Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bohrer

Familie: Louise (1), ihre Schwester Fanny (2), deren Tochter Sophie (3)



1. Bohrer, Louise, geb. Dülken, Dulcken, Dülcken, Dulken

* 1803 in München, † 1857 (Ort unbekannt), Pianistin. Ihr Vater war der Münchener Klavierbauer Louis Dulcken (1761–1836). Nach Schilling erhielt sie zusammen mit ihrer Schwester Fanny von ihrer Mutter, der Pianistin Sophie geb. Lebrun (1781–1863) Klavierunterricht. Ihr erster öffentlicher Auftritt ist für das Jahr 1814 in München belegt. 1824 heiratete sie den Violoncellisten Max Bohrer (1785–1867), und ihre Schwester Fanny ehelichte dessen Bruder Anton. 1827 übersiedelten beide Ehepaare nach Paris und konzertierten dort gemeinsam. Im Aug. 1828 schreibt die „Münchener Allgemeine Musik-Zeitung“ über ein Konzert in Paris: „Mad. Max. Bohrer, welche man in Paris noch nicht gehört hat, spielte ein Trio von Beethoven, und Variationen von ihrer eigenen Composition über das Lied: der Schweizerbub“ (Münchener aMZ 1828, Sp. 720). Während der gemeinsamen Konzerte, in denen Werke von Beethoven, Mozart und Haydn gespielt wurden, trug Louise Bohrer auch Solostücke vor, so z. B. Werke von Henri Herz. Durch die Juli-Revolution im Jahre 1830 vertrieben, verließen die Bohrers Paris und zogen zunächst nach London und darauf nach Stuttgart. Louise Bohrer war etwa ab 1831 Hofpianistin und Lehrerin der Prinzessinnen in Stuttgart. Mit ihrem Ehemann und dessen Bruder Anton Bohrer konzertierte Louise Bohrer in den Jahren 1833 und 1834 gemeinsam in Stuttgart. In den Jahren 1842/43 unternahm Max Bohrer eine Konzertreise nach Amerika. Ob Louise Bohrer ihren Mann begleitete, ist nicht zu ermitteln.

 

LITERATUR

AmZ 1814, Sp. 289; 1833, Sp. 81, 98; 1834, Sp. 63; 1837, Sp. 778

Münchener aMZ 1828, Sp. 720

Schilling, Gaßner, Schla/Bern (Art. Bohrer, Gebr. Anton und Max), Mendel, Fétis (Art. Bohrer, Antoine), MGG 2000 (Art. Dulcken, Art. Bohrer)

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1991.

 

2. Bohrer, Fanny, Franziska geb. Dülken, Dulcken, Dülcken, Dulken

* 1805 in München, † 1872 (Ort unbekannt), Pianistin. Sie wurde wie ihre Schwester Louise von ihrer Mutter unterrichtet. 1824 heiratete sie den Violinisten Joseph Anton Bohrer (1783–1863) und siedelte mit ihm, ihrer Schwester und deren Mann Max im Jahre 1827 nach Paris über. Über eine Konzerttätigkeit lassen sich keine zuverlässigen Aussagen machen, in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" werden häufig Konzerte von „Mad. Bohrer“ angeführt, wobei eine eindeutige Zuordnung zu Fanny Bohrer nicht möglich ist. Nach Schilling stand sie ihrer Schwester „als practische Pianistin wohl ziemlich gleich“, darum lässt sich vermuten, dass sie ebenso wie ihre Schwester mit ihrem Mann zusammen auftrat und im Trio oder möglicherweise auch im Quartett mit Max und Louise Bohrer spielte. Sie ist die Mutter von Sophie Bohrer.

 

LITERATUR

Schilling, Gaßner, Schla/Bern (Art. Bohrer, Gebr. Anton und Max), Mendel, Fétis (Art. Bohrer, Antoine), MGG 2000 (Art. Dulcken, Art. Bohrer)

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1991.

 

3. Bohrer, (Marie) Sophie, Sofie (Barbara), verh. von Bönninghausen

* 1828 in München oder Nov. 1830 in Paris, † 7. Febr. 1899 in Darup, Pianistin. Sophie Bohrer war die Tochter der Pianistin Fanny Bohrer geb. Dülcken (1805–1872) und des Violinisten und Komponisten Anton Bohrer (1783–1863), von denen sie auch ihre musikalische Ausbildung erhielt, wobei in der Presse vor allem Fanny Bohrer als Lehrerin hervorgehoben wird.

Laut „Bohemia“ ist Sophie Bohrer „bereits in ihrem sechsten Lebensjahre in den philharmonischen Concerten zu München“ (Bohemia 29. Apr. 1842) öffentlich aufgetreten. Eines der ersten belegbaren eigenen Konzerte erfolgte 1837 im Saal des Frankfurter Cäcilienvereins, wo sie gemeinsam mit ihrem Vater konzertierte. Der Dichter Ernst Ortlepp schreibt hierüber: „Das Publikum war klein, und bestand außer der Familie des Herzogs von Cambridge und einiger Honoratioren, meistens aus Künstlern. Aber diesen stand der Verstand still von dem, was sie sahen und hörten, und jetzt noch, nachdem auch ich nüchterner geworden, traue ich kaum noch meiner Erinnerung. Ich übergehe die Virtuosität A. Bohrer’s […] – ich concentrire meine ganze Kritik auf das Clavierspiel der kleinen achtjährigen Tochter Bohrer’s. Man denke sich ein pures Kind, einige Spannen hoch, das mit Mühe seinen Klavierstuhl erklettert; ein Kind, das mit seinen Händen noch lange keine Octave spannt, mit seinen Füßchen noch kein Pedal erreicht; ein Kind, das in heiterer Unschuld zu seinem Griffbrette läuft wie zu der Puppe; und man denke dabei den Anschlag eines Mannes in seiner besten Kraft, die Passagen eines Herz und Kalkbrenner, perlend, rund und nett, die Accorde tief und voll, die Sprünge tänzelnd sicher, dabei nie eine unreine Note, auch nicht in den Doppelgriffen; daß es macht, was es doch nicht machen kann, denn man hört dennoch die Octavgänge, die es bewunderungswürdig schnellt, man hört das Pedal (horizontal getreten); kurz, man denke sich ein Kind, das mit einem Ausdruck tiefer Empfindungen spielt, und man hat ein treues Bild der Sophie Bohrer. […] Diese Erscheinung ist zu außerordentlich und wirklich phänomenartig, als daß die inneren Schätze dieses Kindes nicht einst zu großen Resultaten führen sollten“ (Ortlepp, S. 127f.).

Für die folgenden Jahre, vor allem von 1840 an, ist eine Vielzahl an Konzerten Sophie Bohrers in verschiedenen europäischen Städten belegt. Im Sommer 1838 reiste Anton Bohrer mit seiner Tochter nach Frankreich. Am 25. Juni trat er zusammen mit ihr im Foyer der Salle Ventadour in Paris auf. Sophie Bohrer trug in diesem Konzert Thalbergs Grande fantaisie et variations sur des motifs de la Norma (von Bellini) op. 12 sowie Herz’ Fantasie dramatique sur le Choral protestant dans Les Huguenots (von Meyerbeer) op. 89 vor und fand hierfür große Anerkennung. Unter den Zuhörern befand sich Luigi Cherubini, der Direktor des Pariser Konservatoriums. Die „Gazette musicale de Paris“ schreibt: „Il était intéressant de voir M. Chérubini qui, jusqu’alors était resté impassible, s’épanouir à l’aspect de cette enfant, puis lui tendre la main et la presser entre ses bras: la petite virtuose de neuf ans ne savait pas ce qu’il y avait de significatif et de glorieux dans cet embrassement d’un illustre compositeur qui touche à sa quatre-vingtième année“ („Es war interessant zu sehen, wie M. Cherubini, der bis dahin unbewegt blieb, bei dem Anblick des Kindes erstrahlte, dann die Hand nach ihr ausstreckte und sie in seine Arme nahm: Die kleine Virtuosin von neun Jahren wusste nicht, wie bedeutungsvoll und ruhmreich diese Umarmung eines berühmten Komponisten war, der das achtzigste Lebensjahr schon erreicht hatte“, RGM 1838, S. 275). Am 2. Aug. folgte ein Auftritt von Sophie Bohrer und ihrem Vater in Versailles.

Bis 1850 unternahm Sophie Bohrer zahlreiche Konzertreisen, auf denen sie meist von ihren Eltern begleitet wurde. In den Jahren 1840/1841 reiste die Familie durch Deutschland und Österreich. Im Apr. und Mai 1840 hielt sie sich in Berlin auf, im Juni folgten Konzerte in Wien, u. a. am Hofe vor dem österreichischen Kaiserpaar. Zu den weiteren Stationen zählten Dresden, Bremen, München – wo Sophie Bohrer im Apr. 1841 im Saal des Odeons „allgemeine Bewunderung“ (Der bayerische Volksfreund 1841, Sp. 747) erregte – und Stuttgart. In der Wintersaison 1841/1842 gastierten Anton, Fanny und Sophie Bohrer erneut in Wien sowie in Brünn, Pest und wiederum Wien. Im Apr. befand sich die Musikerin in Prag, veranstalte am 20., 24. und 26. Apr. musikalische Akademien im Platteis-Saal und wurde dort, wie ein Korrespondent der Zeitschrift „Bohemia“ schreibt, „mit einem hier nur bei Paganini’s und Liszt’s Concerten erhörten stürmischen Beifalle empfangen und entlassen“ (Bohemia 26. Apr. 1842). Jean-Frederic Kittl, Direktor des Prager Konservatoriums, zeigte sich von der jungen Pianistin so beeindruckt, dass er sie zur Widmungsträgerin einiger seiner Kompositionen – u. a. Le Zephir. Impromptu pour le Piano-Forte – machte. Mitte des Jahres befand sich Sophie Bohrer in England und konzertierte am 4. Juli in London.

1843 kehrte die Familie Bohrer nach Hannover zurück. 1844 unternahm Sophie Bohrer mit ihren Eltern eine Reise in die Niederlande. Im Okt. und Nov. trat sie, zusammen mit ihrem Vater, mehrfach in Den Haag, Utrecht, Rotterdam und Amsterdam auf. Das „Journal de La Haye“ und der „Nieuwe Rotterdamsche Courant“ berichten von der Absicht einer Konzertreise nach London, die jedoch offenbar nicht verwirklicht wurde. Stattdessen reisten Anton und Sophie Bohrer nach Paris, wo die Pianistin mehrfach in der Oper auftrat – u. a. am 2. März 1845. In der Ankündigung heißt es: „Mlle. Sophie Bohrer se fera entendre dimanche […] dans un grand concert, dans lequel elle exécutera le Concerto de Weber, F Fantaisie sur la Lucia de Liszt, et donnera, à la fin de la soirée, le choix de cent morceaux, dont elle en jouera quatre sur l’indication des auditeurs“ („Mlle. Sophie Bohrer wird sich am Sonntag in einem großen Konzert hören lassen, in welchem sie das Konzert von Weber, die Fantasie über Lucia von Liszt spielen wird, und am Ende des Abends wird das Publikum die Wahl aus 100 Stücken haben, von denen sie vier spielen wird“, Le Ménestrel 15. Febr. 1845). Eben diese Form der Konzertgestaltung – bei der das Publikum anhand einer Liste Programmwünsche äußern konnte – trieb Sophie Bohrer auf die Spitze. Waren es 1842 noch 50 Stücke, die den Zuhörern zur Auswahl gestellt wurden, konnte das Publikum 1846 aus „114 Nummern von dem vorigen Jahrhundert bis zur neuesten Zeit“ (AmZ 1846, Sp. 119) wählen. Im Mai 1845 trat Sophie Bohrer im Pariser Théâtre-Italien auf. Neben der Klaviersonate cis-Moll op. 27 Nr. 2 von Beethoven, Stephen Hellers Konzertetüde La chasse op. 29, Thalbergs Fantasie über Moses von Rossini und einer Fuge von Joh. Seb. Bach trug sie in diesem Konzert mit der Fantaisie dramatique auch eine eigene Komposition vor. Mit ähnlichem Programm ließ sie sich im Nov. 1845 im Münchener Odeon hören und reiste anschließend nach Prag, Reichenberg (tschech. Liberec), Wien und Pest.

Zwischen 1847 und 1850 besuchte Sophie Bohrer mit ihrem Vater verschiedene osteuropäische Städte, darunter Lemberg, Odessa, Temeswar (rumän. Timișoara), Riga, Prag und St. Petersburg und erregte überall große Aufmerksamkeit. In Lemberg wirkte Liszt in einem Konzert der Pianistin mit, um ihr durch ein gleichzeitig abgehaltenes Konzert keine Besucher streitig zu machen. In Temeswar trug die Musik-Kapelle des Infanterie-Regiments ihr zu Ehren eine Serenade vor, „eine Auszeichnung, die noch keinem Künstler in Temesvár zu Theil wurde“ (AWM 1847, S. 64).

Laut der „Berliner Musikalischen Zeitung“ litt Sophie Bohrer schon früh unter gesundheitlichen Problemen, die ihrem anstrengenden Leben zugeschrieben wurden: „Der Violinist Anton Bohrer […] wird mit seiner Tochter nach Paris gehen, um dort eine vollständige Klaviervirtuosin aus ihr zu erziehen, obgleich das talentvolle junge Mädchen, wahrscheinlich in Folge der Virtuosenerziehung, schon Jahre lang an einem sehr heftigen Nervenübel litt, ja sogar im lethargischen Zustand sich befand“ (GaillardBMZ 1844, Nr. 29). Die Zahl der auswendig beherrschten Stücke wuchs beständig. 1848 ließ sich Sophie Bohrer in St. Petersburg nieder, wo sie – diversen Lexika zufolge (u. a. Mendel, ADB und Gathy) – ein Jahr später im Alter von etwa 20 Jahren verstorben sein soll. Tatsächlich aber konzertierte die Pianistin 1849 noch in St. Petersburg und reiste 1850 nach London, Warschau, Berlin und Paris. Im Herbst folgten weitere Auftritte in Frankreich. Die „Rheinische Musik-Zeitung“ schreibt: „Thalberg und Sophie Bohrer bereisen den Norden von Frankreich: sie haben kurz hintereinander in Boulogne[-sur-mer] Concerte gegeben“ (Rheinische Musik-Zeitung 1850, S. 103).

Ende 1850 erkrankte Sophie Bohrer schwer und zog sich aus dem Konzertleben zurück. Dies belegen Dokumente aus dem Nachlass der Homöopathin (Marie) Mélanie Hahnemann geb. d’Hervilly (1800–1878) – Witwe des Homöopathen Samuel Hahnemann – , die die Behandlung der Pianistin übernahm. In dem Konvolut befinden sich u. a. Briefe der Großmutter Sophie Bohrers, Sophie Dülckens (geb. Lebrun), in denen sie ihren Dank über die Behandlung der Enkelin ausspricht: „Mon cœur me dit de vous exprimer ma reconnaissance, mes tendres remercïmens de m’avoir, par votre grande science conservé ma petite fille chérie. Les lettres de ma fille Bohrer sont remplies de vos louanges, Madame“ („Mein Herz drängt mich, Ihnen meine Anerkennung, meinen zärtlichsten Dank auszudrücken, dass Sie durch ihr großes Können das Leben meines kleinen Lieblings erhalten haben. Die Briefe meiner Tochter [Fanny] Bohrer sind voll des Lobes über Sie, Madame“, Brief vom 9. Apr. 1851, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart, Nachlass Mélanie Hahnemann, Nr. 422). Außerdem beinhaltet der Nachlass eine Heiratsurkunde aus dem Jahr 1857 über die Eheschließung von Sophie Bohrer mit dem Arzt Carl Anton Hubert Walburgis von Bönninghausen (1826–1902), die, wie aus Briefen zwischen Mélanie Hahnemann und Clemens von Bönninghausen (dem Vater des Bräutigams) hervorgeht, von diesen arrangiert wurde. Mit der Heirat übernahm Carl von Bönninghausen die ehemalige Praxis von Samuel Hahnemann und blieb mit Sophie von Bönninghausen in Paris. 1859 stellte Mélanie Hahnemann einen Antrag auf Adoption von Sophie (vermutlich um ihr so die französische Staatsbürgerschaft zu sichern). Dieser wurde jedoch abgelehnt.

Bis 1870 bzw. 1871 blieb Sophie von Bönninghausen mit ihrem Ehemann in Paris und zog dann aufgrund des deutsch-französischen Krieges nach Westfalen in das Haus Darup in Darup bei Coesfeld, das sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts im Besitz der Familie von Bönninghausen befand. Dort starb Sophie von Bönninghausen am 7. Febr. 1899.

Die Rezeption Sophie Bohrers in der zeitgenössischen Presse ist ambivalent. Als Wunderkind wurde sie gefeiert, ihr großes technisches Können, ihr umfangreiches Repertoire, ihr Auswendigspiel erregten Bewunderung. 1848 schreibt die NZfM über ein Konzert in St. Petersburg: „Einige wollten sie sogar über Liszt, Thalberg, Henselt und Alles setzen“ (NZfM 1848 II, S. 81), dem Autor selbst geht jedoch ein solches Lob zu weit. In der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ nennt man sie „einen in’s Weibliche übertragenen Liszt“ (AmZ 1848, Sp. 455). 

Auf der anderen Seite kritisierte man ihre mangelnde „Natürlichkeit“ (AWM 1841, S. 590), und fehlendes „inneres Gefühl“ (AWM 1842, S. 11). Über ihren Vortrag der Lisztschen Don-Juan-Fantasie schreibt die „Allgemeine Wiener Musikzeitung“ im Jahre 1846: „Die technische Vollendung, die dieser Künstlerin eigen ist, verließ sie auch hier nicht; wohl aber finden wir es für unmöglich, dass Frln. Bohrer den richtigen Vortrag dieser dämonischen Fantasie haben könne  und solle!“ (S. 163f.). Das Zitat lässt sich so interpretieren, dass die dem weiblichen Geschlecht zugeschriebenen Eigenschaften nach Ansicht des Schreibers dem „dämonischen“ Charakter des Werkes entgegenstanden, eine Argumentation, die damals durchaus gängig war. Auch das folgende Zitat ist ein Indiz dafür, dass Sophie Bohrers Vortragsweise nicht den für Frauen geltenden Konventionen entsprach: „Sie soll eine Spielweise haben, welche dem ersten besten Manne angehören könnte, ohne alle weibliche Zartheit stürmt und wüthet sie à la Liszt“ (Signale 1846, S. 104).

Auch ihre Jugend und ihr Äußeres wurden thematisiert. Der Verlust des Wunderkind-Status und das Heranreifen zur Frau galt oftmals als problematisch, da musizierende Mädchen anders rezipiert wurden als erwachsene Instrumentalistinnen: 1840 beschreibt sie die „Neue Zeitschrift für Musik“ noch als „schwarzlockiges, höchstens zwölfjähriges, schlankes Mädchen“, welches „mit leichtem natürlichen Anstande vor uns hin[tritt], weiter als „werdende Jungfrau“ (NZfM 1840, S. 195f.). Die Zeitschrift „Signale“ zitiert 1845 den französischen „Constitutionel“, der Sophie Bohrers Auftreten als Wunderkind in Paris als unglaubwürdig kommentiert: „Fräulein Bohrer, die angeblich vierzehnjährige, aber dem Ansehen nach schon vor fünf Jahren fünfzehnjährige Brünette, in einer kurzen weißen Robe (wie alle unverheiratheten Pianistinnen) und in minder kurzen weißen Pantalons, spielt allerlei Sachen“ (Signale 1845, S. 127). Über Sophie Bohrers jeweiliges Alter zum Zeitpunkt ihrer Auftritte finden sich sehr widersprüchliche Angaben. Der ironische Ton des Pressekommentars basiert möglicherweise auf der Vermutung, ihr Vater habe sie als jünger ausgegeben als sie tatsächlich war, um den prestigeträchtigen Status als Wunderkind erhalten.

Sophie Bohrers Repertoire war umfangreich. Gerade in den ersten Jahren der Konzerttätigkeit umfasste es zahlreiche Bravourstücke und Salonmusik, zunehmend verschob sich der Schwerpunkt jedoch hin zu anspruchsvollerer Literatur. Konzertprogramme enthielten unter anderem das gesamte Wohltemperierte Klavier von Joh. Seb. Bach, die Etüden Chopins sowie Werke Liszts, Mendelssohns, Herz’s, Thalbergs und Beethovens, aber auch weniger bekannte Werke und eigene Kompositionen. (Sie komponierte Stücke für Klavier, deren Manuskripte jedoch teilweise verschollen sind.) Johann Wenzel Tomaschek schreibt in der Zeitung „Prag“: „Ihr Programm enthält, quantitativ genommen, eine reiche Auswahl von Tondichtungen, und zwar aus mehreren Epochen des Klavierspiels, unter welchen Bach, Mozart und Beethoven als kolossale Leuchttürme hervorragen, während die gewandte Schifferin auf dem unübersehbaren Notenmeer nach allen Richtungen, wie man es wünscht, mit einer Sicherheit einhersegelt, die man nicht oft erlebt“ (Prag 1842, S. 273). Wiederholt gab die Pianistin Konzerte mit auffällig umfangreichem Repertoire. In einem solchen „Concert monstre“ (AmZ 1845, Sp. 330) trug sie an die 50 Stücke hintereinander auswendig vor. Berlioz, der mit Anton Bohrer befreundet war, erinnert sich: „Anton Bohrer bekleidet in Hannover das Amt eines Konzertmeisters; er komponiert jetzt wenig; seine Lieblingsbeschäftigung besteht darin, die musikalische Ausbildung seiner Tochter zu leiten. Sie ist ein reizendes Kind von zwölf Jahren, dessen wunderbare Anlagen seiner ganzen Umgebung leicht begreifliche Sorgen macht. Erstens gehört ihr Talent als Klavierspielerin zu den außergewöhnlichsten, dann ist sie mit einem derartigen Gedächtnis begabt, daß ihr Vater in den Konzerten, die sie voriges Jahr in Wien gegeben hat, den Zuhörern, statt eines Programms, eine Liste vorlegte, auf welcher zweiundsiebzig Stücke […] verzeichnet sind, die die kleine Sophie auswendig beherrscht und ohne Zögern nach Belieben des Publikums aus dem Gedächtnis spielen konnte. Es genügt ihr, ein Stück, wie lang und schwierig es auch sei, drei- oder viermal zu spielen, um es zu behalten und nicht wieder zu vergessen. Daß so viele Kombinationen unterschiedlichster Art sich diesem jungen Gehirn einprägen! Liegt darin nicht etwas Beängstigendes, das ebensoviel Schrecken wie Bewunderung einflößt?“ (Berlioz, S. 329f.).

 

WERKE FÜR KLAVIER

Mazurka op. 1, St. Petersburg u. Hamburg 1856; Fantaisie dramatique

 

LITERATUR

Nachlass Mélanie Hahnemanns im Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Archiv, Bestand M, 1, 102, 107, 111, 412, 421, 422

Der Adler. Allgemeine Welt- und National-Chronik 1842, S. 11

Algemeen Handelsblad [Amsterdam] 1844, 19., 22., 25. Nov.; 1846, 19. Jan.

Allgemeine homöopathische Zeitung, 18. Mai 1857

Allgemeine Zeitung München 1846, S. 2508

AmZ 1840, Sp. 384, 464f.; 1841, Sp. 279, 413; 1842, Sp. 532f.; 1845, Sp. 232, 330; 1846, Sp. 28f., 116, 118–120; 1848; Sp. 454

AWM 1841, S. 572, 590f.; 1842, S. 4, 11f., 48, 55, 96, 117f., 152, 182, 576; 1844, S. 504; 1845, S. 88, 568; 1846, S. 7, 24, 48, 96, 102f., 163f., 412; 1847, S. 64, 108, 188; 1848, S. 168

Baierischer Eilbote 9. Nov. 1845

Bayerischer Kurier 10. Jan. 1863

Der bayerische Volksfreund 1841, Sp. 671f., 727, 747

Bock 1848, S. 141; 1850, S. 134, 295

Bohemia [Prag] 1842, 26., 29. Apr., 3. Mai; 1845, 9. Dez.

GaillardBMZ 1844, Nr. 29; 1845, Nr. 11, 17, 21; 1846, Nr. 1

Der Humorist 1847, S. 432

Iris 1840, S. 56, 60, 64, 72

Journal de débats politiques et littéraires 1844, 29. Okt., 29. Dez.; 1845, 1., 28. Febr., 4. März, 29. Apr.; 1850, 19. Okt.

Journal de La Haye 1844, 17. Okt., 10., 13. Nov.

Journal des théâtres 1. März 1845

Le Ménestrel 1838, NP (1. Juli), NP (11. Nov.); 1845, NP (23. Febr.), NP (20. Apr.)

Moravia. Ein Blatt zur Unterhaltung, zur Kunde des Vaterlandes, des gesellschaftlichen und industriellen Fortschrittes 1842, S. 15

Morgenblatt für gebildete Leser 1841, S. 568

Münchener politische Zeitung 9. Febr. 1842

MusW 1850, S. 344

NZfM 1838 II, S. 54; 1840 I, S. 127, 176, 195f.; 1840 II, S. 8; 1841 II, S. 180; 1842 I, S. 32, 52; 1845 II, S. 196; 1846 I, S. 88, 104; 1848 I, S. 288; 1848 II, S. 81; 1850 II, S. 276

Nieuwe Rotterdamsche courant 19. Okt. 1844

Österreichisch-Ungarische Revue 1864, S. 154, 155

Ost und West. Blätter für Kunst, Literatur und geselliges Leben 1842, S. 67, 105, 152, 185

Passavia. Zeitung für Niederbayern 30. Jan. 1846

Prag. Beiblätter zu „Ost und West“ 1842 Bd. 1, S. 274

RGM 1838, S. 267, 275, 299

Rheinische Musik-Zeitung 1850, S. 103

Signale 1845, S. 5, 127; 1846, S. 104; 1869, S. 914

La Sylphide 1845, S. 165

Le Tintamarre 20. Apr.1845

Der Ungar 1842, S. 70, 92f.

Der Wanderer 1846, S. 55, 100, 192, 203, 322, 460

Zeitung für die elegante Welt 1850, S. 143

Becker, Gathy, Schla / Bern (Art. Bohrer, Gebrüder Anton und Max), Mendel (Artikel Bohrer, Familie), ADB, Riemann 1, Fétis (Art. Bohrer, Anton), RudolphRiga, Elson, Pazdirek, Grove 5 (Art. Bohrer, Familie), MGG 2000 (Art. Bohrer, Familie)

Karl Gollmick, Musikalische Novellen und Silhouetten, Zeitz 1838.

Ernst Ortlepp (Hrsg.), Großes Instrumental- und Vokal-Concert. Eine musikalische Anthologie, Stuttgart 1841.

L. Wolf, Almanach für Freunde der Schauspielkunst auf das Jahr 1841, Berlin 1841.

Christian d’Elvert, Geschichte des Theaters in Mähren und Oester. Schlesien, Brünn 1852.

Louis Charles Elson, University musical encyclopedia, 10 Bde., Bd. 8, New York 1910.

Gustav Bereths, Musikchronik der Stadt Trier. 1800–1850 (= Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte 17), 2 Bde., Bd. 1, Mainz 1978.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Hector Berlioz, Memoiren, hrsg. von Wolf Rosenberg, München 1979.

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt a. M. u. Leipzig  1991.

Katharine Ellis, „Female Pianists and Their Male Critics in Nineteenth-Century Paris“, in: Journal of the American Musicological Society, 2–3 (1997), S. 353–386.

Rima Handley, Eine homöopathische Liebesgeschichte. Das Leben von Samuel und Melanie Hahnemann, München 2002.

Katharina Mayer, Aspekte des weiblichen Wunderkindes im 19. Jahrhundert am Beispiel der Pianistin Sophie Bohrer (1828–1899), unveröffentlichte Masterarbeit, Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz 2014.

 

Anja Herold/Annkatrin Babbe

 

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