Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Kimpton, (Edith) Gwynne

* 1873 in Hendon/Middlesex (heute Teil Londons), † 26. Nov. 1930 in London, Violinistin, Bratschistin, Violinlehrerin und Dirigentin. Ihre Eltern waren die Lehrerin Mary Annie geb. Matthews (1837–1892) und der Eisenbahnangestellte Edward T. Kimpton (ca. 1846–?). Gwynne war das vierte von sechs überlebenden Kindern. Mit 17 Jahren wird sie in der Musikpresse erstmals in Schülerkonzerten der Guildhall School of Music erwähnt: Am 12. Nov. 1890 war sie an der Aufführung des Streichquartetts D-Dur op. 44 Nr. 1 von Mendelssohn beteiligt. Nach dem Solovortrag einer „cavatina, composed by Miss Edith Swepstone, and an eccentric piece by [Jenö] Hubayam 17. Febr. 1892 war in der „Era“ zu lesen: „Miss Kimpton proved herself an excellent violinist, and won cordial applause; she is heard to the greatest advantage in cantabile passages rather than in bravura effects; but in both styles won hearty appreciation (Era 20. Febr. 1892). 1893 und 1894 wird sie in der Presse als „Silver Medalist“ der Guildhall School bezeichnet und 1896 als „Associate of Guildhall School of Music“ (A.G.S.M.). 1897 gewann sie an dieser Institution die „Taylor Gold Medal“, jährlich verliehen an „the most distinguished student, male or female, in the school(Times 1. Nov. 1897). Anscheinend nahm sie parallel ein zweites Studium an der Royal Academy of Music auf, wo sie 1896 Examina als Violinistin, Violinlehrerin und Bratschistin ablegte und den Grad einer „Licentiate of the Royal Acdemy of Music“ (L.R.A.M.) errang. Im Apr. desselben Jahre erwarb sie den Titel einer „Associate of the Royal College of Music“ (A.R.C.M.). Ihr Lehrer war George Alfred Gibson (1849–1924), der sowohl an der Royal Academy of Music als auch an der Guildhall School of Music unterrichtete.

Bereits während des Studiums ließ sich Gwynne Kimpton auch außerhalb der Hochschulen hören, mehrfach bei Aufführungen des Bow and Bromley Institute und im Zusammenhang mit der Tonic Sol-Fa Association. 1893 wird anlässlich eines Konzerts im Bow and Bromley Institute erstmals „an orchestra led by Miss Gwynne Kimpton (Musical News 1893, S. 270) erwähnt. Anfang der 1890er Jahre hatte die Musikerin eine Unterrichtstätigkeit an der Bromley High School for Girls aufgenommen. Im Zusammenhang damit stand anscheinend die Gründung dieses Orchesters. Das Bow and Bromley Institute verfügte auch über einen eigenen Chor unter Leitung von William Gray McNaught, und in den folgenden Jahren wurden an dieser Institution zahlreiche großbesetzte Aufführungen realisiert, wie Händels Judas Maccabäus, Mendelssohns Elias, Coleridge-Taylors Hiawathas Wedding-Feast, Händels Samson und Elgars The Banner of St. George. Die Stabführung lag anscheinend bei McNaught. Gwynne Kimpton studierte das Orchester ein und saß bei den Aufführungen am ersten Pult. Auch an der Guildhall School of Music war Kimpton jahrelang als Konzertmeisterin und Trainerin des Hochschulorchesters beschäftigt.

Die Geigerin fand demnach bereits während ihres Studium Gelegenheit, sich als Dirigentin zu betätigen, wobei es sich zunächst um eine Violindirektion gehandelt haben dürfte; für die Leitung vom Dirigentenpult aus wird zu dieser Zeit gewöhnlich der Begriff „conductorship“ verwendet. Am 10. Febr. 1897 trat sie in dieser Funktion mit einem von ihr selbst gegründeten Orchester an die Öffentlichkeit: „A well trained orchestra, consisting of Miss Kimptons pupils and some professional friends, performed various classic instrumental selections, and accompanied Miss [Marion] Clapton in an able performance of Mendelssohns G minor concerto. Miss Kimpton conducted with great judgment, and also played the Ballade and Polonaise by Vieuxtemps(MusT 1897, S. 194).

In der Folge verband Gwynne Kimpton ihre Tätigkeiten als Geigerin vielfach mit denen einer Konzertmeisterin und Dirigentin. Am 18. Febr. 1898 spielte sie in einem Konzert der Violoncellistin Minnie Theobald Bratsche in Dvořáks Streichquartett D-dur op. 33. Am 31. Mai 1899 interpretierte sie in einem Orchesterkonzert der Guildhall School of Music den ersten Satz aus Mendelssohns Violinkonzert e-Moll „with admirable technical skill and purity of tone (Era 3. Juni 1899). Gelegentlich betätigte sie sich als Primaria von Streichquartetten. 1902 war sie Mitbegründerin des String Club, der seinen Mitgliedern, Professionellen und Amateuren, die Möglichkeit bot, unter Anleitung Streichquartette zu proben. Sie führte den Club jahrzehntelang, und noch in ihrem Nachruf sollten ihre Verdienste um das Quartettspiel hervorgehoben werden: „Her personality made her particularly successful in training players(Times 27. Nov. 1930).

Im Mai 1901 trat Gwynne Kimpton in einer Wohltätigkeitsveranstaltung erstmals als Dirigentin eines Frauenorchesters auf: „An excellent little ladies string orchestra, under the conductorship of Miss Gwynne Kimpton, played the orchestral numbers excellently. The most interesting of these was Bach’s beautiful concerto in G major for three violins, three violas, three cellos, and bass [3. Brandenburgisches Konzert BWV 1048]. This was played with a strong sense of rhythm and excellent phrasing, though here and there a slight hurrying of the tempo led to a little unevenness. The orchestra also gave an excellent account of the prelude, air and gavotte, from Grieg’s Holberg suite, of Tschaikowsky’s serenade suite for strings [op.48], and of an arrangement of the accompaniment to Mendelssohns pianoforte concerto in G minor(Times 9. Mai 1901). Im Juli 1910 informiert der „Musical Herald“ über einen weiteren Schritt zur Gründung eines symphonischen Frauenorchesters: „Miss Gwynne Kimpton has been most successful in training the Chislehurst Amateur Orchestra. The ladies play with remarkable technic and expression. For their closing concert in the Bromley Grand Hall, Mr. Henry Wood [1869–1944, Begründer der renommierten Promenade Concerts] brought his wind players and conducted(Musical Herald 1910, S. 224). Ein Symphonieorchester nach der Probenarbeit beim Konzert auch öffentlich zu dirigieren, schien für eine Frau noch ein Risiko zu sein.

 

Ansichtskarte, vor 1918.

 

Am 12. Jan. 1911 rief Gwynne Kimpton eine Institution ins Leben, die für England Geschichte machen sollte, die „Orchestral Concerts for Young People“. Die zunächst vier im Monatsabstand konzipierten Nachmittags-Konzerte in der Steinway Hall verfolgten das Ziel „to interest children in orchestral music (Musical Herald 1911, S. 47) und wurden mit einem Vortrag eingeleitet: „The most educational thing at these concerts is the opening fifteen minutes chat by Dr. John E. Borland. Briefly he explained what instruments were used in the classical orchestra, how they got introduced, and he had a scale played on each instrument so as to exhibit his compass and tone colour(ebd.). Aufgeführt wurden beim Eröffnungskonzert Haydns Symphonie Nr. 101 Die Uhr, Beethovens Ouvertüre zu Prometheus op. 43 und zwei kleinere Werke von Grieg. Die Anregung zu diesem Konzept stammte möglicherweise aus Berlin, wo Gwynne Kimpton „during a recent visit in February, 1910, […] was very much struck by the excellent orchestral concerts which were offered to Berlin children, once a month on an Saturday afternoon(Musical Standard 1911 I, S. 210, Suppl.). Die „Orchestral Concerts for Young People“ hatten großen Zulauf und eine außergewöhnliche Presseresonanz. Weitere Werke der ersten Serie waren Brahms’ Akademische Festouvertüre op. 80, Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466, Beethovens 1. Symphonie op. 21 (1. Satz) und 3. Klavierkonzert c-Moll op. 37, Schuberts Ouvertüre zu Rosamunde D 797, Mendelssohns Italienische Symphonie op. 90 und Wagners Siegfried-Idyll op. 103. Die Reihe wurde bis April 1916 mit mindestens sechs Konzerten pro Saison fortgeführt, das Repertoire hatte weiterhin seinen Schwerpunkt bei den klassisch-romantischen Meistern, erweiterte sich um ältere Musik (Händel, Joh. Seb. und Joh. Chr. Bach) und bezog Solokonzerte für Violoncello (Goltermann) und Violine (Paganini, Spohr) sowie 1914 und 1915 ausnahmsweise auch Kammermusik ein (Beethoven: Septett Es-Dur op. 20, Dvořák: Klavierquintett A-Dur op. 81, Schubert: Oktett F-Dur D 803, Mendelssohn: Oktett Es-Dur op. 20). Solisten waren z. B. Leonard Borwick, Pablo Casals und Fanny Davies. Die Kommentatoren wechselten im Lauf der Zeit; später fanden die Konzerte in der Æolian Hall statt.

 

Musical Herald 1916.

 

Ein Aspekt, der trotz regelmäßiger und ausführlicher Berichterstattung in der Fachpresse selten nennenswerte Aufmerksamkeit erfuhr, war die Tatsache, dass die Konzerte überwiegend von Musikerinnen durchgeführt wurden. Lediglich in Berichten über das erste Konzert sind darüber Einzelheiten zu erfahren: „The orchestra, which Miss Kimpton conducts with decision and intelligence, consists mainly of young ladies, the male sex being confined to the double-basses and wind instruments (Times 13. Jan. 1911). „Over twenty lady string players were supplemented by fifteen well-known orchestral men in the double bass, wood, and brass departments. The whole performance was dainty and graceful, fluently fingered, and well contrasted under the clear indications of a thorough mistress of conducting(Musical Herald 1911, S. 47).

Während des Ersten Weltkriegs spendete Gwynne Kimpton Überschüsse dieses Projekts an das Britische Rote Kreuz und die St. John’s Ambulance Association. Mit einem „Women’s Orchestra“ beteiligte sie sich im Juli 1916 auch an einer mehrtägigen Veranstaltung „The Women’s Tribute to the Sailors and Soldiers of the Empire“ im Royal Opera House. Im Nov. 1916 meldete die Presse: „Miss Gwynne Kimpton is devoting her energies to the formation of an ‚Amateurs’ war orchestra‘ for the purpose of giving concerts in aid of British war charities(MusT 1916, S. 508). Konzerte dieses Orchesters sind bis Nov. 1918 nachweisbar, ein „London Amateurs’ Orchestra“ unter Gwynne Kimpton trat offenbar die Nachfolge an.

Nach dem Krieg wurden Verträge von Orchestermusikerinnen vielfach aufgelöst, um heimkehrenden Männern wieder Arbeitsplätze zu schaffen. Die Beschäftigungssituation von Musikerinnen verschlechterte sich dramatisch, und viele suchten neue Wege der Existenzsicherung. Am 3. Apr. 1924 präsentierte Gwynne Kimpton ein neues Projekt, das „British Women’s Symphony Orchestra“, „complete in every branch(MusT 1924, S. 455),also anscheinend in allen Sektionen mit Frauen besetzt. „All the programme was British(ebd.): Zur Aufführung kamen drei von Elgars Sea Pictures op. 37 für Altsolo und Orchester, ein „string piece (ebd.) von Phyllis Norman Parker und Ethel Smyths On the Cliffs of Cornwall aus der Oper The Wreckers (unter Leitung der Komponistin). In den vier Konzerten der folgenden Saison wurden weitere Werke von Smyth und Norman Parker aufgeführt sowie ein Klavierkonzert von Germaine Tailleferre (mit Alfred Cortot als Solisten). Mit Guilhermina Suggia, die ein Cellokonzert von Saint-Saëns spielte, boten die Programme eine weitere Attraktion. Die Pressereaktionen waren nun allerdings distanziert, oft ironisch und sogar gehässig. Nachdem Gwynne Kimpton jahrelang als Dirigentin großes Ansehen genossen hatte, blieben die positiven Kommentare jetzt weitgehend aus. Die „Musical Times“ fand nun „some weak points in the orchestral technique. A more finely-pointed beat on the part of Miss Gwynne Kimpton might produce a quicker responsiveness (MusT 1924, S. 455). „The upper strings were numerous and capable. Double-basses were few and rather weak. As for the wind, women have apparently not yet taken to those coy and elusive instruments long enough to have won their obedience. They were often shy and restless in the hands of their new feminine captors. Some would not speak up at the appropriate moment, others seemed bent on bolting back to their native woodlands (the horns particularly)(MusT 1925, S. 63). Da auch der wirtschaftliche Erfolg gering war, trat Gwynne Kimpton nach dem dritten Konzert der Wintersaison zurück und überließ den Stab Malcolm Sargent, dem nachmals berühmten Dirigenten des London Philharmonic Orchestra, des Hallé Orchestra in Manchester, des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und des BBC Symphony Orchestra. Malcom Sargent führte das British Women’s Symphony Orchestra bis 1933, seine Nachfolgerin war Grace Burrows.

 

Vor 1924.

 

Gwynne Kimpton nahm in der Wintersaison 1925/26 ihre „Orchestral Concerts for Young People“ wieder auf. Im Okt. 1927 übertrug die BBC aus dem People’s Palace ein „Concert for School Children“, veranstaltet vom Gwynne Kimpton Symphony Orchestra.

Die Musikerin starb nach längerer Krankheit am 26. Nov. 1930 in Folge einer Operation. Einige Monate nach ihrem Tod wurden der Royal Academy of Music 1.400 £ überreicht, die der „Gwynne Kimpton Memorial Fund“ (unter Leitung von Frances Marshall) für die Finanzierung eines Violin-Stipendium gesammelt hatte: „a great tribute to a remarkable personality(Times 4. Juli 1931).

 

Photographie von F. A. Swaine, London und Southsea o. D.

 

LITERATUR

Materialien aus dem Archiv der Familie Kimpton, freundlicherweise überlassen von Audrey Salkeld

Materialien aus dem Nachlass von Marion M. Scott, freundlicherweise überlassen von Pamela Blevins

Academy and Literature 1911, S. 173f.

Athenæum 1911 II, S. 251, 707; 1914 II, S. 363, 461, 571; 1915 I, S. 101, 198, 276; 1915 II, S. 250

The Era [London] 1890, 15. Nov.; 1892, 20. Febr.; 1899, 4. März, 3. Juni

Ludgate Illustrated Magazine 1894, S. 476

Magazine of Music 1896, S. 480

Musical Herald 1893, S. 54; 1894, S. 12, 150; 1896, S. 205; 1910, S. 224; 1911, S. 47; 1913, S. 363; 1915, S. 500; 1916, S. 33, 131, 153; 1920, S. 128

Musical News 1893 I, S. 223, 270; 1895 I, S. 202, 223; 1896 I, S. 11, 59; 1896 II, S. 109; 1897 I, S. 179,; 1897 II, S.401; 1898 I, S. 243; 1899 I, S. 224, 577

Musical Standard 1896 II, S. 63, 288; 1898 I, S. 137; 1911 I, S. 210 (Suppl.); 1911 II, S. 234, 394; 1912 I, S. 31, 370; 1912 II, S. 360

MusT 1893, S. 280; 1896, S. [77], 406; 1897, S. 194, 822; 1898, S. 339, 750; 1899 S. 47, 249; 1900, S. 187, 332; 1907, S. 474; 1910, S. 783; 1911, S. 116, 255, 322, 735, 805; 1912, S. 182, 315, 320, 472, 609, 738; 1913, S. 39, 614, 747, 808, 817; 1914, S. 46, 188, 257, 708; 1915, S. 169, 430, 496, 687, 752; 1916, S. 49, 202, 508; 1917, S. 35, 130, 168, 314; 1918, S. 27, 121, 517; 1919, S. 129; 1924, S. 455; 1925, S. 63, 256, 353; 1926, S. 1026; 1931, S. 79

The Non-Conformist Musical Journal 1896, S. 95

School Music Review 1898, Aug., S. 55; 1899, Jan., S. 149; 1911, März, S. 201; 1912, März, S. 212f.; 1913, Jan., S. 176; 1914, Nov., S. 106; 1915, Dez., S. 146; 1921, Dez., S. 98; 1926, Nov., S. 209

Times [London] 1897, 1. Nov.; 1901, 9. Mai; 1911, 13. Jan., 27. März; 1912, 26. Febr.; 1913, 11. Dez.; 1916, 16. Mai, 21. Juni, 5. Juli; 1917, 29. März; 1919, 9. Dez.; 1920, 17. Febr., 15. Nov.; 1923, 5. März; 1924, 27. Juni; 1925, 15. Jan.; 1926, 20. Mai, 17. Sept., 4. Okt.; 1927, 21. Okt.; 1930, 27. Nov.; 1931, 4. Juli

Herbert Antcliffe, „Our Women Orchestral Players“, in: The Sackbut 3. 12 (1923), S. 369–371.

Yvonne Pert, „The Woman in Music“, in: The Sackbut 5 (1924), S. 43–45.

Marion M. Scott, „Gwynne Kimpton – A British Woman Conductor, in: Christian Science Monitor 21. Juni 1924, Repr. in: The Maud Powell Signature. Women in Music 3 (2008), S. 10.

 

Bildnachweis

Musical Herald 1916, S. 33

Ansichtskarte: Salkeld Collection

A. F. Swaine: Salkeld Collection

Porträt vor 1924: Informationsmaterial des British Women’s Symphony Orchestra, Nachlass Marion M. Scott

 

Freia Hoffmann

 

 

© 2014 Freia Hoffmann