Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Platteau, Plateau, Gabrielle (Françoise Clémentine), Gabriele

* wohl 25. März 1854 in Genua (Mitteilung von Peter François, Servais Society), † 9. März 1875 in Ixelles (niederl. Elsene) nahe Brüssel, Violoncellistin und Sängerin. Sie war die Tochter von Suzanne Clémentine Platteau geb. Ruth (1818−1870), die aus Luxemburg stammte, und von Gustave Adolphe Joseph Platteau (Lebensdaten unbekannt). Gabrielle hatte eine Schwester, die Pianistin Céline Platteau (1855−?). Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt Gabrielle Platteau vermutlich von Henri Possoz (1827−1897), einem Antwerpener Musiker, Musiklehrer und Konzertorganisator.

Gabrielle Platteau zog im Sommer 1867 von Antwerpen nach Brüssel in die Rue Coppens und damit in die direkte Nähe des Brüsseler Konservatoriums, wo sie ihr Studium 1867 begann. Ihr dortiger Lehrer war entgegen späteren Angaben nicht der berühmte Adrien-François Servais (er starb bereits 1866), sondern Gustave Libotton (?−1891). Laut „Neuer Zeitschrift für Musik“ ist Platteau 1870 „mit dem ersten Preise des Brüsseler Conservatoriums“ (NZfM 1872, S. 386) ausgezeichnet worden. Wann sie ihr Studium als Cellistin abschloss, ist unbekannt.

Im Juli 1872 zog Platteau nach Ixelles, eine Nachbarstadt Brüssels. Im Nov. desselben Jahres nahm sie ein zweites Studium am Brüsseler Konservatorium auf. Bis zum Nov. 1874 studierte sie dort Gesang bei Henri Warnots und Deklamation bei Jeanne Tordeus.

Eine regelmäßige Konzerttätigkeit Platteaus ist ab 1870 feststellbar. Im Febr. jenes Jahres erwähnt der belgische „Guide Musical“ einen Auftritt in Kortrijk (Flandern, franz. Coutrai) an der Seite der Schwester. Zum Ende des Jahres spielte die junge Cellistin öffentlich in Gent (Flandern, franz. Gand), Mons (Wallonien, niederl. Bergen) und Gembloux (Wallonien, niederl. Gembloers). In den deutschen Medien erscheint der Name 1871, als die „Signale für die musikalische Welt“ über sie schreiben, sie verspräche „eine zweite Lise Christiani zu werden“ (Signale 1871, S. 344). Zu dieser Zeit dürfte sie noch am Brüsseler Konservatorium studiert haben, sie wirkte in diesem Jahr nicht nur in einem Konzert im flandrischen Diest mit, sondern nahm auch an einem Konservatoriumskonzert teil, das mutmaßlich im Zusammenhang mit dem Besuch des belgischen Königs an der Brüsseler Institution stand.

1872 nennen die „Signale“ Gabrielle Platteau eine „junge, unlängst vom Brüsseler Conservatorium entlassene Violoncellistin“ (Signale 1872, S. 137). In diesem Jahr spielte sie im Febr. in einem Wohltätigkeitskonzert im belgischen Löwen (Flandern, niederl.Leuven, franz. Louvain) sowie in der Société de Musique in Brüssel, wobei sie dort an der Seite ihrer Schwester Céline sowie der Geigerin Emilie Bernstein − offenbar ebenfalls Schülerin des Brüsseler Konservatoriums − musizierte. Später im Jahr spielte die Cellistin in der Société des Beaux-Arts im in den Flämischen Ardennen gelegenen Oudenaarde (Flandern; franz. Audenarde) sowie im ebenfalls flandrischen Ronse (franz. Renaix), zudem erneut in Löwen, im Apr. dann in Antwerpen. Im Mai 1872 wirkte sie im Brüsseler Konzert der Concertina- und Zither-Spielerin Annette Kuhn mit.

Im Folgejahr ließ sich die Virtuosin auch in Deutschland hören. Überliefert ist ein Auftritt in Köln, wo sie im Febr. im Gürzenich-Konzert tätig war (weitere Solistin war die Pianistin Marie Krebs). Dies scheint ihre einzige Betätigung auf einem deutschen Podium gewesen zu sein. Im Mai 1873 war sie in Brüssel, im Aug. trat sie, wieder gemeinsam mit der Schwester und der Geigerin Bernstein, im belgisch-wallonischen Spa auf. Dann überquerte sie den Ärmelkanal und spielte auf britischem Boden.

Im Herbst 1873 war sie in London zu Gast, konzertierte im Okt. im Theatre Royal in Covent Garden an der Seite von Carlotta Patti sowie im Crystal Palace, und wurde dort medial durchaus wahrgenommen. Laut „Neuer Berliner Musikzeitung“ musizierte sie zudem in Brighton (Bock 1873, S. 347). Schon vor Weihnachten 1873 spielte die Violoncellistin indes wieder auf dem Festland, sie konzertierte z. B. im wallonischen Verviers, und am 18. Dez. 1873 auch in der Amsterdamer Felix Meritis, u. a. an der Seite der Sopranistin Marie Monbelli. Am 23. Dez. war sie dann bei Hofe zu Gast, um vor der Königin zu spielen. In Brüssel musizierte sie im März 1874 Trio mit dem am dortigen Konservatorium tätigen Geiger Ottomar Jokisch (dem späteren Lehrer Irma Saenger-Sethes) und einem Musiker namens Rummel (wohl Franz Rummel, Pianist und Lehrer am Brüsseler Konservatorium) − eine Besetzung, in der die Cellistin auch noch später im Jahr in Brüssel tätig war. Ebenfalls im März 1874 stand sie den jugendlichen Geschwistern Johanna (Klavier) und Willy Hess (später Professor für Violine an der Berliner Hochschule und Lehrer Adolf Buschs) bei deren Brüsseler Konzert bei.

Zudem ist für den März 1874 im Jahrbuch des Brüsseler Konservatoriums ihr derzeit einzig bekannter Auftritt als Sängerin überliefert: Als Altistin trat sie solistisch in Bachs Kantate BWV 106 Actus tragicus auf. Später in jenem Jahr war sie dann wieder als Violoncellistin in den Niederlanden zu hören. So spielte sie im Aug. in Den Haag im Hôtel de Bellevue, und kurz darauf im Badeort Scheveningen. Am 20. Dez. war sie schließlich – erneut neben Marie Monbelli – in Arnheim zu hören. Dies ist das letzte derzeit bekannte Konzert Gabrielle Platteaus. Bereits kurz darauf vermeldet der belgische „Guide Musical“, die Cellistin sei „en ce moment très-dangereusement malade“ („zurzeit gefährlich erkrankt“, Guide Musical 24. Dez. 1874, NP). Bereits im nächsten Jahr verstarb sie aus nicht bekanntem Grund.

Als neben Eliza de Try und Hélène de Katow wichtigste Exponentin der belgischen Celloschule gelang es Gabrielle Platteau trotz der Kürze ihrer Karriere, durchaus fest im Musikleben Fuß zu fassen, wobei sie − abgesehen von wenigen internationalen Reisen − im Benelux-Raum tätig war. Die vielen, auch internationalen Meldungen ihres Todes, aber auch das spätere Erscheinen in Schriften zum Violoncello zeugen von diesem Platz in der Spielgeschichte des Instruments. Dafür, so lässt sich den Medien der Zeit entnehmen, standen ihr durchaus hochstehende künstlerische und technische Mittel zur Verfügung. Zitiert seien hier nicht belgische Zeitschriften, sondern britische, somit des Lokalheroentums unverdächtige Blätter. So schreibt beispielsweise das „Athenæum“: „The lady violoncellist from the Brussels Conservatoire, Mdlle. Platteau, in a fantasia by M. Servais, displayed executive skill of a high order; her intonation is truthful; her expression, in the cantabile passages, was intense; and her command of the key-board is remarkable“ (Athenæum 1873 II, S. 503). Dem „Musical Standard“ gefielen insbesondere die lyrisch-sanglichen Passagen: „The solo of Servais in A, a Cantabile with variations […] afforded the lady artiste a fine opportunity for the display of her fine tone and finished phrasing. We admire her cantabile more than her execution of bravura passages“ (Musical Standard 1873 II, S. 246). Ausführlich beschreiben die Londoner „Daily News“ das Spiel Platteaus und nehmen dabei Bezug auf die für Frauen ungewöhnliche Instrumentenwahl: „The instrumental solo on Saturday was contributed by Mdlle. Platteau, a violoncellist from the Brussels Conservatoire. The instrument, which is one of these least cultivated by lady performers, might well be supposed to be too cumbrous to be readily under feminine control; but the management by Mdlle. Platteau proves the contrary. There was not the slightest appearance of awkwardness, or even of effort in her playing; which, moreover, displayed a pure and beautiful quality of tone, correct intonation, a facile and graceful bow-arm, and thorough command of the finger-board. Her finished execution of a Fantasia by Servais was greated with loud and general applause“ (Daily News 13. Okt. 1873). Auch andernorts wurde das aus der Sicht der Zeitgenossen offenbar überraschende Verhältnis zwischen Spielweise und Geschlecht thematisiert. Aus Köln schreibt die „Neue Berliner Musikzeitung“: „Frl. Platteau bot einen ganz ungewöhnlichen Anblick. Man denke sich ein kaum 17jähriges Mädchen mit dem ganzen Reize einer noch kindlichen Erscheinung und dann in ihrer Hand ein − Cello! Und dieses Collo [sic] handhabte sie mit einer Meisterschaft, die man dem Mädchen kaum zugetraut hätte. Mit tadelloser Technik verband sich ein gerundeter Ton“ (Bock 1873, S. 140). Dasselbe Blatt ordnet die Cellistin an anderer Stelle ein, indem es sie, mit Bezug auf die wohl bekannteste Streicherin der Zeit, als „die Milanollo auf dem Violoncell“ (ebd. 1873, S. 347) bezeichnet.

Das Repertoire Gabrielle Platteaus war, soweit zu beurteilen, durchaus vielgestaltig. Einerseits spielte sie ausgiebig zeittypisches Virtuosenrepertoire für ihr Instrument, das u. a. Werke Georg Goltermanns (beispielsweise eines der beiden d-Moll-Konzerte für Violoncello und Orchester, eine Cantillena, ein Nocturne) und Emile Dunklers enthielt. Deutlich wird die Verwurzelung innerhalb der belgischen Celloschule, die sich nicht nur durch das Spiel der Werke von Servais (insbesondere mit der von ihr immer wieder gespielten Fantasie Souvenir de Spa, aber auch anderen Stücken von Servais’ Hand), sondern auch durch die Musik des in Brüssel geborenen Virtuosen Guillaume Pâque (Bolero espagnol, Souvenir d’Espagne) zeigte. Während diese Werke eher als Virtuosenrepertoire einzuschätzen sind, musizierte sie 1874 in Brüssel im Klaviertrio als anspruchsvoller anerkannte Trios von Beethoven, Felix Mendelssohn und Joachim Raff. Zu ihrem Solorepertoire gehörte aber auch Mendelssohns Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 2 D-Dur op. 58. Schon früh musizierte sie zudem Mendelssohns einziges für Cello und Klavier komponiertes Lied ohne Worte − ein Werk, das der Komponist einst einer anderen Cellistin, Lise Cristiani, zugeeignet hatte.

 

Charles Auguste Fraikin, Marmorbüste, 1875. © KIK−IRPA Brussels.

 

Neben der abgebildeten Marmorbüste von Charles-Auguste Fraikin gab es einem Antwerpener Ausstellungskatalog zufolge auch ein Porträt des Fraikin-Schülers Constantin Meunier. Trotz der Bekanntheit Meuniers ist über den Verbleib des Bildes nichts bekannt. Nach Mitteilung der Direktorin des Musée Constantin Meunier (Ixelles) Francisca Vandepitte wird das Bild letztmalig 1909 im Katalog zu einer Ausstellung in Löwen genannt. Auch ein weiteres Porträt, aus der Hand der Malerin Julia Behr, ist derzeit nicht nachweisbar.

 

Le Bien Public [Gand] 13. Okt. 1870.

 

LITERATUR

Mitteilungen von Peter François, Servais Society, Korrespondenz von Sept. bis Nov. 2015, Dank für die Hinweise.

Mitteilung von Nina Trauth, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, 14. Okt. 2015, Dank für die Recherchen.

Mitteilung von Olivia Wahnon de Oliveira, Bibliothèque des Conservatoire royal de Bruxelles, Mail vom 13. Okt. 2015, Dank für die Hinweise.

The Academy 1875, S. 309

Algemeen Handelsblad [Amsterdam] 21. Aug. 1874

Annuaire du Conservatoire Royal de Musique de Bruxelles 1877, S. 124

Athenæum 1873 II, S. 503

Bock 1873, S. 140, 347

CaeciliaNL 1874, S. 3, 9, 30f., 55; 1875, S. 85

Le Bien Public [Gand] 1870, 12., 13. Okt.

La Comédie 3. Okt. 1875, S. 7

Dagblad van Zuidholland en 's Gravenhage 5. Aug. 1856

Daily News [London] 1873, 13., 22. Okt.

L’Echo du Parlement [Brüssel] 1869, 5. Aug.; 1870, 5. Aug.; 1874, 15., 17. Apr.

Le Guide Musical 1870, 10. Febr., 8. Dez.; 1871, 21. Apr., 21. Dez.; 1872, 25. Jan., 8., 22. Febr., 7. März, 2., 9. Mai, 13., 20. Juni, 12. Sept.; 1873, 30. Jan., 27. Febr., 8. Mai, 4. Sept.; 1874, 12., 19. Febr., 26. März, 23., 30. Apr., 21. Mai, 25. Juni, 24. Dez.

Het Handelsblad van Antwerpen 14. Apr. 1872

L’Indépendance [Brüssel] 1872, 7. Mai; 1875, 11. März

Journal de Bruxelles 1873, 4. Mai; 1874, 27. Apr.

Manchester Times 27. März 1875

Monthly Musical Record 1873, S. 151

Musical Standard 1873 II, S. 246, 305; 1874 I, S. 88

MusW 1876, S. 257

Het Nieuws van den Dag [Amsterdam] 25. März 1874

NZfM 1872, S. 386; 1873, S. 81, 91; 1874, S. 181, 240; 1875, S. 153

Pall Mall Gazette [London] 21. Okt. 1873

Signale 1871, S. 344; 1872, S. 137, 185; 1873, S. 759; 1874, S. 379; 1875, S. 248, 246

Times [London] 21. Okt. 1873

Exposition Nationale. Catalogue des Ouvrages de Peinture, Sculpture, Architecture, Gravure et Dessin, Exécutés par des Artistes vivants et Exposés au Salon d'Anvers, Le 10 Aout 1873, Antwerpen o. J.

Edouard Georges Jacques Gregoir (Hrsg.), Documents historiques relatives à l’art musical et aux artistes-musiciens, 2 Bde., Bd. 2, Brüssel [u. a.] 1874.

Jan Willem Staats Evers, Het St. Caecilia-Concert te Arnheim, Arnheim 1874.

Albin Body, Le Théatre de la Musique à Spa au temps passé et au temps présent, Paris u. Brüssel 21885.

Jules Prudence Rivière, My Musical Life and Recollections, London 1893.

Léo Errera, Recueil d'œuvres de Léo Errera. Mélanges, Vers et prose, Brüssel [u. a.] 1908.

Edmund Sebastian Joseph van der Straeten, History of the Violoncello, the Viol da Gamba, Their Precursors and Collateral Instruments. With Biographies of all the most Eminent Players of Every Country, London 1915.

Margaret Campbell, The Great Cellists, London 1988.

Karlheinz Weber, Vom Spielmann zum städtischen Kammermusiker. Zur Geschichte des Gürzenich-Orchesters, 2 Bde., Bd. 2 (= Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte 169), Berlin u. Kassel 2009.

George Kennaway, Playing the Cello, 1780−1930, Farnham 2014.

Katharina Deserno, Cellistinnen und ihre Lehrer im 19. Jahrhundert. Transformation der polarisierten Geschlechtergrenzen in der künstlerischen Ausbildung am Beispiel der Violoncellistinnen aus der belgischen Celloschule von Adrien-François Servais“, in: Musikerinnen und ihre Netzwerke, hrsg. von Annkatrin Babbe u. Volker Timmermann (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 12), Oldenburg 2016, Dr. i. V.

Silke Wenzel, „Gabrielle Platteau“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, Hamburg 2013, http://mugi.hfmt-hamburg.de/old/A_lexartikel/lexartikel.php?id=plat1852, Zugriff am 6. Okt. 2015.

 

Bildnachweis

Marmorbüste von Charles-Auguste Fraikin, undat., © KIK-IRPA Irpa Royal Institute for Cultural Heritage Bruxelles, http://balat.kikirpa.be/object/101413, mit Dank für die Abbildungsgenehmigung.

Le Bien Public [Gand] 13. Okt. 1870.

 

Volker Timmermann

 

 

© 2016 Freia Hoffmann