde im Rahmen eines von Giuilia King-Church veranstalteten GitarristInnen-Wettbewerbs zu Ehren ihrer verstorbenen Schwester im Jahr 1898 an die Gitarristin Lily Wolton übergeben.

 

Photographie von Herbert Watkins.

 

WERKE (Auswahl)

Four italian songs, for the guitar, London 1861

Pianoforte and guitar accompaniments to various pieces for the gigelira, etc. London 1882

12 easy songs with accompaniments for the guitar, (Boosey) London 1888

Songs without words and sketches

The Guitar Tutor, 2 Bde., London 1881

First set of easy pieces, composed, arranged and selected from various composers, to illustrate the various styles of Guitar playing, (Boosey) London 1889

Learning the Guitar Simplified, 1891

Colored diagrams of the notes of the fingerboard of the guitar

Instructions for the guitar tuned in E Major

Madame Sidney Prattens Guitar School, (Boosey) London 1877 (?)

 

LITERATUR

Zivilstandsregister der Bürgermeisterei Mühlheim am Rhein, Nr. 155/1824

Aberdeen Weekly Journal 17. Sept. 1886

Athenæum 1873 I, S. 831; 1874 II, S. 26

Birmingham Daily Post 1873, 12., 21., 23 Mai

Church Musician Nov. 1895, S. 176

Daily News [London] 3. Juli 1862

The Derby Mercury 9. Sept. 1891

The Era [London] 27. Juni 1880

The Examiner [London] 1833, 28. Apr.; 1835, 1. März; 1862, 26. Apr.

Illustrated Review. A fortnightly Journal of Literature, Science and Art 1871, S. 517

Magazine of Music 1893, S. 297; 1895, S. 31

Musical Gazette 1858, S. 257

Musical Herald 1915 I, S. 162

Musical News 1892 II, S. 16; 1895 II, S. 313; 1898 I, S. 85

Musical Opinion and Music Trade Review 1888, S. 26; 1890, S. 492; 1892, S. 522; 1893, S. 391; 1893, S. 610; 1893, S. 77; 1895, S. 81

MusT 1873, S. 11; . 1895, S. 765

MusW 1836, S. 180; 1842, S. 151, 156; 1855, S. 399, 401, 509; 1857, S. 191, 348f.; 1859, S. 464; 1860, S. 450; 1861, S. 353; 1863, S. 279; 1866, S. 351, 415; 1867, S. 394; 1871, S. 250, 306, 662; 1873, S. 363, 418; 1874, S. 445, 446f.; 1875, S. 466; 1877, S. 511; 1886, S. 713; 1888, S. 243, 383.; 1889, S. 256; 1890, S. 236

Orchestra 1870, S. 100

Signale 1885, S. 762, 906

The Times [London] 1861, 8. Juni; 1866, 21. Mai , 1. Juni; 1906, 17. Jan.

Trewman’s Exeter Flying Post or Plymouth and Cornish Advertiser 5. Juli 1855

Baker, Cohen

Philip J. Bone, The guitar and mandolin. Biographies of celebtrated players and composers for these Instruments, London 1914.

Deborah L. Nolan, The Contribution of Nineteenth-Century European Women to Guitar Performance, Composition, and Pedagogy, Fullerton 1983.

Harvey Turnbull, The Guitar from the Renaissance to the Present Day, New York 1992.

Graham Wade, A concise history of the classic guitar, 2001.

Ray Bonds, Illustrated Directory of Guitars, St. Paul 2003.

Paula Gillett, „Entrepreneurial Women Musicians in Britain. From the 1790s to the Early 1900s“, in: The musician as entrepreneur, 1700–1914: managers, charlatans, and idealists, hrsg. von William Weber, Bloomington 2004, S. 198–220.

Allan W. Atlas, Ladies in the Wheatstone Ledgers. The Gendered Concertina in Victorian England, 18351870, London 2006.

 

Bildnachweis

Royal Academy of Music, Accession No.: 2003.2360, http://apollo.ram.ac.uk/emuweb/pages/ram/display.php?irn=1993, Zugriff am 4. Mai 2012. Mit freundlicher Genehmigung der Royal Academy of Music.

Royal Academy of Music, Accession No.: 2003.2371, http://apollo.ram.ac.uk/emuweb/pages/ram/display.php?irn=2004, Zugriff am 4. Mai 2012. Mit freundlicher Genehmigung der Royal Academy of Music.

National Portrait Gallery, http://images.npg.org.uk/790_500/1/6/mw123416.jpg, Zugriff am 29. Apr. 2011.

 

Jannis Wichmann

 

© 2011 Freia Hoffmann