Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Drechsler-Hamilton, Hamilton-Drechsler, Hamilton

Familie: Bertha (1), Emmy (2), Agnes (3) und Lucie Drechsler-Hamilton (4), vier Schwestern, Lina Drechsler Adamson, Tochter von (1)

Die Schwestern Drechsler-Hamilton stammten aus einer Musikerfamilie aus Edinburgh. Ihr Vater war Adam Hamilton (?—1907), der als Dirigent, Komponist sowie Organist und Bratschist wirkte. Er wurde in Edinburgh geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung jedoch in Deutschland bei Friedrich Schneider (1786—1853) in Anhalt-Dessau. Dort lernte er wahrscheinlich auch seine Frau kennen, eine Tochter Karl Drechslers (1800—1873), Cellist und Konzertmeister der Dessauer Hofkapelle. Die Verbindung zweier traditionsreicher Musikerfamilien war für den späteren internationalen Erfolg der Familienmitglieder von Bedeutung. Bertha, Emmy, Agnes, Lucie sowie ihr älterer Bruder Carl Drechsler-Hamilton (1846—1900) erhielten eine Ausbildung im Instrumentalspiel, teils vom Vater selbst, teils bei Instrumentallehrern in Deutschland: „Between the ages of seven and eight, the Hamilton children were taken to Germany, where for five years they worked hard at their art“ (The Conservatory Bi-Monthly Review 1907 VI/1, S. 14).

 

Adam Hamilton organisierte die Karrieren der als Wunderkinder bezeichneten Geschwister seit ihrer frühen Kindheit. Wie ein Rezensent bemerkt, sei der Erfolg der jungen VirtuosInnen jedoch nicht allein durch den Wunsch des Vaters begründet: „,Infant prodigies‘ are generally dreadful bores, and their performances are suggestive of an early and often renewed aquaintance with a cherishing parent’s cane, as the dancing of bears is of hot plates. But the charming concerts given by the youthful performers […] are pleasant without alloy“ (The Orchestra 1864, S. 165).

„Die Mitglieder der sehr bekannten Familie Drechsler-Hamilton sind Edinburgher. Adam Hamilton ist der alte Vater, dann kommen die drei Amoretten, reizende Töchterchen von 10 bis 14 Jahren, alle drei vorzügliche Violinistinnen, ihr Bruder ist ein tüchtiger Violoncellist. Adam dirigirt die ‚Choral-Union‘ und die junge Familie giebt mehrere ‚Annual-Concerte‘, wo sie alle miteinander meist in classischer Musik tüchtig wirken“ (Signale 1867, S. 425). Auf dem Programm der „Drechsler-Hamilton Concerts (z. B. Caledonian Mercury, 5. Dez. 1861), wie die Familienkonzerte in der schottischen Tagespresse bezeichnet wurden, standen neben einigen Solostücken auch einzelne Sätze von Streichquartetten von Haydn, Mozart und Beethoven, bei denen die Familienmitglieder in folgender Besetzung auftraten: „This young lady [Bertha], aged 12, plays the 1st violin; Emmy, aged 10, 2nd violin; and Charles [eigentlich Carl], aged 14, the violoncello. The father plays the viola in the quartets and the pianoforte in other pieces (MusW 1862, S. 536). Agnes wurde später als Violinistin bei Familienkonzerten eingesetzt, als Bertha und Emmy Drechsler-Hamilton durch ihre Solokarrieren ausgeschieden waren.

Die Schwestern konnten als Erwachsene an die Erfolge in Kindertagen anknüpfen. Sie erlebten unabhängig voneinander internationale Karrieren als Violinistinnen: So werden sie beispielsweise in einer Liste der wichtigsten „lady string and bow performers“ in dem Artikel „Growth of Violin Playing by Women“ (Violin Times 1899, S. 107) aufgeführt, in der sich z. B. auch Lise Cristiani und die Milanollo-Schwestern finden. Bertha und Emmy führten die musikalische Familientradition fort, indem sie ihre Kenntnisse an ihre Kinder weitergaben. 

1. Drechsler-Hamilton, Bertha, verh. Adamson, Drechsler Adamson, Adamson Drechsler

* 25. März 1849 in Edinburgh, † 12. Mai 1924 in Toronto, Violinistin, Violinlehrerin und Dirigentin. Bertha Drechsler-Hamilton war die älteste der vier Schwestern. Einige Jahre ihrer frühen Kindheit verbrachte sie in Dessau, wo sie „unter Leitung ihres trefflichen Lehrers, Hrn. Kammermusikus E. Bartels, seit einigen Jahren ihre musikalische Ausbildung empfangen und vor Kurzem bereits im Privat-Cirkel Sr. H. des Erbprinzen Proben ihres Talents abgegeben hat“ (Bock 1860, S. 333). Wahrscheinlich lebte sie in Dessau in Obhut ihrer Verwandten mütterlicherseits; sowohl ihr Großvater als auch ihr Onkel Louis Drechsler wirkten als Berufsmusiker in der Hofkapelle.

Im Okt. 1860 debütierte sie als Elfjährige in Dessau in einem Abonnementkonzert: „Der Beifall, den sie erntete, war ebenso verdient als allgemein, und wir wünschen ihr, dass sie in ihrem Vaterlande, wo sich ihre väterliche wie mütterliche Familie des besten musikalischen Rufes erfreut, die betretene Künstlerlaufbahn erfolgreich fortsetzen möge!“ (ebd.). Auch später hielt sich Bertha in Deutschland auf, um Konzerte zu geben und ihre musikalische Ausbildung zu vervollständigen. Unterricht nahm sie bei dem Violinvirtuosen, Komponisten und Lehrer am Leipziger Konservatorium Ferdinand David (1810—1873). Dass Bertha auch am Konservatorium eingeschrieben war, lässt sich jedoch nicht belegen. Bei den Reisen nach Deutschland wurde sie offenbar von ihren Geschwistern begleitet: Im Frühjahr 1863 ist ein Konzert mit dem Hinweis auf eine Abreise der Familie nach Deutschland angekündigt: „Last night, this talented family gave a farewell concert in Masonic Hall, previous to their leaving this country for Germany“ (The Caledonian Mercury 11. Apr. 1863).

1861 kehrte Bertha nach Edinburgh zurück; ihr dortiges Debüt gab sie am 4. Dez. 1861 in der Queen Street Hall am ersten Pult des Familien-Ensembles sowie als Solistin: „Miss Bertha, the […] distinguished of the talented trio — who, however, is only twelve years of age  performed De Beriot’s Concerto, No. 1, with a beauty, equality, and grace of execution worthy of the illustrious composer himself. Her strength and firmness of hand is truly wonderful. In replying to an enthusiastic encore, she played variations on the familiar air ,Home Sweet Home, with a richness yet simplicity of effect that still farther excited the admiration of her audience“ (The Caledonian Mercury 5. Dez. 1861). Sowohl Berthas Solospiel als auch ihre Fähigkeiten als Stimmführerin des Streichquartetts werden in den Rezensionen der Tageszeitung „The Caledonian Mercury“ durchgehend positiv hervorgehoben: „Miss Bertha’s solo, and her whole playing, exhibited a combination of sweetness and power that excited ever-recurring admiration and delight“ (The Caledonian Mercury 20. Jan. 1862). Ihr Solo-Repertoire umfasste Stücke der belgischen Komponisten und Violinvirtuosen Charles-Auguste de Bériot und Henri Vieuxtemps, namentlich das Violinkonzert No. 1 von de Bériot, ein Air Varié für Violine und Klavier sowie dieFantaisie Caprice No. 11 von Vieuxtemps. Ihr Vater Adam begleitete sie dabei auf dem Klavier.

Von 1865 an bildete Bertha Drechsler-Hamilton mit ihrer Schwester Emmy ein Violin-Duo. Die Kritiken fielen zumeist positiv bis enthusiastisch aus: Als die beiden im Aug. zum ersten Mal in London beim Eröffnungskonzert der Konzertreihe „Mellon’s Concerts“ auftraten, zeigte sich der Rezensent der „Musical World“ begeistert: „The names of the Misses Bertha and Emmy Drechsler Hamilton, violinists, are not unfamiliar to amateurs, but the present was their first appeal to a London audience. Judging from the result, it is not at all likely to be their last. The very young and very clever ladies handle the fiddle with masterly case, and play together with a uniform steadiness and precision delightful to listen to. Their phrasing is well balanced, their tone agreeable, their intonation always true, and their execution mechanically faultless“ (MusW 1865, S. 496).

Der Komponist Sir Alexander Campbell Mackenzie erinnert sich in seinen Memoiren, die auszugsweise in der „Musical Times“ in einem Artikel über „early lady violinists“ (MusT 1906, S. 810) abgedruckt sind, dass er die Schwestern in seiner Jugend in Edinburgh gehört habe: „In my young days there were two excellent girl-players of the violin in Edinburgh, where they were born  the sisters Drechsler-Hamilton. […] They played quartets; moreover they were uncommonly good soloists. That would be about 1863. They were very popular in Edinburgh and deservedly so. Otherwise I cannot recall any other instances in public or private“ (ebd.).

Die Konzertsaison 1869/70 verbrachten Bertha und Emmy Drechsler-Hamilton in Leipzig und Dessau. Am 27. Aug. 1869 traten sie beim ersten Zyklus-Konzert der herzoglichen Hofkapelle zu Anhalt-Dessau auf, deren Konzertmeister Bartels ihr Lehrer war. Sie spielten die Concertante für zwei Violinen und Orchester Nr. 2 h-Moll op. 88 von Louis Spohr und Variationen für zwei Violinen von Johann Wenzel Kalliwoda. Ihr Auftritt wurde vom Rezensenten und Publikum sehr positiv aufgenommen: „Nach mehrjähriger Abwesenheit von hier […]führten sie sich dem hiesigen Publicum wieder vor und es ist nicht zu verkennen, daß in ihnen zwei Künstlerinnen herangewachsen sind, deren Befähigung sie in nicht allzu ferner Zeit in die erste Reihe der ersten Violinvirtuosinnen stellen dürfte“ (NZfM 1869, S. 318). Das Zusammenspiel der beiden sei „musterhaft, gleichsam ineinander aufgehend“, und der „rauschende Beifall und Hervorruf lohnte das Schwesternpaar in wohlverdienter Weise“ (ebd.).

Im Okt. 1869 traten die beiden Violinistinnen mit demselben Programm im dritten Abonnementskonzert des Leipziger Gewandhauses auf: „Von den übrigen Solisten machten die beiden […] sehr talentvollen jugendlichen Violinistinnen Hamilton den gewinnendsten Eindruck durch ihr schmelzend zartes, tadellos sauberes, kindlich anspruchloses und höchst einmüthiges Ensemble und ernteten nach beiden Vorträgen den aufmunterndsten Beifall“ (NZfM 1869, S. 384). Ein Rezensent der „Signale für die musikalische Welt“ nimmt die beiden Schwestern nicht als kindlich wahr; vielmehr hebt er hervor, dass die beiden „Individuen des schönen Geschlechts“ seien und bedenkt ihren Auftritt mit einem Goethe-Zitat: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“(Signale 1869, S. 900), ohne jedoch das Spiel in musikalischer Hinsicht zu bewerten. In der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ heißt es, dass „Reinheit und Feinheit aber kleine[r] Ton“ (AmZ 1869, S. 351) den Vortrag der Schwestern charakterisiere.

Noch in demselben Jahr heiratete Bertha Drechsler-Hamilton den Finanzverwalter und Kreditberater James Adamson (1846[?]—?), nahm seinen Namen an (teilweise erwähnt als Doppelname Adamson Drechsler bzw. Drechsler Adamson) und wanderte nach Kanada aus. Das Ehepaar ließ sich zunächst in Hamilton, einer Kleinstadt an der Westseite des Ontario-Sees in der Nähe von Toronto, nieder; 1871 übersiedelten sie in die Hauptstadt Toronto. Bald darauf (Ende 1871 oder Anfang 1872) kam der erste Sohn John zur Welt, es folgten fast im Jahresabstand weitere Kinder: 1876 wurde Emily Caroline, genannt Lina, geboren, die ebenso wie ihre Mutter Karriere als Violinistin machte (s. u.). 1878 wurde Hamilton geboren, ein Jahr später Elsie, 1881 Archie und wiederum im folgenden Jahr Ernest.

In den insgesamt elf Jahren, in denen Bertha Adamson ihre Kinder bekam, gibt es keine Belege für ein öffentliches Auftreten. Als Zuwanderin hatte sie in Kanada keine Reputation als Violinistin, auch die Schwangerschaften und familiären Verpflichtungen dürften sie von einer Konzerttätigkeit abgehalten haben. In einem Portrait in der Konservatoriumszeitung „The Conservatory Bi-Monthly Review“ ist noch ein möglicher Grund für ihre Zurückhaltung im Konzertbetrieb angedeutet, nämlich „a certain amount of prejudice against ‚lady violinists,‘ the opinion being sometimes expressed that the violin was not an instrument for a woman“(Conservatory Bi-Monthly Review 1907 VI/1, S. 15). Der Verfasser schreibt es Bertha Adamson zu, dass sich die unbegründete Skepsis gegenüber „lady violinists“ nun aufgelöst habe: „Needless to state that matters are much changed to-day, […] and doubtless the frank and graceful personality of our artist, and her unaffected but always feminine demeanor, has had much to do with this enlightenment“ (ebd.).

Wahrscheinlich übernahm sie bis in die Mitte der 1880er Jahre die musikalische Erstausbildung ihrer Kinder; dies liegt zumindest nahe, denn alle traten später als InstrumentalistInnen im Konzertbetrieb Torontos auf:„Mrs. Adamson and her charming family (all of whom have embraced the musical profession) are amongst the most welcome performers upon the Toronto musical platform“ (Godfrey 1897, S. 17).

Das Jahr 1886 markiert die Wiederaufnahme ihrer Karriere als Violinistin. Der erste Beleg einer öffentlichen Konzerttätigkeit ist auf den 17. Febr. 1886 datiert: Sie spielte bei dem einmal jährlich stattfindenden Konzert des „Arion Clubs“ in London (Ontario, Kanada; 200 Kilometer südwestlich von Toronto). In demselben Jahr wurde in Toronto das „Toronto Conservatory of Music“ (TCM) gegründet, welches zum folgenden Wintersemester 1887 den Lehrbetrieb aufnahm. An diesem unterrichtete Bertha Adamson vom Eröffnungssemester an für zwei Jahre Violine bzw. „stringed instruments generally“ (Godfrey 1897, S. 17). Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete sie wie andere Lehrkräfte des Konservatoriums als Violinlehrerin am rivalisierenden „Toronto College of Music“, einem Institut, welches ab 1888 der „University of Toronto“ zugehörig war.

 

Konzertprogramm des London Arion Club,
17. Febr. 1886.

 

Seit der Eröffnung des TCM war das Spiel in Trio- und Quartett-Formationen für die Studierenden aller Instrumentalfächer obligatorisch. Bertha Adamson lehrte ihre StudentInnen neben dem Einzelunterricht in Violine auch die Ensemblepraxis; sie selbst hatte ja viele Jahre Erfahrung und entsprechende Erfolge als erste Violine im Familien-Streichensemble vorzuweisen. Sie beteiligte sich an dem im Sommer 1888 gegründeten „Conservatory String Quartette Club“, einem Streichquartett, welches in wechselnden Besetzungen bei den Konservatoriumskonzerten mitwirkte, aber auch selbstständig konzertierte. Nach einer mehrjährigen Abwesenheit vom Konservatorium, über deren Gründe nichts bekannt ist, nahm Bertha Adamson 1895 ihr Beschäftigungsverhältnis wieder auf. 1901 gründete sie das erste Streichquartett in Toronto mit fester Besetzung. Sie selbst spielte wie auch schon in ihrer Jugend die erste Violine, ihre Tochter Lina, die sich zu dieser Zeit von ihr am „Toronto Conservatory of Music“ als Violinistin ausbilden ließ, die zweite Violine, Lena Hayes übernahm den Viola-Part und Henry S. Saunders das Cello. Eine Notiz in der „Conservatory Bi-Monthly Review“ zeigt, dass das Ensemble populäre Werke zeitgenössischer Komponisten aufführte: Auf dem Programm eines Konservatoriumskonzertes im Dez. 1901 stand das Amerikanische Streichquartett F-Dur op. 96 von Antonín Dvořák sowie das Quartett op. 38 von Joseph Rheinberger. Das Konzert schloss mit dem Streichquartett d-Moll op. posth. D 810 Der Tod und das Mädchen von Franz Schubert.

1906 formierte sich das „Toronto Conservatory Symphony Orchestra“ unter der Leitung von Frank Welsman (1873—1952), in dem Bertha Adamson als Konzertmeisterin wirkte. Nach zwei erfolgreichen Konzertsaisons wurde der Hinweis auf das Konservatorium aus dem Titel gestrichen; als „Toronto Symphony Orchestra“ avancierte das Orchester zum größten und renommiertesten Sinfonieorchester Kanadas.

Zwei Portraits von Bertha Drechsler Adamson, 1897 und 1898.

In einem der folgenden Jahre gründete Bertha das „Conservatory String Orchestra“, dem sie viele Jahre als Dirigentin vorstand: „In organizing the well-known Conservatory String Orchestra, Mrs. Adamson has displayed so valuable to the musician[s] while all too rare, and her clear, crisp, authoritative manner of conducting, just sufficiently dashed with humor to gain the sympathy of both performers and auditors, always ensures for her a correct musicianly result“ (Conservatory Bi-Monthly Review 1907 VI/1, S. 15). Die Dirigentin sorgte für ein anspruchsvolles Konzertprogramm: So waren etwa bei dem jährlich stattfindenden Konzert im März 1912 einige Sätze aus der 9. Sinfonie e-Moll op. 95 Aus der Neuen Welt von Antonín Dvořák zu hören.

 

Photographie von Bertha Adamson als Dirigentin.

 

Als Violinlehrerin genoss Bertha Adamson einen sehr guten Ruf; davon zeugt auch der biographische Eintrag in einer Monographie, die sowohl Personen als auch Institutionen des Torontoer Musikbetriebs vorstellt (Godfrey 1897 S. 17, bzw. Godfrey 21898, S. 23). Adamson hatte eine Reihe von SchülerInnen, die später im Konzertbetrieb Kanadas und darüber hinaus sehr berühmt wurden, z. B. Harry Adaskin (1901—1994), Frank E. Blachford (1879—1959) und Julia Grover Choate (1891—?) sowie ihre Tochter Lina Drechsler Adamson (1876—1960). Zeitweise war Adamson die Verantwortliche für die Fachgruppe Violine am Konservatorium und gehörte zu den SpitzenverdienerInnen dieser Institution, worüber die Gehaltsauflistungen in den Jahrbüchern der Musikhochschule Aufschluss geben.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 übernahm ihr einstiger Schüler Frank E. Blachford die Fachgruppenleitung der Violinklassen und damit auch die Leitung des Streichorchesters. Als Violinlehrerin war Adamson jedoch weiterhin am Konservatorium angestellt; bis zum Hochschuljahr 1920/21 wurde sie in den Gehaltslisten geführt. Drei Jahre später, am 12. Mai 1924 starb Bertha Adamson im Alter von 76 Jahren in Toronto.

Ihre Tochter Lina Drechsler Adamson (1876—1960) übernahm in vielerlei Hinsicht das Erbe ihrer Mutter, die ihr den Anfangsunterricht erteilt und sie später am Torontoer Konservatorium als Soloviolinistin ausgebildet hatte. Ebenso wie Bertha absolvierte sie einen Teil ihrer Ausbildung zur Violinistin in Leipzig: Von Okt. 1896 bis Juli 1898 sowie abermals von Ende Sept. 1899 bis März 1900 war sie am Leipziger Konservatorium eingeschrieben. Lina Drechsler Adamson nahm an den Hauptprüfungen des Konservatoriums teil, 1898 mit einem Damen-Streichquartett zusammen mit ihren Kommilitoninnen Lotte Demut, Dora Jackson und Agga Fritsche. Bei den Prüfungen im Jahr 1900 spielte sie „mit nicht gewöhnlichem Gelingen […] Mendelsohn’s Violinconcert; ihre Technik ist hochentwickelt, ihre Tonbildung ist frischfarbig und kräftig, verlangt aber bisweilen eine sauberere Intonation“ (NZfM 1900, S. 157). In den Jahren 1904 und 1905 studierte sie abermals in Leipzig bei dem Violinisten und Komponisten Hans Sitt (1850—1922).

 

Brustbild, 1912

 

Wie ihre Mutter war sie Lehrerin für Violine am Konservatorium und gründete in den 1910er Jahren in Toronto ein Damen-Klaviertrio mit Eugénie Quéhen (Klavier) und Lois Winslow (Violoncello). Ein Rezensent charakterisiert ihr Spiel folgendermaßen: „Her tone was of unusual strength for her sex, and her bowing and style excellent; while a certain dignity and reticence gave character to her interpretations, which were, and still are, the very reverse of showy or theatrical (The Conservatory Bi-Monthly 1912 XI/1, S. 10). Auftritte in den USA machten sie über die Grenzen Torontos hinaus bekannt.

2. Drechsler-Hamilton, Emmy, Emily, verh. Woycke, Woycke-Drechsler, Woycke Dreschler Hamilton

* 1850 in Edinburgh, Sterbedaten unbekannt, Violinistin und Violinlehrerin. Emmy Drechsler-Hamilton, drittgeborenes Kind der Musikerfamilie, erlebte in jungen Jahren als Kindervirtuosin viele Erfolge: Sie spielte als zweite Violine im Familienstreichquartett. Zusammen mit ihrer Schwester → Bertha erhielt sie Unterricht in Leipzig und Dessau; als Violin-Duo erlangten die beiden Schwestern in den Jahren 1861 bis 1871 in ganz Großbritannien und Deutschland einen bemerkenswerten Ruf.

Als Solo-Violinistin hatte sie bereits als elfjähriges Mädchen Erfolg: „Miss Emmy in her violin solo  ,Air Varié(Dauda [Dancla?] elicited troughout the whole performance peals of gratified applause and at the close received an unanimous encore“ (The Caledonian Mercury 5. Dez. 1861). Zu ihrem Solo-Repertoire gehörten neben dem im Zitat genannten Stück Charles de Bériots erstes Violinkonzert, welches sie mit „precision and sentiment, and with a large appreciation of the music“ (The Orchestra 1863, S. 152) spielte, sowie die Variations du Concert sur un Thème original von Ferdinand David. Es ist möglich, dass dieser auch Emmy Drechsler-Hamiltons Lehrer bei ihren Aufenthalten in Leipzig war.

 

Portrait von 1890.

 

1871 heiratete Emmy Drechsler-Hamilton den Komponisten und Pianisten Eugen Adalbert Woycke (1843—?); im folgenden Jahr kam der Sohn Victor zur Welt (1872—?). Nach der Heirat trat sie weiterhin in Schottland und Irland auf. So verbrachte sie die Konzertsaison 1877 in Dublin. Bei den Konzerten trat sie sowohl im Duo mit ihrem Mann als auch solistisch auf: Ihr Repertoire umfasste die Chaconne aus der Partita d-Moll BWV 1004 von Joh. Seb. Bach und die Violinsonate F-Dur op. 24 von Beethoven. Daneben spielte Emmy Drechsler-Hamilton Stücke von Joachim Raff und Jean-Marie Leclair: „Madame Woycke grappled with and mastered the difficulties in a way that did her infinite credit. She played the difficult chorus with great apparent ease and clearness. Her variety of bowing was remarkable, and at the close she had a well-deserved burst of applause“ (Freeman’s Journal and Daily Commercial Advertiser 17. Dez. 1877). Doch ging offenbar nach der Hochzeit ihre Konzerttätigkeit stark zurück, ein Rezensent bedauert beispielsweise, dass ihre „platform appearances are, in the opinion of many music lovers, fare too rare“ (Magazine of Music 1890, Jan., S. 4).

Ebenso wie ihr Mann erteilte Emmy Woycke privat Instrumentalunterricht, womit der Familienunterhalt offenbar im Wesentlichen bestritten wurde, denn auch Eugen Woycke trat nur selten öffentlich auf. Ihren Sohn Victor unterrichtete sie ab seinem sechsten Lebensjahr. In einem Interview, das der 17-Jährige im Nov. 1889 in Edinburgh nach seinem ersten öffentlichen Auftreten gab, sagte er: „I have only had one teacher  my mother and I am quite satisfied that she is capable of teaching me a good deal yet“ (ebd.). Bei dem Debüt brachten Viktor und seine Mutter Emmy Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll BWV 1043 zur Aufführung — die Tradition des Familienkonzerts, welche Emmy in ihrer Jugend erlebte, wurde also an dieser Stelle fortgesetzt. Über ihre weitere Karriere lassen sich keine Belege finden. Auch ihr Sterbedatum und -ort sind unbekannt.

3. Drechsler-Hamilton, Agnes

* 1855 in Edinburgh, Sterbedaten unbekannt, Violinistin. Auch Agnes Drechsler-Hamilton konnte von dem Erfolg der Musikerfamilie profitieren. Sie debütierte bereits als Siebenjährige vor einem großen Publikum im Rahmen eines der Familienkonzerte: The most interesting feature being the first appearance of Miss Agnes Hamilton, who, by her performance of the violin, showed what careful training  aided no doubt by natural gifts  can achieve on only seven years of age (The Caledonian Mercury 30. Nov. 1863). Ein anderer Rezensent ist vor allem von der Kindlichkeit der Virtuosin beeindruckt: „But the little Miss Agnes, a child of seven years, was the most popular of all the gifted sisters; and she played a little solo on three little airs with little variations, to applause by no means little“ (The Orchestra 1863, S. 152). Auch ihr Repertoire enthielt das von ihrer älteren Schwester oftmals gespielte Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 16 von de Bériot — sie spielte es beispielsweise auf einer Konzertreise mit der „Scottish Orchestral Society“ unter der Leitung ihres Vaters in Berlin im Dez. des Jahres 1870. Ein Rezensent der Zeitung „The Musical World“ betont, dass das Spiel der inzwischen 14-Jährigen großes Potenzial zeige: „Miss Agnes Drechsler Hamilton […] gave a very excellent rendering of De Beriots first violin concerto, playing with a tone and expression that betoken great future excellence“ (MusW 1870, S. 853).

Im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern scheint Agnes Drechsler-Hamilton trotz ihrer frühen Erfolge nur sehr wenig als Soloviolinistin gewirkt zu haben — welche Gründe dies hatte, ist nicht bekannt. Im Dez. 1873 und im Febr. 1875 brachte sie nicht namentlich aufgeführte Solostücke bei Orchester- bzw. Chorkonzerten ihres Vaters Adam Hamilton zur Aufführung. Gut zehn Jahre später, am 14. Dez. 1886, gab Agnes Drechsler-Hamilton ein Kammerkonzert, bei dem sie mit ihrem Bruder und Francis Gibson das Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 63 von Robert Schumann spielte. Neben ihren sporadischen Soloauftritten wirkte sie regelmäßig in Sinfoniekonzerten und Oratorien mit, die ihr Vater als Dirigent der Edinburgher „Choral Union“ und der „Scottish Orchestral Society“ leitete — so z. B. im Dez. 1877 in Aberdeen, Schottland, wo Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung auf dem Programm stand.

4. Drechsler-Hamilton, Lucie

Lebensdaten unbekannt, Pianistin. Die jüngste der vier Schwestern, Lucie Drechsler-Hamilton, wird in David Bapties Lexikon „Musical Scotland Past and Present“ als „pianiste of ability“ (S. 74) genannt. Weitere Zeugnisse etwa über eine Konzerttätigkeit oder ihre Ausbildung finden sich nicht.

 

LITERATUR

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AmZ 1869, S. 351

Bock 1860, S. 333; 1869, S. 353

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MusW 1862, S. 536, 737; 1865, S. 475, 496; 1870, S. 406, 853; 1876, S. 472

NZfM 1869, S. 318, 383f.; 1891, S. 232; 1898, S. 232; 1900, S. 157

The Orchestra 1863, S. 152; 1864, S. 165

Signale 1867, S. 425; 1869, S. 900; 1870, S. 339

 

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Brown Bio, Brown Brit, De Bekker

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Bildnachweis

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The Conservatory Bi-Monthly 1912 XI/1, nach S. 8

The Magazine of Music [London] 1890, Jan., S. 4

 

Annika Klanke

 

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