Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Müller, Friederike (Maria Wilhelmine), verh. Streicher

* 2. Juli 1816 in Brünn (Brno) in Mähren, † 12. Dez. 1895 in Wien, Pianistin und Klavierlehrerin. Der Vater, Moritz Müller, war Aktuar beim k. k. Judicum delegatum militare Mixtum (einer für Gerichtssachen außerhalb der Regimentsgerichtsbarkeit zuständigen Stelle), zunächst beim Generalkommando in Brünn, später in Wien. Die Mutter, Wilhelmine Friederike Maria geb. Sedelmayer, dürfte früh (Mitte der 1820er Jahre) gestorben sein; der Vater war in zweiter Ehe mit Christine von Sensel verheiratet und hatte insgesamt fünf Söhne; er starb nach 1865. Friederike Müller heiratete Anfang Jan. 1849 den verwitweten Klavierbauer Joh. Baptist Streicher (1796−1871), Ende Nov. kam die Tochter Caroline (1849−1931) zur Welt.

Müller wurde in Wien im Haus von drei Schwestern ihres Vaters erzogen, von denen eine, Caroline Müller, ein Mädchenerziehungsinstitut leitete. Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie vom mährisch-österreichischen Pianisten und Komponisten Wenzel Plachy (1785−1858) und ging Anfang März 1839 (in Begleitung einer der Tanten) nach Paris mit der Absicht, bei Thalberg, Chopin oder Liszt weiter zu studieren (der berühmte Pianist und Pädagoge Friedrich Kalkbrenner wurde ausdrücklich nicht in Betracht gezogen). Im Okt. kam schließlich einer von ihnen, nämlich Chopin, nach Paris zurück und nahm sie als Schülerin an. Er ließ sie anfangs ausschließlich seine eigenen Kompositionen spielen, in der Folge auch jene Werke, die stets die Basis seines Unterrichts bildeten: Clementi, Joh. Seb. Bach, Field, Cramer, Moscheles, Hummel. Er erarbeitete mit ihr zahlreiche Werke von Weber (den er ihr erst schmackhaft machen musste), ein knappes Dutzend Beethoven-Sonaten, aber auch − und dies deckt sich nicht mit Berichten anderer Schüler − eine bemerkenswerte Anzahl von neueren Kompositionen von Liszt und Thalberg, die er ihr besonders ans Herz legte. In diesen eineinhalb Jahren intensiven Studiums wurde sie zu einer von Chopin besonders geschätzten Schülerin, die wie wenige andere seine Kompositionen verstünde und seinen Vorstellungen gemäß zu interpretieren wisse.

Im Sommer 1841 kehrte sie nach Wien zurück und stellte sich (Chopins Empfehlung folgend) der Öffentlichkeit vor: zunächst im Dez. 1841 im Streicherschen Konzertsaal mit dem Klavierkonzert Nr. 2 f-Moll op. 21 (oder zumindest einem Satz daraus, darin widersprechen die Berichte einander), einem der drei Nocturnes op. 15 und Andante spianato et grande polonaise brillante op. 22 von Chopin nebst einigen anderen kleineren Stücken (zu denen unterschiedliche Angaben überliefert sind). „Ein hoher Grad von Fertigkeit, Mannigfaltigkeit des Anschlages, Ausdruck in den Gesangsstellen und Ruhe in den Passagen, zeichnen Dlle. Müller vortheilhaft aus“ (AWM 1841, S. 630), heißt es lobend in einer Besprechung der „Allgemeinen Wiener Musikzeitung“, in der man ihr Alter übrigens auf 19 (statt 25) Jahre schätzte. Am 1. März wirkte sie bei einem Privatkonzert des Musikvereins-Archivars Franz Glöggl mit („mit vollendeter Technik und Kraftaufwande. Schöner markiger Anschlag und bewundernswürdige Sicherheit in Octavgängen“, Sammler 1842, S. 151) und gab schließlich am 17. Apr. 1842 (in Anwesenheit von Kaiserin-Mutter Karoline Auguste) ein vielbeachtetes großes Konzert im Saal des Musikvereins, wo sie ein Adagio und Presto von Weber, je eine Etüde von Kalkbrenner und Thalberg sowie ein Prelude und eine Polonaise von Chopin (wohl wieder op. 22) spielte, außerdem Hummels Klavierquintett in es-Moll op. 87 mit dem Jansa-Quartett und als Zugabe eine Caprice von Alkan. Neben zahlreichen äußerst lobenden Besprechungen (sogar in der Pariser „Revue et gazette musicale“) gab es allerdings auch einen argen Verriss in der „Allgemeinen Wiener Musikzeitung“ (auf den noch zurückzukommen sein wird). Im Okt. 1844 reiste sie nochmals nach Paris, um (von Anfang Dez. bis Mitte Jan.) bei Chopin, der ihr in der Zwischenzeit sein Allegro de Concert op. 46 gewidmet hatte, Unterricht zu nehmen. Während beider Pariser Aufenthalte trat sie häufig in privaten Salons auf, etwa im Salon von Gräfin Apponyi, der Frau des österreichischen Botschafters, beim Bankier Auguste Leo, dem Verleger Maurice Schlesinger und (1844/45) bei der Pianistin Thérèse Wartel.

Für die Jahre 1845 und 1846 sind insgesamt sechs öffentliche Auftritte in Wien belegt, fast ausschließlich in Konzerten des Jansa-Quartetts, teils im Streichersaal, teils in dessen Quartett-Reihe im Musikverein. Programmpunkte waren u. a. das Quintett c-Moll op. 53 von Louis Spohr, Quartettvariationen des Bratschisten Roman Zäch, das Sextett op. 30 für Klavier und Streicher (ursprünglich Bläser) von George Onslow, ein Konzert für drei Klaviere von Joh. Seb. Bach, Hummels Es-Dur-Trio op. 12 und Mendelssohns neuestes Klaviertrio in c-Moll op. 66. Solistisch ließ sie sich kaum mehr hören: im Apr. 1845 bei Streicher mit einem Nocturne von Chopin, einer Etüde von Émile Prudent sowie Liszts Galop russe (S. 478) und noch einmal im Febr. 1846, gleichfalls bei Streicher, in einem Benefizkonzert mit einer Caprice von Nikolaus von Krufft. Nach 1846 (und nicht erst nach ihrer Eheschließung) zog sie sich vom Konzertpodium zurück und widmete sich nur mehr dem Unterrichten. Ein letzter belegbarer Auftritt im Jan. 1848, in dem sie gemeinsam mit Schülerinnen zwei Konzerte von Joh. Seb. Bach für zwei bzw. drei Klaviere vortrug, muss wohl eher in Zusammenhang mit ihrem Unterricht gesehen werden, auch wenn es im „Wanderer“ eine offizielle (und sehr positive) Besprechung dieses Abends gab, in der auch der Wunsch geäußert wurde, sie möge sich endlich wieder öffentlich hören lassen.

Über die Gründe für ihren Rückzug kann man nur spekulieren: Im Gegensatz zu Virtuosinnen wie Leopoldine Blahetka, Delphine von Schauroth, Marie Pleyel oder Clara Schumann hatte sie nicht schon als Wunderkind Aufsehen erregt, auch stand ihr kein ‚Manager‘ (etwa in Person eines ehrgeizigen Vaters) zur Seite, der sich um die Organisation von Konzerten gekümmert hätte. Zudem hatte sie stets mit großen Auftrittsängsten zu kämpfen, und nicht zuletzt war es möglicherweise die negative Besprechung ihres großen Konzertes vom 17. Apr. 1842 in der „Allgemeinen Wiener Musikzeitung“ (in der besonders ihr Chopin-Spiel harsch kritisiert wurde), die ihr den Mut für eine Karriere als Konzertpianistin vollends geraubt hatte.

Einig waren sich die Rezensenten stets über ihre „Geläufigkeit und Bravour“ (AWM 1842, S. 110), ihre „rapide Fertigkeit und Reinheit des Anschlags“ (Sonntags-Blätter 1842, S. 302), ihre „Empfindung, Delicatesse, Geschmack und geregelte Bravour“ (Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1841, S. 1615), ihre „wohlthuende Nettigkeit, Glätte, eine große, stets inner den Grenzen des Schönen bleibende Fertigkeit, viel Feinheit und Leichtigkeit im Durchführen rapider Passagen“ (Humorist 1842, S. 315) und ihr „sehr elegantes Spiel“ (Wiener Zeitung 7. März 1842), das dem ihres Lehrers gleiche. „Cette jeune dame réunit au jeu le plus élégant toutes les beautés et toute la profondeur partout reconnues de son grand maître“ („Diese junge Dame verbindet mit dem elegantesten Spiel alle Schönheiten und all die Tiefe, die man an ihrem großen Meister so schätzt“, RGM 1842, S. 197). Friederike Müller sei eine „feinfühlende, graziöse Klavierspielerin, der die Töne so klar, deutlich und rund von den Fingern gleiten, und die selbst in den kräftigen Tinten die Elegance nicht bei Seite setzt“ (Humorist 1845, S. 1251). Sie „affektirt keinen männlichen Geist in ihrem Vortrage“ (Adler 1842, S. 405), erfüllte also vollkommen die gängigen Erwartungen, die zu ihrer Zeit an eine Pianistin gestellt wurden, dass nämlich „die Lilienfinger einer Pianistin nicht das erzwingen müssen und sollen, was die eisenknochige Zehngliedrigkeit eines Liszt oder Thalberg ausführt“ (Humorist 1841, S. 1015).

 

 

 Friederike Müller 1847

Lithographie von Anton Hähnisch.

 

LITERATUR

Die Briefe der Chopin-Schülerin Friederike Müller. Paris 1839−1841, 1844−1845, hrsg. von Uta Goebl-Streicher, i. V.

Der Adler. Unterhaltungsblatt, Literatur- und Kunstzeitung für die österreichischen Staaten 1842, S. 211, 405

Allgemeine Theaterzeitung. Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben 1841, S. 1308

Allgemeine Zeitung [Augsburg] 1841, 24. Dez. (Beilage); 1842, 22. Apr.

AWM 1841, S. 630; 1842, S. 110, 192, 202f.; 1843, S. 128, 136; 1845, S. 171, 540, 546f.; 1846, S. 7, 80, 82, 543

Berliner AmZ 1845, Nr. 24

Die Gegenwart. Politisch-Literarisches Tagblatt [Wien] 13. Nov. 1845

Der Humorist [Wien] 1841, 13. Dez. ; 1842, 4. März, 20. Apr.; 1845, 31. Dez.; 1846, 13. Jan., 17. Febr.

Der Österreichische Zuschauer. Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und geistiges Leben 1845, S. 1448; 1846, S. 1575

RGM 1842, S. 197

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt 5. März 1842

Sonntags-Blätter für heimathliche Interessen 1842, S. 302; 1845, S. 1072f.; 1846, S. 189

Der Wanderer [Wien] 1841, 14. Dez.; 1842, 1., 3. März; 1845, 13. Nov.; 1846, 14. Jan., 17. Febr., 21. Nov., 8. Dez.; 1848, 27. Jan.

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1841, S. 1615; 1842, S. 375; 1845, S. 914; 1846, S. 43f., 934, 984f.

Wiener Zeitung 7. März 1842

Hof- und Staats-Schematismus des österreichischen Kaiserthums 1815−1839.

Adolph Lehmann, Lehmann’s Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- und Gewerbe-Adreßbuch für die k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien und Umgebung, Wien 1859−1895.

Friedrich Niecks, Friedrich Chopin als Mensch und Musiker, 2 Bde., Bd. 2, Leipzig 1890.

Mieczyslaw Karlowicz, Souvenirs inédits de Frédéric Chopin, Paris u. Leipzig 1904.

Paul Harrer-Lucienfeld, Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur, Typoskript, 8 Bde., Bd. 1, Wien 1951.

Franz Zagiba, Chopin und Wien, Wien 1951.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Frédéric Chopin, Briefe, hrsg. von Krystyna Kobylańska, Berlin 1983.

Ernst Burger, Frédéric Chopin. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten, München 1990.

Jean-Jacques Eigeldinger, Chopin vu par ses élèves, Neuchâtel 1970; engl. Übers. von Naomi Shohet, Krysia Osostowicz u. Roy Howat: Chopin. Pianist and Teacher as Seen by his Pupils, Cambridge [u. a.] 1986, Neudruck 2010.

 

Bildnachweis

Lithographie im Besitz der Familie Streicher

 

Uta Goebl-Streicher

 

© 2014 Freia Hoffmann