Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Brehm, Brem, Mathilde, verh. Heim, Heim-Brehm, Heim-Brem

* 3. Dez. 1856 in Oberdorf, † 2. März 1886 in Davos-Platz, Violinistin. Mathilde Brehm wuchs in Wasserburg am Bodensee auf und erhielt von ihrem Vater, einem dort tätigen Lehrer, ihren ersten Musikunterricht. Bereits 1869 trat sie im nahegelegenen Lindau als Kindervirtuosin auf, was die lokale Presse zu hochgespannten Erwartungen veranlasste: „Fast ebenso sehr wie der geniale Vortrag, entzückte das hübsche kunstbegeisterte Gesichtchen und der korrekte, sichere und kecke Bogenstrich dieser neuen Milanollo alle Anwesenden“ (Lindauer Tageblatt für Stadt und Land 10. Apr. 1869). Im Quartett mit ihrem Vater und zwei Geschwistern hatte sie u. a. ein Larghetto von Spohr und ein Andante aus einem Quartett von Beethoven musiziert.

Von 1873 bis 1878 besuchte Mathilde Brehm die Königliche Musikschule in München und wurde dort von Ludwig Abel (1835−1895) an der Violine und von Hans Bussmeyer (1853−1930) im Nebenfach Klavier ausgebildet. Während ihres Studiums spielte Mathilde Brehm mehrmals bei Vortragsabenden der Musikschule Werke von Joh. Seb. Bach, Pierre Rode, Mendelssohn und Beethoven. Sie schloss ihr Studium am 15. Juli 1878 mit dem Violinkonzert D-Dur op. 61 von Beethoven ab.

1879 berichtet die „Allgemeine musikalische Zeitung“ von einem „exclusiven Damenconcert, veranstaltet von vier vor Kurzem noch der hiesigen Musikschule angehörigen jungen Künstlerinnen […]. Fräulein Mathilde Brehm spielte die Violine, Fräulein Geist das gerade nicht sehr weibliche Cello, Fräulein v. Lottner Clavier und Frau Günthner, ehedem Fräulein Irminger, that sich im Gesange hervor“ (AmZ 1879, Sp. 298f.). Das Programm bestand aus einem Klaviertrio in G-Dur von Joseph Haydn, dem 1. Satz des Violinkonzertes von Mendelssohn und einer Violinsonate von Friedrich Wilhelm Rust. Der Rezensent lobt Mathilde Brehm für „einen kräftigen, kühnen und fast männlichen Bogenstrich und Ton, um den sie mancher Concertmeister beneiden dürfte, und bereits einen sehr hohen Grad von Technik. Bezweifeln möchte ich aber, ohne ihr zu nahe treten zu wollen, doch, ob es schon an der Zeit war, sich an das Mendelssohn’sche Violinconcert Satz I. zu wagen, ein Stück, das hier zuletzt von Sarasate gespielt worden ist“ (ebd.).

Uneingeschränkte Zustimmung fand 1881 ein Konzert in München, in dem Mathilde Brehm zwei Sonaten von Beethoven und Händel, das Adagio aus dem Konzert a-Moll von Viotti und Air varié von Vieuxtemps spielte. Die „Signale für die musikalische Welt“ bescheinigen „sehr hübsche technische Gewandtheit, gesunden Ton und intelligente Auffassung“ (Signale 1881, S. 435), während der Korrespondent der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ die „angehende Milanolo [sic] den männlichen Konkurrenten wiederum als Vorbild andient: „Die junge Künstlerin besitzt ein ausgezeichnetes musikalisches Temperament, einen kräftigen, fast männlichen Ton von angenehmem Klange, wie ich ihn allen hiesigen Herren Sologeigern wünschen möchte, bereits einen  hohen Grad von Technik, Geschmack und feine Auffassung“ (AmZ 1881, Sp. 331f.).

Im darauffolgenden Jahr berichtet dieselbe Zeitung bereits über das Abschiedskonzert von Mathilde Brehm (13. Apr. 1882 im Münchener Museumssaal). Auf dem Programm standen die Triosonate D-Dur für Violine, Viola und Clavier von Jean-Marie Leclair (1697−1764), das Duo in G-Dur KV 423 von Mozart, die Sonate in G-Dur für zwei Violinen und Clavier von Joh. Seb. Bach, das Adagio aus dem 9. Violinkonzert von Louis Spohr und das Trio B-Dur op. 37 für Violine, Viola und Klavier von Ignaz Lachner. Der Rezensent wiederholt seine Wendung vom„kräftigen, fast männlichen Ton“, hebt aber auch hervor, dass sich die „elegante und graziöse Haltung […] bei ihr seither noch immer mehr ausgebildet“ hätte (AmZ 1882, Sp. 313). Kammermusikpartner war der Violaspieler Ernst Heim (1854−1935) „aus Zürich“, ebenfalls aus der Münchener Musikschule hervorgegangen. Die bevorstehende Hochzeit sei Anlass zum „Abschiedsconcerte“ und die Übersiedelung nach Zürich, wo Mathilde Brehm und Ernst Heim „dem Vernehmen nach für das Theaterochester […] gewonnen sein sollen“ (ebd.).

Am 14. Juli 1882 heiratete die Geigerin Ernst Heim; am 11. Mai 1883 wurde die Tochter Mathilde Helene Heim geboren. Mathilde Brehm zog sich nach der Hochzeit dennoch nicht ganz von der Konzertbühne zurück: Am 23. Jan. 1885 gab sie gemeinsam mit ihrem Mann in Zürich im Hotel Bellevue einen Kammermusikabend. Im selben Jahr zog die Familie nach Davos, wo Ernst Brehm ein Engagement als Dirigent erhalten hatte. Weitere Konzerte sind nicht belegt, bis Mathilde Heim 1886 mit 30 Jahren verstarb.

 

Mathilde Brehm mit ihrem Ehemann Ernst Heim und ihrer
Tochter Mathilde Helene Heim, Foto von Roessinger-Jeanneret (1885).

 

 

LITERATUR

AmZ 1877, Sp. 652f.; 1879, Sp. 298f.; 1881, Sp. 331f.; 1882, Sp. 313f.

FritzschMW 1886, S. 182

Jahresberichte der Königlichen Musikschule in München 1874/75; 1875/76; 1876/77; 1877/78

Lindauer Tageblatt für Stadt und Land 1869, 10. Apr.

Signale 1878, S. 1094; 1881, S. 435

Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1887, S. 277

Elson

Erich Hermann Müller, Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929 (Art. Ernst Heim).

Horst-Rüdiger Jarck u. Günter Scheel, Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert, Hannover 1996.

Fridrich Dieth-Locher, Bürgerbuch der Stadt St. Gallen. Abgeschlossen auf 31. Dezember 1886, St. Gallen 1887.

Stadtarchiv St. Gallen, Bürgerregister, Bd. 3, S. 379, Nr. 32.



Bildnachweis

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Bild von Roessinger-Jeanneret, Ernst Heim-Brem (Bruder von Albert Heim) mit seiner ersten Frau Mathilde und Tochter Helene, http://ba.epics.ethz.ch/default/view.jsp?recordView=1313357889600.SearchResult_RecordInfo&sToken=1313357889600, Zugriff am 31. Mai 2011.

 

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