Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Schumann, Elise, verh. Sommerhoff

* 25. Apr. 1843 in Leipzig, † 1. Juli 1928 in Haarlem, Pianistin und Klavierlehrerin. Elise Schumann war das zweitgeborene Kind von Clara und Robert Schumann.

Ersten Klavierunterricht erhielt sie – ebenso wie ihre ältere Schwester Marie – nicht zu Hause. In einem Brief an die Freundin Emilie List begründet Clara Schumann die Entscheidung so: „Marie und Elise gehen in die Schule und lernen fleißig, auch in der Clavierstunde[,] die ich ihnen geben lasse, um mich mit den ersten Anfangsgründen nicht selbst abplagen zu müssen, da auch meine Zeit zu kostbar ist; Elise zeigt besonders Talent für Musik“ (Brief vom 13. Mai 1848, Wendler, S. 152). Erst einige Jahre später übernahm Clara Schumann den Unterricht der Mädchen. In einem Brief an Marie Lindeman schreibt sie: „Es interessirt Sie vielleicht zu hören, daß ich Marie und Elise jetzt selbst unterrichte, und mich entschädigt finde für die große Mühe und Geduldsprobe durch ihr Fortschreiten, obgleich sie immer angetrieben sein wollen. Sie hatten keinen Respect vor anderen Lehrern, doch mit mir, wissen Sie wohl, ist nicht spaßen!“ (Brief vom 8. Sept. 1851, Brunner, S. 158) Um 1853 erteilten beide Mädchen den jüngeren Geschwistern Klavierunterricht. Elise Schumann unterrichtete noch 1858 ihre jüngere Schwester Eugenie.

Mit Beginn der Erkrankung Robert Schumanns hatte Clara Schumann ihre Kinder bei Verwandten bzw. Bekannten und in Pensionen untergebracht. Marie und Elise Schumann wurden von ihr im Frühjahr 1856 in eine Pension in Leipzig gebracht. 1858 lebten beide bei der Mutter in Berlin. Elisabeth Werner, eine Bekannte Clara Schumanns, war für die Besorgung des Haushalts und die Erziehung der Kinder eingestellt worden.

Am 21. Jan. 1860 begab sich Clara Schumann in Begleitung ihrer Tochter Elise, die in diesem Rahmen aber nicht auftrat, auf eine Konzertreise (mit Aufenthalten in Hannover, Kassel, Braunschweig, Düsseldorf, Utrecht, Amsterdam, Rotterdam und Den Haag). Im Sommer des Jahres nahm Elise Schumann eine Stelle als Gesellschafterin im Haus von Adelheid Böcking, einer ehemaligen Schülerin Clara Schumanns, in Gräfenbacherhütte bei Bad Kreuznach an. Hier erteilte sie für ein Honorar von 300 Talern zwei Kindern des Hauses täglich zwei Stunden Musikunterricht, erhielt außerdem Kost und Logis frei. Clara Schumann beabsichtigte, dass Elise zudem Unterricht beim Hauslehrer der Familie erhalten solle und sah außerdem vor: „Dann schicke ich sie alle 4 Wochen nach Köln um dort ein Concert zu hören und bei meinem Bruder [Woldemar Bargiel] zu spielen und Theoriestunde zu nehmen“ (Brief von Clara Schumann an Emilie List, 25. Aug. 1860, Wendler, S. 229). Auch später war Elise Schumann als Gesellschafterin tätig: zwischen 1863 und 1865 bei der Prinzessin Anna von Hessen in Baden-Baden und von Nov. 1872 bis zu ihrer Hochzeit (im Nov. 1877) bei Marie Berna später verh. Gräfin von Oriola in Büdesheim.

Im Herbst 1864 berichten einige Fachblätter, dass sich Elise Schumann als Klavierlehrerin in Frankfurt a. M. niedergelassen habe. Am 30. Okt. 1865 feierte sie dort ihr öffentliches Debüt als Pianistin, und zwar in einem Konzert mit ihrer Mutter und dem Geiger Joseph Joachim. In einem Brief vom 31. Okt. 1865 berichtet Clara Schumann ihrem Freund Johannes Brahms über das Ereignis: „Unser Konzert gestern war sehr brillant und ging Alles wunderschön; wir hatten ungeheuren Beifall[.] […] Elise hat sich, obgleich sie sagt, es haben ihr alle Glieder gezittert, vortrefflich bewährt, spielte, als ob sie gar keine Angst hätte − ich hatte um so mehr, ließ es ihr aber natürlich nicht merken. Wir wurden hervorgerufen. Ich muß gestehen, daß ich mich während der Variationen [Robert Schumanns Andante und Variationen für zwei Klaviere B-Dur op. 64, das Clara und Elise Schumann in diesem Rahmen vorgetragen haben] einer weichen Stimmung nicht erwehren konnte, wenn ich dachte, wie schön für Elise dies erste Debüt in einem Concerte mit Joachim, und dem Duo ihres Vaters mit mir!“ (Litzmann 1908, S. 184). In der Presse fand der Auftritt der Schumann-Tochter dezente, wenn auch beifällige Rückmeldungen.

Lässt der Verweis auf „dies erste Debüt eine Folge weiterer Auftritte Elise Schumanns erwarten, finden sich in der zeitgenössischen Presse nach derzeitigem Forschungsstand keine weiteren Hinweise auf die Konzerttätigkeit der Pianistin. In den „Erinnerungen“ der Schwester Eugenie Schumann (Schumann 1925, Schumann 1995) finden sich mögliche Erklärungsansätze. Ihr zufolge habe Elise Schumann nur zögernd der Idee Clara Schumanns zu einem öffentlichen Auftritt zugestimmt (Du [gemeint ist Elise Schumann] warest einem Auftreten in der Öffentlichkeit sehr abgeneigt, aber schließlich willigtest du ein“, Schumann 1995, S. 71). Auch weitere Auftritte scheint Elise Schumann nicht in Erwägung gezogen zu haben. So heißt es bei Eugenie Schumann − wenn auch in anekdotischem Ton − weiter: „Alles ging wunderschön, und die Zuhörerschaft spendete wärmsten Beifall. Im Künstlerzimmer sagte dann Joachim zu dir: ‚Nun, Fräulein Elise, war es nicht doch schön, mit der Mutter zusammen zu spielen?‘ Da erhielt er die verblüffende Antwort: ‚Einmal, und nicht wieder‘.“ (ebd., S. 71f.).

Im Nov. 1872 beendete Elise Schumann ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin in Frankfurt, um eine Stelle als Gesellschafterin bei Marie Berna in Büdesheim anzutreten.

Am 24. Nov. 1877 heiratete sie den Kaufmann Louis Sommerhoff (1844–1911), einen Cousin von Marie Berna. Mit ihm ging sie anschließend in die USA. In New York wurde am 10. Sept. 1878 der erste Sohn des Ehepaares geboren: Robert († nach 1954). Am 3. Juli 1880 folgte ebenda die Geburt von Walter Georg († vor 1931), am 8. Juni 1882 kam die Tochter Clara zur Welt († 22. Apr. 1887 in Zürich). Mit ihren drei Kindern kehrten Elise und Louis Sommerhoff im Mai 1883 endgültig nach Europa zurück. Etwas außerhalb Frankfurts a. M. ließ sich die Familie nieder. Am 2. Mai 1885 wurde dort das jüngste Kind, Felix, geboren (Sterbedaten unbekannt).

Bis heute bildet Elise Sommerhoffs musikalisches Wirken eine Lücke in der musikhistorischen Forschung. Sie ist das einzige der Schumann-Kinder, mit dem Clara Schumann öffentlich konzertiert hat. Abgesehen von jenem Auftritt am 30. Okt. 1865 lassen sich derzeit jedoch keine weiteren öffentlichen Auftritte der Pianistin nachweisen. In privatem Rahmen musizierte sie offenbar gelegentlich mit ihrer Mutter (Clara Schumann an Johannes Brahms: „Ich habe so glückliche Stunden in Deiner wunderbaren Schöpfung [Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90 für zwei Klaviere] gefeiert (sie viele Male mit Elise gespielt)“, Litzmann 1908, S. 449) und auch für ihre Mutter (Tagebuch Clara Schumanns: „22. November [1889] ließ ich mir, weil mein Arm sehr schlimm noch war, von [Johann Naret-]Koning und Elise die neue Sonate D-moll [vermutlich die 1888 vollendete Violinsonate Nr. 3 op. 108] von Brahms, die er mir geschickt hatte, vorspielen, ebd., S. 512). Davon abgesehen veranstaltete sie mit ihrem Mann in ihrem Frankfurter Haus (musikalische) Gesellschaften. Ob sie in diesem Rahmen auch aufgetreten ist, muss offen bleiben.

 

LITERATUR

AmZ 1865, Sp. 773; 1866, S. 17

Blätter für Musik, Theater und Kunst [Wien] 29. Nov. 1864

Bock 1864, S. 349

Euterpe 1865, S. 19

Neues Fremden-Blatt [Wien] 1865, 22., 26. Okt.

NZfM 1865 I, S. 43

Signale 1865, S. 784

Berthold Litzmann, Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen, 3 Bde., Bd. 2: Ehejahre 1840–1856, Bd. 3: Clara Schumann und ihre Freunde. 1856−1896, Leipzig 1906 u. 1908.

Marie Wieck, Aus dem Kreise Wieck-Schumann, Dresden [u. a.] 1912.

Eugenie Schumann, Erinnerungen (= Musikalische Volksbücher), Stuttgart 1925.

Clara Schumann u. Johannes Brahms, Briefe aus den Jahren 1853−1896, hrsg. von Berthold Litzmann, 2 Bde., Bd. 1 u. 2, Leipzig 1927.

Joan Chissell, Clara Schumann. A Dedicated Spirit. A Study of her Life and Work, London 1983.

Nancy B. Reich, Clara Schumann. The Artist and the Woman, Ithaca u. London 1985.

Dies., Clara Schumann. Romantik als Schicksal. Eine Biographie, Hamburg 1993.

Eugenie Schumann, Claras Kinder. Mit einem Nachwort von Eva Weissweiler und Gedichten von Felix Schumann, hrsg. von Eva Weissweiler, Köln 1995.

Claudia de Vries, Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann Forschungen 5), Mainz [u. a.] 1996.

Eugen Wendler (Hrsg.), „Das Band der ewigen Liebe“. Clara Schumanns Briefwechsel mit Emilie und Elise List, Stuttgart u. Weimar 1996.

Renate Brunner (Hrsg.), Alltag und Künstlertum. Clara Schumann und ihre Dresdner Freundinnen Marie von Lindeman und Emilie Steffens (= Schumann-Studien Sonderbd. 4), Sinzig 2005.

Robert Schumann u. Clara Schumann, Ehetagebücher. 18401844, hrsg. von Gerd Nauhaus u. Ingrid Bodsch, Bonn 2007.

Wolfgang Seibold, Familie, Freunde, Zeitgenossen. Die Widmungsträger der Schumannschen Werke (= Schumann-Studien Sonderbd. 5), Sinzig 2008.

Ute Bär, „‚Sie war die einzige der Schwestern, die ein lebendiges Bild des Vaters in ihrem Herzen bewahrte …‘. Zum Gedenken an den 80. Todestag von Marie Schumann“, in: Die Tonkunst 4 (2009), S. 495−497.

Janina Klassen, Clara Schumann. Musik und Öffentlichkeit (= Europäische Komponistinnen 3), Köln 2009.

Eberhard Möller (Hrsg.), Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie Wieck (= Schumann Briefedition I/2), Köln 2011.

Schumann-Portal, http://www.schumann-portal.de/elise-schumann.html, Zugriff am 28. Juni 2015.

 

Annkatrin Babbe

 

 

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