Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Liebé, Liebe, Thérèse (Jeanne Berthe), Therese

* 7. Apr. 1854 in Straßburg, † nach 1896, wahrscheinlich in London, Violinistin. Ihre Eltern waren (Catherine) Amélie geb. Uhler und Frédéric Eduard Louis (Ludwig) Liebé (1819–1900). Louis Liebé wirkte seit 1850 in Straßburg als Lehrer für Gesang, Klavier und Komposition und leitete verschiedene Chöre sowie die Société philharmonique. Wer Thérèse den ersten Unterricht auf der Geige erteilte, ist zurzeit nicht ermittelbar. In der Presse wird 1866 erwähnt, sie sei Schülerin von Teresa Milanollo gewesen und werde nun ihre Ausbildung bei Delphin Alard (1815–1888) fortsetzen. Aus ihrer Konzerttätigkeit, die sich 1866 bis 1868 auf Paris konzentriert, lässt sich der Schluss ziehen, dass sie für diese Zeit nach Paris übersiedelte. 1870 wird als Lehrer der belgische Violinist Hubert Léonard (1819–1890) genannt, der sich seit 1867 in Paris aufhielt.

Bereits mit neun Jahren trat das Kind öffentlich auf, so am 12. Dez. 1863 in Straßburg. Mit dem Jahr 1865 begannen Reisen, zunächst im deutschsprachigen Raum (Frankfurt a. M., St. Gallen), dann in der französischen Schweiz. Der Frankfurter Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ berichtet über ihren Auftritt in einem Wohltätigkeitskonzert, bevor die Geigerin dort ein eigenes Konzert gab: „Therese Liebe aus Straßburg, kaum 10 Jahre alt, würde uns, hätten wir nicht zuvor eine Therese Milanollo gehabt, als ein Wunderkind erscheinen. Im Benehmen sonst ganz Kind, ist sie, die Geige in der Hand, der verkörperte Ernst. Sie spielt mit großer Sicherheit und bekundet eine für ihr Alter ungewöhnliche Technik, gepaart mit seltenem Verständniß“ (NZfM 1865, S. 146). Bereits 1866 folgte eine erste Reise nach London, wo sie am 13. Juli in „Mrs. Merest’s musical soirees“ (MusW 1866, S. 481) mitwirkte. Zu Beginn der Wintersaison 1866/67 bereiteten Auftritte in Pariser Salons ihre Konzerttätigkeit in der französischen Metropole mediengerecht vor. Die „Signale für die musikalische Welt“ berichten von einer „Soiree vor eingeladenen Künstlern und Kunstfreunden“, die sie „zu allgemeinster Befriedigung“ (Signale 1866, S. 905) absolvierte, und der „Figaro“ widmete der Musikerin nach ihrem Auftreten im Salon der „madame de H…“ einen geradezu schwärmerischen Text: „On nous signale avec beaucoup d’enthousiasme une jeune artiste, une enfant de douze ans, qui pourrait bien être la lionne de la saison, si le hasard veut que le monde parisien la prenne sous son patronage et s’entiche quelque peu. […] Cette miniature d’artiste, est charmante, à ce qu’il parait, et c’est un talent véritable, déjà consacré, du reste, en Allemagne et en Angleterre, d’où elle arrive“ („Man macht uns mit großer Begeisterung auf eine junge Künstlerin aufmerksam, ein Kind von zwölf Jahren, das sehr wohl die Löwin der Saison werden könnte, wenn der Zufall es will, dass die Pariser Gesellschaft sie unter ihre Fittiche nimmt und sich vielleicht ein bisschen in sie verliebt.[…] Diese Miniatur-Virtuosin ist reizend und wie es scheint, mit einem wirklichen Talent begabt, das übrigens in Deutschland und England, wo sie herkommt, schon unter Beweis gestellt worden ist“, Le Figaro 15. Jan. 1867). Mit Kompositionen ihres Lehrers Delphin Alard (Fantasie über La Muette de Portici von Auber, Fantasie über Nabucco von Verdi) und der Romanze G-Dur op. 40 von Beethoven präsentierte sie sich sodann in verschiedenen öffentlichen Konzerten (Hotel d’Amérique, Salle Pleyel, Salon Erard). „Depuis longtemps nous n’avions entendu une artiste réunissant tant de talents à tant de grâce. Son violon prend une âme sous son archet. […] Mlle Thérèse Liebé marche assurément sur les traces des Vieuxtemps, des Sivori et des de Bériot, dont elle pourrait un jour devenir l’égale“ („Seit langem haben wir keine Künstlerin gehört, die ein so großes Können mit so viel Anmut verbindet. Die Geige klingt unter ihrem Bogen geradezu beseelt. […] Mlle. Thérèse Liebé wandelt auf den Spuren eines Vieuxtemps, eines Sivori und eines de Bériot, und eines Tages könnte sie ihnen ebenbürtig sein“ (Le Petit Journal 4. Apr. 1870, S. 2). „Il serait trop long de vouloir caractériser ici toutes les qualités qui distinguent Mlle Thérèse Liebé; signalons du moins les principales: coup d’archet plein d’énergie dans les passages vigoureux, son moelleux ou vibrant, selon le besoin de ce qu’elle interprète, justesse irréprochable, deux fois charmante à cet âge, et une merveilleuse compréhension de la musique, qualités qui dénotent quels bons principes ont été chez elle développés, cultivés par nos premiers grands maîtres“ („Es würde zu viel Raum beanspruchen, wenn man hier alle Eigenschaften würdigen wollte, die Mlle Thérèse Liebé auszeichnen. Zumindest wollen wir die wichtigsten nennen: ein Bogenstrich voller Energie in den kräftigen Passagen, ein geschmeidiger oder leidenschaftlicher Klang je nach Anforderung der Musik, die sie spielt, eine einwandfreie Technik, doppelt bezaubernd im Hinblick auf ihr Alter, und ein wunderbares Erfassen der Musik – Eigenschaften, die die guten Leitlinien verdeutlichen, nach denen sie, angeleitet durch unsere erstklassigen Lehrer, ausgebildet wurde“ (Le Ménestrel 1868, S. 183).

Ein weiteres Mal war im Juni 1868 London Reiseziel und Konzertort, u. a. mit der Valse espagnole von Delphin Alard und Beethovens Trio op. 11 (Gassenhauer-Trio)„It is indeed surprising to hear this young lady, only 13 years of age, executing the most difficult classical pieces with the deepest understanding and most magnificent performance. The real genius of music approaches the listeners and the effort surpasses all anticipation. Mdlle. Liebe draws from her instrument a tone so full, round, sympathetic, and energetic as to remind us of the wonderful playing of [Joseph] Joachim“ (MusW 1868, S. 453)Die Wintersaison 1868/69 führte Thérèse Liebé nach Mainz, Darmstadt, Augsburg und München; auf den Programmen standen nun das Violinkonzert von Mendelssohn, die Variationen aus Beethovens Kreutzer-Sonate, eine Fantasie-Caprice von Vieuxtemps und wiederum das Klaviertrio op. 11 von Beethoven. Nach Auftritten in Paris (u. a. mit Beethovens Violinsonate Es-Dur op. 11 Nr. 3 in den Salons Erard am 2. Mai 1869) folgten am 16. Juli in Wiesbaden ein Konzert zusammen mit der Sängerin Marie Monbelli und dem Ehepaar Alfred und Marie Jaëll sowie zu Beginn der Wintersaison Konzerte in Basel. Nach mehreren Auftritten in Paris in den ersten Monaten des Jahres 1870 wurde ein drittes Mal London aufgesucht. Der Kritiker des „Athenæum“ zeigte sich zwar musikalisch beeindruckt, bemühte jedoch einen Einwand, der um diese Zeit längst als anachronistisch gelten konnte: „The début of a juvenile lady violinist, Mdlle. Thérèse Liebe, at the Saturday Crystal Palace Opera entertainments, was successful in showing her dexterity in a Concerto by De Beriot; but the instrument is not a graceful one when shouldered by a lady; and it can only be extraordinary skill which can reconcile hearers to have the violin taken from masculine hands“ (The Athenæum 1870 II, S. 58). Es schlossen sich Termine in Wiesbaden (1870, 1871), Zofingen (1871) und Basel (1871) an. Vom Sommer 1871 an war Thérèse Liebé ein Jahr lang in England tätig (einschließlich einer „Provincial Tour“, MusW 1872, S. [133]) und trat dort auch gemeinsam mit ihrem Bruder Théodore Liebé, einem Violoncellisten und Schüler von Alfredo Piatti, auf.

Anfang Aug. 1872 informiert „The Orchestra“ über neue Reisepläne: „Madame Rudersdorff’s concert troupe for the United States is to include Miss Alice Fairman, Sig. Randegger, Mdlle. Therese Liebe, the young violinist; Mr. J. F. Rudolphsen, baritone, and Mr. Geo. W. Sumner, Pianist and director“ (The Orchestra 1872, S. 296).Nachdem sie unterwegs auf dem Dampfer „Malta“ am 27. Sept. 1872 ein Wohltätigkeitskonzert für die „Liverpool Seaman’s Orphan Institution“ bestritten hatte, erreichte die 18-jährige Musikerin am 30. Sept. Boston. Die Ursache für die geringe Zahl der in den USA absolvierten Konzerte (New York 22. Nov. 1882, Trenton/NJ 27. Nov. 1872, Keene/NH Juni 1873) referiert die „Musical World“: „Mdlle. Therese Liebe […] has been laid up at Boston, during the winter, with a serious illness, which prevented her fulfilling her various engagements in the United States. Mdlle. Liebe is, however, now happily recovered (MusW 1874, S. 69). Hinzu kam, dass die Konzertgesellschaft der Mad. Rudersdorff bei dem großen Brand in Boston im Nov. 1872 „ihre ganze Garderobe nebst Schmuck und Musikalien“ (Signale 1873, S. 48) verlor.

In London nahm die Geigerin ihre Konzerttätigkeit wieder auf. Unter anderem konzertierte sie am 21. Juli 1873 im Londoner Tavistock House mit Werken by Dussek and Molique, besides some of her own compositions“ (Athenæum 1873 II, S. 122).

Dass Thérèse Liebé immer wieder durch gesundheitliche Probleme beeinträchtigt war, ist möglicherweise die Folge des enormen Pensums, das sie als Kind und junge Frau zu bewältigen hatte. Für den 26. März 1874 ist bereits ein weiterer Auftritt in Lowell/MA angekündigt. 1881 meldet die „Musical World“ die Rückkehr der Musikerin aus einem Erholungsaufenthalt, „her health beeing greatly improved by her nine months residence in the atmosphere of the Sunny South“ (MusW 1881, S. 284). Am 15. Juli 1881 fand wiederum ein Auftritt mit ihrem Bruder Théodore, einem „promising violoncellist“ (Musical Standard 1881 II, S. 52), statt. Mit ihm unternahm sie anschließend eine weitere Reise in die Vereinigten Staaten, wo das Geschwisterpaar Ende Sept. 1881 beim Worcester Musical Festival mitwirkte. Am 3. Okt. traf Thérèse Liebé in Boston mit der damals 14-jährigen Amy Beach zusammen und trug sich in deren „autograph album“ ein. Auch Anfang März 1884 ist ein Auftritt der Geschwister in den Vereinigten Staaten belegt. Thérèse Liebe spielte in einem New Yorker Konzert die Romanze op. 42 von Max Bruch und die Bearbeitung eines Chopin-Nocturnes von August Wilhelmj: „Her tone is clear and round, though not large, and she plays neatly, tastefully, and with a freedom from affectation that produces a very pleasing effect“ (New York Times 6. März 1884). Gemeinsam mit der Pianistin Marie Heimlicher musizierte das Geschwisterpaar das Klaviertrio F-Dur von Camille Saint-Saëns.

1891 konzertierte Thérèse Liebé in sechs Konzerten mit dem Victorian Orchestra in Melbourne, wo ihr Bruder inzwischen eine Anstellung als Solo-Cellist gefunden hatte, „her performances rivalling, in the opinion of many, those of Lady HalléTo her great artistic ability, she adds the attractions of a prepossessing face, and a graceful and elegant bearing“ (Illustrated Sidney News 11. Apr. 1891, S. 12).

1897 erschien in englischen und australischen Zeitungen ein Aufruf zur Unterstützung der Musikerin: „The Rev. H. R. Haweis writes […] to call attention to the sad case of Mdlle. Therese Liebe, ‚a violinist who some years ago charmed the English public.‘ She is now lying dangerously ill and is in want of common necessaries, having lost her colonial savings in a Melbourne bank and spent her other savings in supporting her aged parents (Musical Standard 1897 I, S. 237).

 

LITERATUR

Acte de naissance in den Archives de la ville de Strasbourg, freundlicherweise übermittelt durch Laurence Perry, Conservateur en chef du Patrimoine, mit Schreiben vom 4. Okt. 2013 an die Verf.

Advertiser [Adelaide] 3. Mai 1897, S. 6

AmZ 1866, S. 211; 1869, S. 23

Argus [Melbourne] 26. Sept. 1891, S. 16

Athenæum 1870 II, S. 58; 1871 I, S. 664; 1871 II, S. 25; 1872 II, S. 26; 1873 II, S. 122

Bock 1868, S. 418, 426; 1869, S. 167, 247, 415; 1870, S. 199

Bulletin de la Société académique du Bas-Rhin Okt.–Nov. 1913, S. 296, 299

Chronicle [Adelaide] 8. Mai 1897, S. 44

Courrier du Bas-Rhin 11. Apr. 1867

Figaro 1867, 15. Jan.; 1870, 16. März

Illustrated Sidney News 11. Apr. 1891, S. 12

L’Indépendance dramatique 24. Apr. 1869, S. 4

Lowell Daily Citizen and News 24. März 1874

Le Ménestrel 1867, S. 71, 86, 107; 1868, S. 72, 183f., 382; 1869, S. 159, 183, 206, 270; 1870, S. 127, 135f., 151

Monthly Musical Record 1873, Aug., S. 108; 1894, Aug., S. 120

Musical Standard 1872 I, S. 216; 1873 II, S. 163f.; 1879 I, S. 209; 1880 I, S. 94; 1881 II, S. 52; 1897 I, S. 237

MusT 1872, Febr., S. 387; 1878, Dez., S. 684; 1879, Apr., S. 216

MusW 1866, S. 481; 1868, S. [419], 453491; 1869, S. 43; 1870, S. 444, 480; 1871, S. 347, 427, 573, [605]; 1872, S. [133], 193, 198, 214, 230, 246, 262, 278, 306, 326, 353, 633, 640, 676, 725; 1873, S. 477, 594; 1874, S. 69; 1879, S. 428, [621]; 1881, S. 284, 486f.

New Hampshire Sentinel 29. Mai 1873

New Haven Register 26. Aug. 1881

New York Herald 1872, 20., 22. Nov.

New York Times 6. März 1884

NZfM 1865, S. 146, 445; 1866, S. 46; 1867, S. 34, 50, 454; 1868, S. 386, 424, 446; 1869, S. 179, 243, 259, 442; 1870, S. 136, 259; 1871, S. 58f., 247; 1871, S. 320; 1872, S. 458; 1873, S. 48; 1881, S. 391; 1883, S. 181; 1891, S. 214

Orchestra 1872, S. 291, 296

Le Petit Journal 4. Apr. 1870

Les Petites Affiches de la Mode 4. Apr. 1868

Le Progrès Musical 1. Nov. 1868

La Semaine musicale 1867, 7., 28. Febr.

Signale 1866, S. 905; 1869, S. 14; 1870, S. 8; 1872, S. 646; 1882, S. 218

Trenton State Gazette 1872, 21., 22., 25. Nov.

Fétis (Art. Liebe, Edouard-Louis)

Edouard Sitzmann, Dictionnaire de biographie des hommes célèbres depuis les temps les plus reculés jusquà nos jours, 2 Bde., Rixheim 1909/10 (Art. Liebé, Louis).

René Müller, Anthologie des compositeurs de musique d’Alsace, Colmar 1970 (Art. Liebe, Louis).

Charles Baechler u. Jean Pierre Kintz (Hrsg.), Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, 49 Bde., Straßburg 1982–2007 (Art. Liebe Edouard Louis).

Adrienne Fried Block, Amy Beach. Passionate Victorian. The Life and Work of an American Composer. 1867–1944, New York [u. a.] 1998.

 

Freia Hoffmann

 

© 2013 Freia Hoffmann