Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

BrousilBrusilBransilBrousilová, Bertha

* 1842 in Písek (Tschechien), † im Nov. 1919 in London, Violinistin, Violinlehrerin. Sie war das zweitälteste Kind der als „Künstlerfamilie“ (Wurzbach) auftretenden Geschwister Brousil und konzertierte in Kinderjahren gemeinsam mit Antonia (Klavier), Albin (Violoncello), Adolph (Viola), Alois (Violine) und Cäcilie Brousil (Violine), später als Solistin. Einer britischen biographischen Darstellung zufolge hat Bertha Brousil ihre jüngeren Geschwister unterrichtet („Bertha […] became also the instructress of her younger brothers and sisters“, Daily News 3. Juni 1856). Der Vater Franz Brousil war Finanzbeamter in österreichischen Diensten.

Die Ausbildung Bertha Brousils begann in frühester Jugend. Laut Dubourg erhielt sie bis 1851 Unterricht von zwei Musikern namens Barták (wohl Čeněk Barták, ca. 1794–1861) und Sedlák. Dann übernahm der tschechische Geiger und Absolvent des Prager Konservatoriums František Němec (1825–?) den Unterricht. Němec führte in seinem Prager Konzert im Dez. 1851 gleich „vier seiner Schüler, die Fräulein Hoffmann von Wendheim Math. Pietschmann, Bertha Brousil und Herrn W. Wiener“ (Bohemia 16. Dez. 1851) vor. Kurz darauf verließ Němec Prag, Bertha Brousil wechselte zu Moritz Mildner (1812–1865), Violin-Professor am Konservatorium. Es finden sich jedoch keine Hinweise, dass sie oder ihre Geschwister am Prager Konservatorium immatrikuliert gewesen seien.

Im Nov. 1853 spielte Bertha Brousil im Prager Cäcilienverein ein Konzert de Bériots, Mildner stand dabei am Pult. Im folgenden Jahr trat Bertha Brousil in Prag mehrmals auf. So spielte sie im März im dortigen Convictsaal ein Violinkonzert Charles Auguste de Bériots. „Bewies die Virtuosin im Beriot’schen Concerte eine sehr tüchtige Technik, welche dem nicht leichten Tonstücke zumal im Finale und in der dem Geiste des Componisten wohl angepaßten Cadence bereits gewachsen; so überraschte sie noch mehr durch Innigkeit und Schönheit des Vortrages in der Phantasie über Themen aus der ‚Stummen von Portici‘ von Lafont. Das Schlummerlied sang die Concertistin auf ihrem Instrumente mit so viel Seele, daß an einer ursprünglichen, bekanntlich nicht anzueignenden, künstlerischen Begabung kaum zu zweifeln“ ist (Bohemia 7. März 1854). In diesem Konzert führte Bertha Brousil zudem ein Streichquartett von Haydn an, bei dem sie von angesehenen Persönlichkeiten des Prager Musiklebens (Moritz Mildner, Alfred Paulus, Julius Goltermann) unterstützt wurde. Auch hier wird die junge Geigerin von der „Bohemia“ für ihre „selbständige Auffassung“ sowie die „sehr feine Nuancirung“ (ebd.) gelobt. Zugleich bot dieses Konzert den ersten Auftritt der Künstlerfamilie Brousil, in dem die Geschwister Bertha Brousils als „Quartett, dessen Stimmführer zusammen noch nicht volle 30 Jahre zählen“ (ebd.), auftraten.

 

  

In diesem Jahr gingen die Brousils erstmals auf Reisen. Wurzbach berichtet, dass sie nach Ischl reisten, um dort der Kaiserin Elisabeth und weiteren Mitgliedern des Hochadels vorzuspielen. Im Winter 1854/55 traten sie in Wien auf, 1855 in Teplitz und in zwei Konzerten in Dessau, wo die Geschwister erneut als „allerliebstes Quartett“ (NZfM 1855 II, S. 21) agierten, während Bertha Brousil als Solistin auftrat. Der Kritiker der „Neuen Zeitschrift für Musik“ verleiht ihr „mit vollem Rechte das Prädicat einer Virtuosin“, denn „sie verbindet mit großer Fertigkeit eine noch größere Gefühlswärme, welche bei solcher Jugend in Erstaunen setzt“ (ebd.). In Berlin konzertierten die auch dort von der Presse gelobten Geschwister mehrfach im Theater Friedrich-Wilhelm-Stadt und im Kroll’schen Saale. Im folgenden Winter war die Familie Brousil in München (im Hoftheater in den Zwischenakten), Nürnberg (mit fünf Geschwistern) und – direkt im Anschluss an die Geschwister Neruda – in Würzburg zu hören. Ebenfalls 1856 spielten die Kinder in Regensburg, Karlsruhe, Darmstadt und Frankfurt a. M. Weitere Auftrittsorte waren in dieser Zeit Pest, Preßburg, Brünn, Breslau und Berlin. Ein Karlsruher Rezensent wies auf die besonderen Qualitäten Bertha Brousils hin, die sich offenkundig vom Ensemble abhob: „Bei der ersten Violine bemerkten wir eine Sauberkeit, virtuosenhafte Fertigkeit und selbst Routine in den Künsten des modernen Spiels, die an das Höchste erinnert, was Kinder bis jetzt auf diesem Gebiet geleistet“ (Bock 1856, S. 93). Während ein Kritiker aus Frankfurt a. M. seine Bedenken gegen eine Familie von KindervirtuosInnen äußerte – „so machte doch das Ganze mehr den Eindruck eines mechanischen Theaters auf mich“ (NZfM 1856 II, S. 6) – beschreibt das Satireblatt „Münchener Punsch“ die Kinder-Auftritte mit einem Augenzwinkern: „Herr Brousil scheint ein sehr geriebener Mann, denn er hat sein Kapellchen so geschmackvoll und zweckmäßig hergerichtet und eingeschult, daß der Effekt gar nicht ausbleiben kann. Die Familie marschirt 5 Köpfe hoch auf, doch ist von den Virtuosen selbst keiner höher als 2 bis 4 Köpfe; die Harmonie ist während der ganzen Piece immer ganz tadellos; man kann wahrhaft sagen: Die Kinder spielen wie nach der Orgel. Das ältere Mädchen accompagnirt auf dem Klavier, die zweitälteste Tochter händchenhabt die 1. Violine meisterhaft; auch das ganz kleine Linchen streicht sein Violinchen allerliebst. Violoncell-Bratsche (nach Celloart gespielt) und 2te Violine sind in den Händen der Knäblein; es sieht zu drollig aus, wenn der 5jährige General-Tom-Pouce-Direktor das Zeichen zum Anfang gibt. Die ganze musikalische Kinder-Akademie fand großen Beifall; die 13jährige Bertha tritt aber aus dem Ganzen auf eine Weise heraus, die in ihr einen künstlerischen Genius prima sorte erkennen läßt“ (Münchener Punsch 1855, S. 389).

Auch in Paris konzertierten die Brousils 1856. Anlässlich eines dortigen Konzertes gibt der „Guide musical“ (1. Mai 1856, S. 2) das Alter der musizierenden Kinder an. Danach sei Antonia zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre, Bertha 14 Jahre, Albin 13 Jahre, Adolph elf Jahre, Aloys sieben Jahre und Cäcilie sechs Jahre alt gewesen. Noch im Mai 1856 reisten die Brousil-Kinder nach London.

Dort wird die Familie erstmals am 30. Mai 1856 erwähnt, der „Morning Chronicle“ kündigt eine Serie von Konzerten in der Royal Gallery of Illustration an. Die Londoner „Daily News“, die angesichts der bevorstehenden Konzerte eine kurze Biographie der Brousil-Geschwister drucken, äußern sich differenziert gegenüber dem Phänomen von KindervirtuosInnen. Zwar verurteilt der Autor dies grundsätzlich: „Premature displays of juvenile talent are too frequently painful rather than agreeable exhibitions. To see children of tender years forced into intellectual precocity at the expense of their physical development, is a spectacle that can only cause pain to all who think and feel (Daily News 3. Juni 1856). Doch bei den Brousil-Kindern sei dies anders: „Such cases, and such only, where no violence is done to natural laws by forced training and cruel overtasking, are deserving of recognition and encouragement. In this latter class may be placed the Brousil family, who have just arrived here (ebd.). Zwei Tage später urteilt dasselbe Blatt nach dem ersten Konzert der Kinder auf britischem Boden (am 4. Juni 1856): „That children so young should act, sing, or play upon instruments is no novelty, but that they should do it so well, like intellectual artists, and not like mere wonderful pigs or monkeys, is truly strange. […] They are worth going to hear, not as children, but really as musicians (Morning Chronicle 5. Juni 1856). Auch hier hebt der Autor Bertha Brousil als „first-rate musician“ (ebd.) besonders heraus. Geradezu euphorisch ist der Kritiker der „Musical Gazette“, der zwar eigentlich „having ever had a singular antipathy to infant prodigies in general, and infant prodigies ‚musical‘ in particular“ (Musical Gazette 1856, S. 425). Doch auch er ist hingerissen von den Kindern und – einmal mehr – insbesondere von Bertha Brousil: „Her soul seems absorded in the magic of music as her girlish fingers glide over the strings of her violin, enchanting all her hearers. Her rendering of Ernst’s celebrated Carnival de Venice was brilliancy itself, every note gushing forth pure and sweet as drops from some crystal spring (ebd.).

In einer kurzen Biographie, die vom „Belfast News-Letter“ über die Kinder veröffentlicht wurde, ist zu lesen: „The second girl, about fourteen, already plays the violin almost as well as Teresa Milanolli [sic] (11. Juni 1856), während „Reynold’s Newspaper“ ihr gar „almost the skill of Paganini“ zuspricht (13. Juli 1856). „Jackson’s Oxford Journal“ urteilt über Bertha Brousil: „The tones which she brings out, and the crispness and brilliancy with which she executes the most difficult passages, are indeed quite astounding, and, as one gazes on the juvenile performer, one can hardly credit one’s senses and believe that she is a female (Jackson’s Oxford Journal 30. Aug. 1856). Während ihrer Auftritte im Sommer 1856 – sie spielten später im Theater an der Drury Lane, später in Oxford im Star Assembly Room – erhielten die Brousil-Geschwister in London ein überraschend großes Presseecho. Eine weitere Biographie findet sich in „Lloyd’s Weekly Newspaper“ (15. Juni 1856), die Konzerte wurden von den Tageszeitungen wie der Fachpresse dokumentiert. Nach ihren Londoner Auftritten konzertierte die Familie in Liverpool im Sept. 1856, wo sie ebenfalls Begeisterung auslösten. Davon zeugt ein Leserbrief an den „Liverpool Mercury“, der die Auftritte der Familie in höchsten Tönen lobt und sie als „one of the greatest musical treats ever offered in Liverpool“ bezeichnet (Liverpool Mercury 13. Sept. 1856). Nach den Konzerten an der Mersey reisten die Brousils im Okt. 1856 nach Birmingham und Chester, um im Nov. wieder nach Liverpool zurückzukehren. Der „Liverpool Mercury“ spricht nun Vorurteile gegenüber Geigerinnen an, um sie am Beispiel Bertha Brousils zu widerlegen: „When a young lady steps forward, violin in hand, to lead the orchestra [gemeint ist das Familien-Ensemble der Brousils], an English audience is apt to assume something of the dissatisfied surprise […], but at the first stroke of Mademoiselle Bertha’s bow the prejudice disappears, and pleasure and wonder alternately prevail. So graceful are her movements, so firm is her touch, that one is almost led to believe this to be the only proper instrument for ladies(12. Nov. 1856).

In Liverpool blieben die Brousils bis zum Dez. 1856, danach konzertierten sie erneut in Chester, zum Jahreswechsel in Leeds, dann in Preston und im Januar in der Free Trade Hall in Manchester. Die „Manchester Times“ rezipiert die Brousil-Geschwister voller Begeisterung in einem sehr langen Text, sieht sie dabei vor allem als KindervirtuosInnen, prophezeit indes im Zusammenhang mit dem Geschlecht Bertha Brousils, dass „the professors of the violin in Manchester will have serious demands upon their time from lady pupils“ (24. Jan. 1857).

Die Familie Brousil behielt die hohe Intensität ihrer Reise- und Konzerttätigkeit auch in den nächsten Jahren bei. Dabei betätigten sie sich weiterhin vor allem in Großbritannien und Irland. Dort ließen sie sich nicht nur in den urbanen Zentren hören (z. B. Liverpool, Manchester, Leeds, Portsmouth, Bristol, Edinburgh, Glasgow, Aberdeen, Belfast, Dublin), sondern spielten auch in kleineren Orten der britischen Inseln. Im März 1857 traten an der Londoner Drury Lane in einem umfänglich besetzten „Gigantic concert for the people“ (Daily News 19. März 1857) auf, in dem u. a. auch die Schweizer Violoncellistin Anna Kull musizierte. Zudem folgte die Familie Brousil einer Einladung in den Buckingham Palace, um vor der königlichen Familie zu spielen. Der Vater der Kinder schreibt über dieses Ereignis an einen Privatmann in Manchester und berichtet dabei u. a. über das materielle Resultat des Auftritts bei Hofe: „Last night, we had a great pleasure. Her Majesty sent to me a cheque for a large sum of money, three gold watches, beautiful, for the boys, and three magnificent brooches for the young ladies (zit. nach Caledonian Mercury 10. Apr. 1857). Im deutschen Sprachraum waren sie nur in der zweiten Hälfte des Jahres 1857 zu hören, bereits am Ende desselben Jahres kehrten sie nach Großbritannien zurück, um die Inseln erneut intensiv zu durchziehen.

Auffällig ist, dass die Brousils bei aller Intensität der Reisetätigkeit London lange Zeit ausließen – erst Ende März 1862, nach fünfjähriger Abwesenheit, kehrte die Familie in die britische Hauptstadt zurück. Dort blieb sie mehr als ein halbes Jahr, um in reduzierter Besetzung – „consisting of two young ladies and two young gentlemen“ – in der „Polytechnic Institution“ (der heutigen University of Westminster) „every evening some interesting pieces with considerable skill zu spielen (The Era 21. Sept. 1862). Erst Ende Nov. 1862 gingen die Brousils wieder auf Reisen, um insbesondere in Liverpool und Derby, später in Schottland zu konzertieren. Im Apr. 1863 nahmen sie erneut ihre Tätigkeit in der Londoner „Polytechnic Institution“ auf. Danach pausierten die Brousils in England. 1864 war die Familie in Berlin zu Gast und spielte dort in mehreren Konzerten. 1865 ließ sich Bertha Brousil in den Wiesbadener Kurkonzerten hören.

Im Okt. 1866 traten die Brousils, „who have just returned from Germany“ (Liverpool Mercury, 19. Nov. 1866), wieder auf den britischen Inseln auf. Dort konzentrierten sie ihre Tätigkeit nach einigen Konzerten in kleineren Orten (Bury, Birkenhead) als Quintett (ohne Albin Brousil) einmal mehr auf Liverpool, zogen dann weiter in ihre bewährten schottischen Konzertorte und waren im neuen Jahr in Bristol und Derby zu hören. Auch 1867 war die Brousil-Familie weiterhin in Großbritannien tätig; eine in mehreren britischen Blättern angekündigte Reise in die USA scheint nicht zustande gekommen zu sein. 1867 wirkte Bertha Brousil ohne ihre Familie im Londoner Konzert der noch jungen Teresa Carreño mit. Die Geigerin hatte inzwischen eine erstaunlich hohe Reputation erreicht. Aus Malvern schreibt der Korrespondent der „Musical World“: „I must accord to Bertha Brousil all praise for her distinguished abilities; the lovely emotions she throws into her instrument is [sic] absolutely electrifying. The facility of her execution and the ease with which she surmounts all difficulties, made an indelible impression on all who know what music is. Her broad tone, arpeggios, double stopping, make her one of the best interpreters of the instrument we have, and her sweet simplicity must endear all who hear her. For beauty of tone and great pathos I never heard her surpassed. May her health long be spared to impart such pleasure to her hearers (MusW 1867, S. 850).

Weiterhin bereisten die Brousils Großbritannien, waren etwa um den Jahreswechsel 1868/69 längere Zeit in Irland zu Gast. Zunehmend etablierten sich die Familienmitglieder auch in eigenen Projekten. Auch im Winter 1869/70 war Bertha Brousil in Irland; „The Orchestra“ schreibt, sie habe sich in Belfast niedergelassen. Offenkundig begann sie in dieser Zeit ihre solistische Karriere zu intensivieren. Davon zeugt eine Reihe von Konzerten als Solistin. So spielte sie 1870 in Irland, aber auch in kleineren englischen Orten wie Abingdon, Moreton-in-Marsh und Bicester. Auch Anfang der 1870er Jahre befand sich Bertha Brousil mehrmals in Irland. Hier hatte sie offenkundig inzwischen eine erhebliche Reputation erwerben können, „Freeman’s Journal“ nennt sie gar „the queen of the violin (Freeman’s Journal and Daily Commercial Advertiser 12. Sept. 1872). Fraglos profitierte die Geigerin auch vom Ruf, den sie sich in den Jahrzehnten zuvor mit ihren Geschwistern erspielt hatte. So wird sie in den Konzertankündigungen der britischen Presse in dieser Zeit regelmäßig als „The most eminent Artiste of the celebrated Brousil family (z. B. in Freeman's Journal, Dublin 22. Apr. 1875) angekündigt.

Das Familienensemble der Brousils fand sich 1877 noch einmal für Konzerte in England zusammen, in den Folgejahren waren sie als gemeinsam nur selten zu hören. Mit dem Tode Alois Brousils 1888 endete die Zeit der vollständig auftretenden Familie dann endgültig. Jedoch musizierten einzelne Familienmitglieder auch weiterhin gemeinsam. Im Juli 1884 spielte Bertha Brousil in London mit ihrem Bruder Adolphe und einem fremden Pianisten ein Klaviertrio Clara Schumanns (The Era 19. Juli 1884). Neben Konzerten mit dem Bruder sind auch mehrere Auftritte mit der Schwester Cäcilie Brousil belegt.

Auch Mitte der 1870er Jahre ließ sich Bertha Brousil in zahlreichen Orten der britischen Inseln hören, wobei sie weiterhin nur selten in London anzutreffen war. Die britischen Zeitungen weisen bis zum Ende der 1880er Jahre regelmäßig auf Konzerte der Geigerin hin. Dabei spielte sie als Solistin mit gemischten Programmen und Besetzungen, war aber zumindest gelegentlich auch in größer besetzten Ensembles tätig. 1876 fungierte sie in Bishop Auckland (im Nordosten Englands) in Händels Messiah als Konzertmeisterin. „The band numbered about 35 performers, and was most efficiently led by Mdlle. Bertha Brousil (MusT 1876, S. 441). 1880 wurde dort die Händel-Aufführung wiederholt, auch da führte die Geigerin das Orchester an. Auch 1877 spielte sie den Messiah„among the instrumentalists were two or three ladies (violinists), including Mad. Brousil (MusW 1877, S. 23). Im Folgejahr wirkte sie in Belfasts Philharmonic Society bei einer Aufführung von Beethovens Christus am Ölberg op. 85 im Orchester mit, „which was composed principally of professional musicians, including Madlle. Bertha Brousil (Belfast News-Letter 23. Febr. 1878). Im selben Jahr führte sie in Richmond (Yorkshire) bei der Aufführung des Oratoriums Naaman von Michael Costa (1808–1884) erneut ein Orchester an. 1880 spielte sie in Whitby in der dortigen „Choral Society, aided by a professional band, under the excellent leadership of Miss Bertha Brousil (MusT 1886, S. 362). Zur Aufführung kamen Händels Acis and Galatea sowie Beethovens Symphonie Nr. 6 Pastorale.

Mit ihrem Bruder Adolphe Brousil und Anderen – darunter die Clara-Schumann-Schülerin Marie Wurm sowie die Pianistin Agnes Zimmermann – spielte Bertha Brousil 1883 und 1884 in einer Reihe von Londoner Kammermusik-Konzerten.

1890 bereiste die Geigerin die USA. Als sie gemeinsam mit ihrer Schwester Cäcilie Brousil (und einem A. S. Chapman) 1896 in London die schon Jahrzehnte früher gespielte Serenade D-Dur Beethovens aufführte, fühlte sich der Rezensent an vergangene Zeiten erinnert: „Mdlle. Bertha Brousil secured a genuine triumph by her renderings of an air by Bach and a mazurka, and to some among the audience who were able to recall her performances as one of the Brousil family many years ago, the delight of the moment was enhanced by the pleasurable memories awakened by her name and appearance (Musical News 1896, S. 174). Auch in dieser Zeit führte sie – es ist nicht ganz klar, ob als Konzertmeisterin oder gar als Dirigentin – ein Orchester: „Mr. Bonawitz’s Amateur Orchestra, admirably led by Mdlle. Brousil“ (Musical News 1891, S. 275). Trotz einiger Auftritte in kammermusikalischen Besetzungen – gemischte Ensembles, mit ihrer Schwester Cäcilie Brousil und Johann Heinrich Bonawitz – erscheint der Name der Geigerin in den 90er Jahren nur noch selten in der Presse. Anscheinend zog sich Bertha Brousil allmählich aus dem Konzertleben zurück.

Die Beurteilungen, die Bertha Brousil bei ihren Konzerten durch die britische Presse erhielt, waren weiter freundlich, standen indes oft im Zusammenhang mit dem Geschlecht der Geigerin. So schreibt der „Belfast News-Letter“ 1884: „In Herr Joachim’s ‚Romance‘ Mdlle. Brousil’s exquisite taste was displayed in association with her remarkable powers of execution. The ‚definition‘ of the tone achieved by this artiste cannot be too highly spoken of. Such a power is rarely at the command of a lady violinist; the execution of a lady is usually thin and uncertain (Belfast News-Letter 4. Okt. 1884). Schon 1864 hatte die „Neue Berliner Musikzeitung“ das Spiel der Geigerin im Zusammenhang mit ihrem Geschlecht reflektiert. Während der irische Rezensent später auf den kräftigen Ton einging, gefielen in Berlin insbesondere die zarten, ätherischen Klänge: „Zum Schluss spielten die vier Geschwister ein Arrangement des Hauser’schen ‚Vogel auf dem Baume‘; die Piece ist fast nur auf die Flageolet-Töne der Geige berechnet, die werden aber, perpetuell angewendet, immer etwas Precäres bleiben und besonders im Legato vom glücklichen Zufall abhängen; wir wenigstens haben noch keinen Geiger gehört, dem in grösseren Flageolet-Stellen alle Töne geglückt wären. Die Mädchenhand mit ihren zarten Fingern scheint für diese Gattung des Spiels besonders befähigt und wie Therese Milanollo, so erreicht auch Bertha Brousil den möglichen Grad der Vollkommenheit“ (Bock 1864, S. 107). Solch vorsichtige Zuordnung von spieltechnischen Eigenschaften der Violine zu Interpretinnen teilte der Kritiker der „Musical World“, der ebenfalls aus Berlin berichtete, keinesfalls. Auch er lobt zwar Bertha Brousils Spiel, „which would have done honor to many a gentleman violinist of high repute“ (MusW 1864, S. 293). Doch die Bewertung erfolgte hier, unabhängig von den Künsten der Violinistin, ausschließlich mit dem Kriterium des Geschlechts. Dies spricht der Kritiker auch offen aus: „However, if she ‚played the fiddle like an angel,‘ as William is said to do, in Black-eyed Susan [gemeint ist wohl John Gays Poem “Sweet William’s Farewell to Black-Eyed Susan”], it would not make me like a female violinist any more than I like […] a female surgeon. Surely ladies have bows and beaux enough without taking violin bowsnbsp](ebd.). In aller Regel waren die Rezensionen über Bertha Brousil jedoch sehr freundlich. Auch in kurzen Texten wurde sie – oft als einzige MusikerIn – lobend hervorgehoben. Der „Musical Standard“ lobt ihre Fähigkeiten sehr und resümiert: „Mdle.Bertha Brousil will perhaps be a dangerous rival to Madame Norma [sic] Neruda for the dignity of the première violiniste of the day (Musical Standard 1872, S. 233). Spieltechnisch befand sich die Geigerin auch in den späteren Jahren ihrer Karriere auf hohem Niveau. Der „Leeds Mercury“ kommentiert 1886, „that she had lost none of her old skill (Leeds Merdury 6. Dez. 1886). Und der „Brooklyn Daily Eagle“ schreibt aus New York: „Mlle. Brousil is a picturesque little old lady with gray hair, who plays with great clearness of tone and who is almost always sure of pleasing an audience (Brooklyn Daily Eagle 16. Mai 1890).

Zum Tätigkeitsfeld Bertha Brousils gehörte – wohl ab den 1880er Jahren – auch das Unterrichten. Mit Geschwistern gründete sie sogar eine eigene Ausbildungsinstitution: „The Misses Brousil and Mr. J. A. Brousil are known in the musical world as admirable performers on the violin, viola and violoncello, and they have established at their residence in Westbourne-villas, Harrow-road [in London], an academy for instruction in the various departments of the art (Musical Standard 1882, S. 199). In der „Brousil School of Music“ (ebd.) wurde nicht nur das Spiel von Streichinstrumenten gelehrt. So war Johann Heinrich Bonawitz „professor of the pianoforte and composition at the School“ (ebd.), in der auch Konzerte stattfanden. Auch Joseph Joachim war in der Brousil School of Music zu Gast. Der berühmte Geiger spielte dort im Apr. 1882 ein von Bonawitz komponiertes Klavierquintett (g-Moll) und wurde vom Komponisten am Klavier sowie von Bertha (2. Violine), Cäcilie (Viola) und J. A. Brousil (Violoncello) unterstützt. Wie lange die „Brousil School of Music“ Bestand hatte, ist nicht zu erfahren, der „Musical Standard“ berichtet nur im Mai desselben Jahres noch einmal über das Institut. Auch später jedoch unterrichteten die Schwestern Brousil. So berichtet die „Musical World“ 1886 von einem „concert by the pupils of Mesdemoiselles Bertha and Cecilia Brousil, and of their brother, Herr Hans Brousil, […] in which a large number of pupils – violin, tenor and violoncello – took part (MusW 1886, S. 781). 1888 nennt der „Musical Standard“ bei der Beschreibung eines „Brousil Pupils’ Concert“ ausschließlich Schülerinnen, darunter auch eine Violoncellistin.

Am Ende ihres Lebens geriet Bertha Brousil anscheinend in finanzielle Bedrängnis. 1908 findet sich im „Musical Standard“ ein Hinweis, sie sei „in need of pecuniary succour. Health is broken down and Miss Brousil is unable to do more work“ (S. 256). Johann Heinrich Bonawitz, der mit ihr früher regelmäßig konzertiert hatte und der ein Freund der Familie war, organisierte ein Konzert zu ihrer Unterstützung. Im selben Jahr annoncierte die Künstlerin den Verkauf einer Reihe von kostbaren Instrumenten (u. a. von Guarneri, Montagnana, Guadagnini, Stainer). Über die letzten Jahre ihres Lebens finden sich keine Informationen mehr.

So lang andauernd die Karriere Bertha Brousils war, so weitläufig erscheint auch ihr Repertoire, das sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich wandelte. Während Moritz Mildner die Variationen über böhmische Volkslieder eigens für das kindliche Familienensemble geschrieben hatte, spielte die erwachsene Bertha Brousil (u. a. mit Familienmitgliedern) Trios von Beethoven, Mendelssohn, Haydn, Hummel oder Mozart, Quartette u. a. von Rubinstein und Mendelssohn sowie weitere Kammermusik-Werke, z. B. von Beethoven und Spohr. Mit Klavierbegleitung musizierte Bertha Brousil u. a. eine Sonate Händels, Brahms’ Ungarische Tänze und verschiedene Klavier-Violin-Sonaten Beethovens (u. a. die Kreutzersonate). Auch Virtuosenrepertoire gehörte zum Fundus der Geigerin (z. B. Musik von Ernst, Lafont, Vieuxtemps). Mit Orchester spielte sie z. B. das Violinkonzert e-Moll Mendelssohns, aber auch beide Romanzen Beethovens. Daneben war diese vielseitige Geigerin auch mit kirchenmusikalischen Werken zu hören.

 

LITERATUR (Auswahl)

Athenæum 1857 I, S. 443; 1872 I, S. 569; 1881 I, S. 141

Belfast News-Letter 1856, 11. Juni; 1884, 4. Okt.

Bock 1854, S. 340; 1855, S. 30, 164, 165, 221, 238; 1856, S. 69, 78, 93, 142, 151; 1857, S. 341; 1858, S. 255; 1864, S. 107, 115, 117

Bohemia [Prag] 1851, 16., 19. Dez.; 1853, 20. Nov.; 1854, 7. März

Brooklyn Daily Eagle 1874, 5. Febr., 11. Apr.; 1889, 8. Febr., 6. Dez.; 1890, 23., 28. März, 18. Apr., 16. Mai

Caledonian Mercury 10. Apr. 1857

The Carthusian 1884, S. 346

Daily News [London] 1856, 30. Mai, 3. Juni; 1857, 19. März

Deutscher Bühnenalmanach 1856, S. 341

The Era [London] 1862, 21. Sept.; 1884, 19. Juli

Freeman’s Journal and Daily Commercial Advertiser [Dublin] 1872, 12. Sept.; 1875, 22. Apr.

Guide musical 1. Mai 1856, S. 2

Jackson’s Oxford Journal 30. Aug. 1856

Jahrbuch für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft 1855/56, S. 38f.

Leeds Mercury 6. Dez. 1886

Literary Gazette 1856, S. 356, 477

Liverpool Mercury 1856, 13. Sept., 12. Nov.; 1866, 19. Nov.

Lloyd’s Weekly Newspaper 15. Juni 1856

Manchester Times 24. Jan. 1857

Magazine of Music 1886, S. 261; 1895, S. 116

Morning Chronicle 1856, 3., 5. Juni

Münchener Punsch. Humoristisches Originalblatt 1855, S. 381, 389

Musical Gazette 1856, S. 233, 240, 252, 264, 425, 474; 1857, S. 27, 28, 39, 51, 64, 99, 110, 117, 123, 130, 132, 146, 156, 177, 201, 241, 289, 313, 328, 398, 559, 597; 1858, S. 12, 14, 27, 29, 42, 63, 64, 66, 76, 88, 89, 122, 123, 124, 125, 150f., 305, 366

Musical News 1891, S. 134, 275; 1896 I, S. 174, 483f.; 1897 I, S. 437; 1898 II, S. 561

Musical Opinion and Music Trade Review 1881, S. 180

Musical Standard 1872 I, S. 233; 1876 I, S. 211; 1876 II, S.181f., 284, 358; 1877 I, S. 298; 1877 II, S. 38, 138, 336; 1878 I, S. 119, 232; 1878 II, S. 288; 1880 I, 216, 229, 232, 307; 1880 II, S. 4, 210; 1881 I, S. 5, 71, 78, 295, 341; 1881 II, S. 68; 1882 I, S. 94, 355f., 391, 398; 1882 II, S.62; 1883 I, S. 146, 182, 227, 254; 1884 I, S. 359, 406; 1884 II, S. 82, 338, 378; 1885 I, S. 225; 1887 I, S. 150; 1887 II, S. 288, 403; 1888 I, S. 165; 1894 II, S. 347; 1895 II, S. 355, 371; 1896 II, S. 339, 353; 1897 I, S. 61; 1897 II, S. 30f.; 1908 I, S. 411: 1908 II,  S. 257, 397; 1909 I, S. 121

MusW 1856, S. 376, 731; 1857, S. 177, 197, 241, 413, 417, 443, 465, 811; 1858, S. 145, 161, 300, 423; 1859, S. 34, 274, 385, 401, 422, 582, 620, 621, 775; 1860, S. 160, 389, 418f.; 1861, S. 79, 127, 475; 1862, S. 54f., 199; 1864, S. 293; 1865, S. 407; 1867, S. 345, 547, 854, 855; 1869, S. 68, 177; 1870, S. 708; 1872, S. 639; 1874, S. 733; 1875, S. 292, 697, 707, 733; 1876, S. 147, 311, 326; 425, 706, 711, 760, 799; 1877, S. 23, 91, 123, 352, 481; 1878, S. 363, 388; 1881, S. 33, 57, 403; 1882, S. 153f., 199, 242, 403; 1883, S. 370, 623; 1884, S. 434, 436, 465, 802; 1886, S. 632, 744, 760, 776, 781, 792, 808, 824, 827; 1887, S. 8, 40, 74, 141, 480

MusT 1867, S. 79; 1870, S. 630, 663; 1872, S. 353, 387, 421; 1874, S. 691, 722; 1875, S. 58, 180, 308, 309, 311; 1876, S. 344, 410, 441, 507, 670, 709; 1877, S. 36, 83, 84, 136, 299, 351, 398; 1878, S. 166, 188, 251, 345, 476; 1879, S. 605; 1880, S. 142; 1881, S. 83, 207, 320; 1883, S. 38, 241; 1884, S. 41, 470, 520, 589; 1885, S. 19, 40, 43, 290, 293; 1886, S. 227, 362, 697; 1887, S. 168; 1895, S. 399; 1906, S. 242; 1919, S. 698

NZfM 1854 I, S. 6; 1855 I, S. 93; 1855 II, S. 21; 1856 I, S. 28, S. 151; 1856 II S. 5f.; 1857 II, S.116, 181; 1864, S.161; 1880, S. 483; 1881, S. 32, 163, 234, 268, 288, 321, 431, 540; 1882, S. 150, 160, 183, 240, 294, 445, 569; 1883, S. 259, 353, 503

New York Times 23. Juli 1892

New York Tribune 13. Nov. 1892

The Orchestra 1863, S. 23; 1866, S. 337; 1867, S. 67, 115, 136; 1868, S. 19, 67, 99; 1870, S. 24, 35, 88; 1871, S. 35, 51, 116, 163, 387; 1872, S. 20, 35, 387, 403; 1873, S. 232; 1875, S. 123, 345; 1876, S. 376; 1877, S. 316, 346; 1879, S. 149, 157; 1881, S. 207; 1882, S. 251

Revue de deux Mondes 1856, S. 440

Reynold’s Newspaper 13. Juli 1856

RGM 1856, S. 123, 131

Signale 1855, S. 179; 1864, S. 171, 287; 1865, S. 659; 1870, S. 871; 1872, S. 728; 1881, S. 163; 1882, S. 195

The Strad 1890, S. 80

The Theatre (New York) 1890, S. 414

Theatrical Journal 1857, S. 47

Wurzbach, OEML

Illustriertes Konversationslexikon der Frau, Berlin 1900.

Franz Eduard Hysel, Das Theater in Nürnberg von 1612 bis 1863 nebst einem Anhange über das Theater in Fürth, Nürnberg 1863.

George Dubourg, The Violin. Some account of that leading instrument and its most eminent professors, from its earliest date to the present time. With hints to amateurs, anecdotes, etc.5 London 1878.

Stephen S. Stratton, „Woman in Relation to Musical Art, in: Proceedings of the Royal Musical Association 9 (1883), S. 115–146.

Henry Roth, „Women and the Violin, in: The Strad 83 (1972), S. 551–563.

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Jacob Peth, Geschichte des Theaters und der Musik zu Mainz. Ein Beitrag zur deutschen Theatergeschichte, Mainz 1879.

Ingrid Bodsch [u. a.] (Hrsg.), Beethoven und andere Wunderkinder. Wissenschaftliche Beiträge und Katalog zur Ausstellung, Bonn 2003.

Rachel Cowgill u. Peter Holman, Music in the British provinces. 1690–1914, Aldershot 2007.

 

Bildnachweis

Ingrid Bodsch [u. a.], Beethoven und andere Wunderkinder, S. 193

 

Volker Timmermann

 

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