Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Barbi, Alice, verh. Wolff-Stomersee, verh. Tomasi

* 1. Juni 1858 in Modena, † 4. Sept. 1948 in Rom, Violinistin und Sängerin. In eine Musikerfamilie hineingeboren – ihr Vater war der renommierte Violinist Enrico Barbi (?–1906) – , erhielt Alice Barbi ihre erste musikalische Ausbildung durch den Vater und wurde später von Carlo Verardi (1831–1878) unterrichtet, mit dem sie sich, laut Alberto de Angelis, für einige Zeit in Ägypten aufgehalten haben soll. Gesangsunterricht erhielt sie bei Leopoldo Zamboni (1799–1883) und Alessandro Busi (1833–1895) in Bologna, später bei Luigi Vannuccini (1828–1911) in Florenz.  Ida Corsini, Gräfin von Tresana, eine Freundin der Mutter Alice Barbis, sowie deren Ehemann Lorenzo Corsini Graf von Tresana schätzten die junge Musikerin sehr und unterstützten sie. 1876 wurde Alice Barbi in das „Erste Europäische Damenorchester“ von Josephine Amann-Weinlich aufgenommen. Während einer Konzertreise nach Schweden trat sie hier erstmals als Geigensolistin in Erscheinung. Auch während einer Konzertreise durch die Niederlande Ende des Jahres 1876 trat sie als Solistin mit diesem Orchester auf. Einem Rezenzenten des „Leeuwarder Courant“ zufolge „bezit [zij] eene respectable technik en veel gevoel en ausak“ („besitzt [sie] eine gute Technik und viel Gefühl und Ausdruck“, Leeuwarder Courant 7. Nov. 1876). Später leitete sie selbst eine „Wiener Damenkapelle“ (RudolphRiga), bei deren Konzerten sie zugleich auch als Sologeigerin auftrat und „fand durch ihre gewandte Technik und ihren hübschen Vortrag Beifall“ (ebd.).

Weitaus größere Beachtung fand die Musikerin jedoch als Sängerin, wenngleich sie sich erst im Alter von 20 Jahren zu einer Gesangsausbildung entschloss. Am 2. Apr. 1882 debütierte Alice Barbi in Italien als Mezzosopranistin und trat fortan nicht mehr als Geigerin vor die Öffentlichkeit. Als königl. Italienische Hofsängerin begab sie sich später auf einige Konzertreisen durch Europa. Von ihrem Renommee als Sängerin zeugen nicht zuletzt die Herausgabe eines Arienalbums sowie Dedikationen von Komponisten wie Eugenio Pirani und Antonio Bazzini.

Am 11. Febr. 1894 heiratete die Musikerin den Oberhofmeister des Kaisers von Russland, den Baron Boris Wolff-Stomersee (1850–1917), und zog sich aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, Alessandra (1894–1982) und Olga (1896–1984). Nach dem Tod ihres Ehemannes heiratete sie erneut, und zwar Pietro Tomasi Marchese della Torretta (1873–1962), einen italienischen Politiker und Diplomaten.

LITERATUR

Alice Barbi (Hrsg.), Barbi-Album. Gesänge alter italienischer Meister. Mit Vortragsbezeichnung versehen und in ihr Concertrepertoire aufgenommen von Alice Barbi, Wien 1890.

Bock 1887, S. 13, 46

FritzschMW 1896, S. 353; 1906, S. 891

Gazzetta Musicale di Milano 1883, S. 101f., 122; 1884, S. 68; 1885, S. 128; 1886, S. 366f.; 1887, S. 123; 1891, S. 399f.; 1892, S. 239, 816, 828

Der Klavier-Lehrer 1892, S. 45, 72

Monthly Musical Record 1890, S. 32

Musical Standard 1882 II, S. 142

MusW 1885, S. 453

Signale 1894, S. 231, 615

Svensk Musiktidning 1889, S. 65f.

RudolphRiga, Baker, Altmann, Altmann Erg, Cohen

Eduard Hanslick, Aus dem Tagebuch eines Musikers. Kritiken und Schilderungen (= Moderne Oper 6), Berlin 1892.

Cesar Saerchinger, International Who’s Who in Music and Musical Gazeteer, New York 1918.

Alberto De Angelis, L’Italia musicale d'oggi. Dizionario dei musicisti: compositori - direttori d’orchestra - concertisti - insegnanti - liutai - cantanti - scrittori musicali - librettisti - editori musicali - ecc., Rom 31928.

Carlo Schmidl, Dizzonario universal dei musicisti, 2 Bde., Bd. 1, Mailand 1937.

Jacques Burdet, La musique dans le pays de Vaud aux XIXe siècle, Lausanne 1971.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester. Darstellung in Dokumenten, 3 Bde., Bd. 3, Tutzing 1982.

Hannes Stekl, „Höhere Töchter“ und „Söhne aus gutem Haus“. Bürgerliche Jugend in Monarchie und Republik, Weimar [u.a.] 1999.

Ilona von Dohnányi, Ernst von Dohnányi. A Song of Life, Bloomington 2002.

Walter Frisch u. Kevin Kames, Brahms and his World, Princeton 2009.

Giorgina Neri, „Da Alice Barbi a Boris Biancheri. Una storia legata un po’ a persiceto“, in: BorgoRotondo Dez. (2011), S. 22–24.

 

Bildnachweis

Brustbild, von Josef Löwy, Sammlung Manskopf, Goethe Universität Frankfurt a. M., http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7900345, Zugriff am 19. Nov. 2010.

Photographie von Rudolf Koziwanek, Deutsches Musikgeschichtliches Archiv, http://www.dmga.de/bildarchiv/index.htm, Zugriff am 3. Dez. 2010.

 

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