Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

DulckenDulken

Familie: Louise (1), ihre Schwester Therese (2), Louises Nichten Sophie (3) und Isabella (4)

1.DulckenDulken (Marie) Louise, Luise, Louisa, Marie-LouiseMarie-Luise, geb. David

* 20. März 1811 in Hamburg, † 12. Apr. 1850 in London, Pianistin. Ihr Vater war ein wohlhabender Hamburger Kaufmann. Sie war die Schwester des Violinisten und Komponisten Ferdinand David (1810–1873). Louise Dulcken erhielt Klavierunterricht von Christian Schwencke (1766/67–1822) und Friedrich Wilhelm Grund (1791–1874). Im Alter von zehn Jahren trat sie erstmals öffentlich auf. Schon bald wurde sie als Wunderkind gefeiert. 1822 spielte sie elfjährig in Hamburg das Konzert in a-Moll von Hummel und erregte großes Aufsehen. In den Jahren 1826 und 1827 ging sie gemeinsam mit ihrem Bruder auf Konzertreise und trat u. a. in Kopenhagen, Leipzig, Dresden und Berlin auf. 1828 heiratete sie Theobald Dulcken (1800–1882), den Sohn der Pianistin Sophie, geb. Lebrun. Kurz darauf – im Jahr 1829 – siedelte sie nach London über, wo sie von dem damals dort ansässigen Ignaz Moscheles als bedeutende Pianistin eingeführt wurde. In den darauf folgenden Jahren errang sie in England beachtliche Erfolge. Sie war unter anderem als Pianistin der Herzogin von Kent tätig, und zwischen 1830 und 1849 trat Louise Dulcken zehn Mal als Solistin in der Philharmonic Society auf: „We believe [she] was the first lady-pianist who ever played at the Philharmonic concerts“ heißt es in einem Nachruf (The Times 15. Apr. 1850).

Regelmäßig reiste sie durch die englische Provinz sowie in den deutschsprachigen Raum, um dort zu konzertieren. Sie genoss in England den Ruf einer der besten Pianistinnen, und auch in Deutschland war sie sehr erfolgreich. Über ein Konzert im Jahre 1831 in Hamburg schreibt die Presse: „Selbst Hummel, der gegenwärtig war, zollte ihr öffentlich seinen Beifall in den ehrenvollsten Ausdrücken“ (Iris 1831, S. 92). 1834 spielte sie wieder in Berlin, von St. Petersburg kommend. Sie besuchte im gleichen Jahr auch die Familie Hensel, und Fanny Hensel notierte am 9. Apr. in ihrem Tagebuch: „Luise Dulken ist 8 Tage hier gewesen, und ich kann gar nicht sagen, wie sehr mir die liebe Frau von jeder Seite gefallen hat. Sie hat sich gegen Rebecka [Schwester von Fanny Hensel] und mich sehr ausgesprochen, und wenn man hört, wie sie in einem Tage die Früchte 6jähr. Arbeit hergegeben hat, und dazu das wirklich selten schöne Gesicht betrachtet, welches von den schrecklichen Narben zerrissen ist, Hände und Nacken haben nicht weniger gelitten, also wahrscheinlich auch der übrige Körper. Es war uns nicht möglich, gegen den Mann anders als ungemein kalt zu seyn, der noch obenein mit ihr in einem trocknen und groben Tone spricht, welcher doppelt empört, wenn man alles Uebrige weiß“ (S. 53, 10ff.). Auf welchen Vorfall dieses Zitat anspielt und ob hier von Theobald Dulcken, dem Ehemann Louise Dulckens die Rede ist, ist nicht zu ermitteln. Fanny Hensel beschreibt Louise Dulcken weiter als vielseitig gebildete, aufgeschlossene Frau mit „bedeutende[m] Talent“ (S. 53, 25ff.). Am 12. Apr. 1834 schreibt sie in einem Brief an ihren Bruder Felix über das Klavierspiel Louise Dulckens: „Es ist als wenn sie Feuer aus den Fingern schüttelte, u. ihre Kraft u. Rapidität ist wirklich bewundernswerth“ (zit. nach Lambour 2007, S. 253).

Am 3. Apr. 1843 führte Louise Dulcken das zweite Klavierkonzert f-Moll von Chopin in der Philharmonie erstmals öffentlich auf, zu einer Zeit, in der die Engländer Chopin eher skeptisch gegenüber standen: „The first introduction of Chopin at a Philharmonic Concert was, in itself, an event of inconsiderable interest – it is an unquestionable proof of an apathy, prejudice, and cliquism of preceding directors of these great concerts, that the works of [Chopin] […] should have been hitherto denied to the subscribers […].[Madame Dulcken] is, however, entitled to a large meed of praise for the courage and spirit with which she essayed her task“ (MusW 6. Apr. 1843, S. 126f.).

Unter ihren SchülerInnen war auch die Königin Victoria, die sie im Jahre 1837 zur Hofpianistin ernannte, und Ignaz Moscheles war ein guter Freund von ihr. Am 31. Dez. 1845 schrieb Louise Dulcken ihm aus London einen Brief, in dem sie ihn einlud, einem ihrer Konzerte beizuwohnen und mit ihr vierhändig zu spielen. Auf der Rückseite des Briefes befindet sich die Antwort von Moscheles, der eine Absage erteilte, weil er seine Konzerttermine noch nicht festgelegt habe, „obschon es mir immer erfreulich ist, eine meiner Kompositionen von Ihren herrlichen Händen vorgetragen zu hören“. Weiter schrieb er, dass er seine neue Sonate mit Louise Dulcken öffentlich uraufführen wolle. 1846 spielte sie im Leipziger Gewandhaus unter Mendelssohn die Uraufführung seines Konzertes in d-Moll. Für eine Aufführung des Werkes mit der Dublin Philharmonic ein Jahr später schrieb er eine Kadenz für Louise Dulcken. Die Angabe der Zeitschrift „The Musical World“ von 1872, Louise Dulcken sei 1846 zusammen mit dem Gitarristen und Concertinaspieler Giulio Regondi durch den deutschsprachigen Raum gereist, wird von Jacobs widerlegt.

Louise Dulcken hatte sechs Kinder, darunter waren die Pianisten Ferdinand Quentin Dulcken (1835–1901) und Edward Dulcken (1838–1855), die später in Leipzig am Konservatorium studierten.

Ihr Repertoire umfasste unter anderem Werke von Beethoven, Moscheles, Mendelssohn, Kalkbrenner, Hummel, Czerny und Parish Alvars. Sie sprach neben Deutsch und Englisch auch Französisch und Italienisch und galt als sehr gebildete Musikerin.

 

 

Die Berichterstattung über Louise Dulcken nimmt über mehr als 25 Jahre hinweg einen breiten Raum in der zeitgenössischen Fachpresse ein. Bedeutung erlangte sie vor allem durch ihre großen Erfolge in England. Hier veranstaltete sie in ihren Salons regelmäßig gut besuchte Soireen, in denen sie dem englischen Publikum deutsche Komponisten wie Beethoven, Mozart, Weber und Mendelssohn nahe brachte: „Durch die Wahl der trefflichsten älteren Meisterwerke suchte sie allmälig auf den Geschmack der Hörer zu wirken […] Mad. Dulcken, die mit Recht hier als erste Clavierspielerin genannt wird, hat sich durch ihre Bemühungen um Förderung und Veredelung des Geschmacks […] ihres Mannes und ihrer Stellung durchaus als würdig bewährt“ (NZfM 1844, S. 202). Ihre Soireen waren zeitlich sehr ausgedehnt, gut besucht und enthielten neben Kammermusik auch größer besetzte Werke.

Der geschlechtsspezifische Wahrnehmungsfilter blieb auch Louise Dulcken nicht erspart. 1833 spielte sie auf der Durchreise von London nach St. Petersburg in Bremen, und im „Allgemeinen Musikalischen Anzeiger“ lesen wir: „…doch müssen wir der Mad. Dulcken den Ehrenplatz einräumen, weil ihr Spiel weibliche Zartheit mit männlicher Kraft zu vereinen weiß“ (Castelli 1833, 178). Und die „Allgemeine Wiener Musikzeitung“ schreibt über ein Konzert in Wien im Jahre 1846: „Frau Dulken würde uns beziehungsweise ihrer männlichen Bravour einigermaßen an Frau Pleyel erinnern, wenn ihr nicht jenes Amazonen-, Lionnen-, Emanzipationsmäßige etwas abginge, welches die Pleyel an die Seite der berufensten Tasten-Paladine stellt“ (AWM 1846, S. 552). Über ein Konzert 1846 in Hamburg heißt es: „Die englische Pianistin Madame Louise Dulken entwickelte sowohl in dem Vortrage des Dmoll-Concerts von Mendelssohn, als der Thalbergsch’schen Phantasie (Op. 17) ungeachtet ihrer fast mehr als stattlichen Fülle eine staunenswerte Volubilität und Grazie“ (Signale, S. 322).

Louise Dulcken starb im Alter von 39 Jahren an einer Wundrose in Folge eines Abszesses im Ohr. Josephine Lang widmete Louise Dulcken Vier deutsche Lieder (op. 3). Louise Dulcken selbst komponierte einige Walzer für Klavier sowie Stücke für Chor.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Valse de la cour

2nd Set of 6 Waltzes and Trios

 

LITERATUR

Brief Louise Dulckens an Ignaz Moscheles vom 31. Dez. 1845, Österreichische Nationalbibliothek, Musikerbriefe Regestkatalog

AmZ 1822, Sp. 212; 1823, Sp. 418; 1824, Sp. 484f.; 1826, Sp. 162f., 201f.; 1846, Sp. 675ff.; 1847, Sp. 249

AWM 1842, S. 403; 1844, S. 503; 1846, S. 552

Berliner AmZ 1824, S. 189; 1825, S. 103; 1826, S. 61f., 100, 227

Bock 1949, Nr. 19, S. 151

Castelli 1833, 178; 1837, S. 203

The Illustrated London News 20. Apr. 1850

Iris 1831, Nr. 23, S. 92; 1834, Nr. 14, S. 56

Leipziger Illustrirte Zeitung II 1844, 1. Halbband, S. 333

MusW 6. Apr. 1843, S. 126f., 8. Juni, S. 199; 1872, S. 332f.

NZfM 1837 II, S. 8, 80, 163; 1838 II, S. 94; 1839 I, S. 184; 1844 I, S. 202; 1846 II, S. 114, 122; 1847 I, S. 138; 1848 II, S. 70; 1850 I, S. 188

The Times [London] 15. Apr. 1850

Signale 1846, S. 322; 1850, S. 160; 1851, S. 48

Gathy, Schilling, Schilling Supp., Becker, Gaßner, Schla/Bern, Paul, Mendel, Riemann 1, Fétis, Brown Bio, Altmann

Adolph Kohut, Berühmte israelitische Männer und Frauen, 2 Bde. Leipzig ca. 1892.

Grove 1, Grove 5, Baker 5, Riemann 12, Thompson, Cohen, Lyle, MGG 2000 (Art. Dulcken, Art. David, Ferdinand), New Grove 2001 (Art. Dulcken, Art. David, Ferdinand)

Frédéric Chopin, Briefe, hrsg. von Krystyna Kobylanska, Berlin 1983.

Christiane Sengstack, Familienglück – das Beste auf ErdenDie Berichte der Christiane Sengstack, Bukarest 1997.

Fanny Hensel, Tagebücher, hrsg. von Hans-Günter Klein u. Rudolf Elvers, Wiesbaden 2002.

H. A. Köstlin, „Josephine Lang (Lebensabriß)“, in: Sammlung Musikalischer Vorträge, hrsg. von Paul Waldersee, Leipzig 1881, S. 49–103.

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig. Vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884.

Helmut C. Jacobs, Der junge Gitarren- und Concertinavirtuose Giulio Regondi. Eine kritsiche Dokumentation seiner Konzertreise durch Europa 1840 und 1841 (= Texte zur Geschichte und Gegenwart des Akkordeons 7), Bochum 2002.

Therese Ellsworth, „Women Soloists and the Piano Concerto in Nineteenth-Century London“, in: Ad Parnassum. A Journal of Eighteenth- and Nineteenth-Century Instrumental Music II/1, Okt. 2003, S. 21–49.

Yvonne Wasserloos, Das Leipziger Konservatorium der Musik im 19. Jahrhundert. Anziehungs- und Ausstrahlungskraft eines musikpädagogischen Modells auf das internationale Musikleben, Hildesheim 2004.

Christian Lambour, „Fanny Hensel ­− Die Pianistin“, in: Mendelssohn Studien. Beiträge zur neueren deutschen Kulturgeschichte Bd. 15, hrsg. von Hans-Günter Klein / Christoph Schulte, Hannover 2007, S. 247–260.

 

Bildnachweis

Konzertprogramm: William Weber, „Redefining the Status of Opera: London and Leipzig, 1800-1848“ in: Journal of Interdisciplinary History 3 (2006). (Courtesy of the Royal College of Music, London).

Maria Louise Dulcken, Piano teacher to Queen Victoria, by Richard James Lane, lithograph, 1836 (www.npg.org.uk/live/search/a-z/artA.asp, Zugriff am 27. Juli 07).

Madame Dulcken, Pianistin der Königin von England, Leipziger Illustrierte Zeitung 1844, 1. Halbband, S. 333.

2. Meyer, Therese, geb. David

Geburts- und Sterbedaten unbekannt, Pianistin. Sie war die jüngere Schwester von Louise Dulcken. „Fräulein David verspricht eine gefährliche Nebenbuhlerin ihrer ältern Schwester auf dem Pianoforte zu werden“ schreibt die Leipziger Illustrirte Zeitung 1844 (S. 333). Und die „Allgemeine musikalische Zeitung" berichtet 1847: „In der am 27. November von Mad. Therese Meyer, geb. David […]veranstalteten musikalischen Soirée gab diese sich als vorzügliche Pianistin kund“ (AmZ 1847, Sp. 889).

 

LITERATUR

AmZ 1847, Sp. 889

Leipziger Illustrirte Zeitung II 1844, 1. Halbband, S. 333

Gathy

3. DulckenDulken, Sophie (Louise Auguste)

* 6. März 1835 in London, † nach 1857 (Ort unbekannt), Pianistin. Sie war die Tochter von Heinrich  Dulcken (Musiklehrer und Organist) und seiner Frau Auguste geb. Burghaagen und Nichte von Louise Dulcken und Theobald Dulcken. Über ihre Ausbildung liegen keine Informationen vor. Bereits im Alter von sieben Jahren trat sie in London mit Variationen von Herz öffentlich auf. Im Jahre 1846 spielte sie als Zehnjährige einige Konzerte in Leipzig, Frankfurt a. M. und Darmstadt und erntete großen Beifall. In der „Neuen Zeitschrift für Musik“ wird aber die Vermarktung als Wunderkind kritisiert: „Sie spielt recht artig Pianoforte, aber Vieles war ihr zu schwer, wie z. B. die Phantasie von Thalberg über die Hugenotten, weshalb sie oft daneben griff. Talent mag das Kind haben, der Vater sollte aber nicht so blind oder gewissenlos sein, die Kleine schon jetzt der Welt vorzuführen, um von den noch unreifen Früchten einen augenblicklichen pecuniären Vortheil zu ziehen“ (NZfM 1846 I, S. 87). Das Zitat lässt darauf schließen, dass Sophie Dulcken zusammen mit ihrem Vater reiste. Ihre Tante konzertierte zu dieser Zeit selbst im deutschsprachigen Raum, allerdings niemals zusammen mit ihren Nichten. Zwei Jahre später ging Sophie Dulcken gemeinsam mit ihrer Schwester, der Concertinaspielerin Isabella Dulcken auf Konzertreise. In den Jahren 1848 sowie 1851 bis 54 bereisten die beiden den deutschsprachigen Raum. Ihre Reise führte sie unter anderem nach Weimar, Wien, Frankfurt a. M., Leipzig, Berlin, Breslau, Warschau, St. Petersburg, Moskau, Paris sowie nach Holland und Belgien und laut der „Revue et Gazette Musicale“ auch nach Sibirien und Moldawien. Einen Einblick in die russischen Reisewege, die die Geschwister zurücklegten, gibt ein Bericht in der „Leipziger Illustrirten Zeitung“: „Sophie und Isabella Dulcken […] waren bekanntlich voriges Jahr nach Rußland gegangen und hatten zunächst in Warschau eine glänzende Aufnahme gefunden. Von dort begaben sie sich nach Petersburg und Moskau, wurden von der Kaiserin nach Petersburg zurückberufen, gingen dann nach Kronstadt, Gatschina, Dorpat, Mitau, Reval u. ff. und traten überall mit solchem Erfolg auf, daß sie sich entschlossen, nach Ritschnei-Nowgorod zu gehen, wo bekanntlich eine große Messe abgehalten wird. Sie fanden auch hier so entschiedenen Beifall, daß sie drei Concerte geben konnten und wollten nun von hier sich nach Kasan, Simbirsk, Pensa, Tambow und Charkow wenden, wie sie überhaupt vor der Hand noch in Rußland zu bleiben denken, wo sich Alles vereinigt, um ihre Künstlerlaufbahn zu begünstigen“ (Leipziger Illustrirte Zeitung 1852, S. 190). Die „Neue Berliner Musikzeitung“ vermeldet 1854: „Die Geschwister Dulcken sind nach Stuttgart zu ihrer Familie gereist, werden daselbst den Sommer verleben, im Juli in Baden Concerte geben und zur Wintersaison nach Paris zurückkehren“ (Bock 1854, S. 175). Den Winter 1854 verbrachten die Schwestern wie angekündigt in Paris. Die „Neue Berliner Musikzeitung“ meldete dann: „Die Geschwister Dulcken werden sich in Paris niederlassen, und zwar um Unterricht zu ertheilen, die eine auf dem Piano, die andere auf der Concertino [sic], zugleich aber auch in Concerten auftreten“ (Bock 1854, S. 390). Und weiter wird mitgeteilt: „Mlle. Sophie Dulcken ist als Klavierspielerin in Kurzem hier sehr beliebt geworden. Sie lässt sich in den angesehensten Gesellschaften hören“ (Bock 1854, S. 31). Im Jahre 1856 begab sich Sophie Dulcken erneut auf Konzertreise nach Russland. 1857 gab die Neue Zeitschrift für Musik" die Verlobung Sophie Dulckens mit einem Fürsten Radziwill bekannt, den sie später auch ehelichte – ein Eintrag in einem Augsburger Kirchenbuch nennt sie „Frau Fürstin Sophie Radziwill, geb. Dulcken in Nantes, Frankreich" (Kirchenbuch Heilig Kreuz Gemeinde Augsburg 1872). Danach sind keine öffentlichen Auftritte mehr bekannt. 1866 konzertierte eine „Dame Dulcken“ am Klavier in Baden-Baden zusammen mit einer Violinistin (Rosalie Mugnier) und einer Sängerin (Rebour).

Das Repertoire Sophie Dulckens umfasste neben Mendelssohn, Thalberg, Mozart und Beethoven auch Werke von Joh. Seb. Bach. Sie begleitete ihre Schwester auf der Concertina, spielte aber auch solistisch.

 

 

Die Schönheit der beiden Schwestern sowie ihre anrührende Kindlichkeit wird immer wieder hervorgehoben. „Das Publikum war entzückt von den beiden Schwestern, welche in der That, die eine am Flügel, die andere ihre Harmonika auf das Graziöseste bewegend, ein reizendes Genrebildchen darstellten“ (Signale 1851, S. 462). Der Leipziger Schriftsteller Oettinger beschreibt die Schwestern als engelhafte Wesen, welche durch ihre Musik das Tor zu himmlischen Spären öffnen: „Sophie und Isabella Dulcken sind zwei Sybillen, deren meisterhaftes Spiel uns das goldene Buch jener geheimnisvollen Sprache öffnen, welche die Engel im Himmel reden“ (Signale 1851, S. 377f.). Ähnlich entrückt und überschwänglich klingt eine Kritik in der „Revue et Gazette Musicale“ aus dem Jahre 1853. Neben solchen verklärenden Darstellungen der Beiden findet sich auch Kritik an der Werkauswahl Sophie Dulckens. Z. B. wird ihr Vortrag des Es-Dur-Konzertes von Beethoven als unangemessen empfunden, da diese „Aufgabe […] selbstverständlich über die Kräfte eines so jugendlichen Mädchens geht“ (Signale 1851, S. 371).

Auch bei Kollegen scheinen die Schwestern Eindruck gemacht zu haben: „Mit Vergnügen sahen wir mehrfach die unverkennbarste Freude auf dem Antlitz unseres berühmten Louis Spohr strahlen, der sich sogar veranlaßt fand, beiden Künstlerinnen während ihres Vortrags verschiedentlich die Blätter umzuwenden. Größere Freude noch bereitete uns Spohr’s an diesem Abende Dritten gegenüber gemachte Aeußerung: daß dies einer der genußreichsten Abende sei, die er seit Jahren erlebt“ (Leipziger Illustrirte Zeitung 1851, S. 304).

 

LITERATUR

Kirchenbuch Heilig Kreuz Gemeinde Augsburg 1872, mit Dank an Andreas Ratz, Augsburg.

Bock 1851, S. 24, 197, 349, 403, 409f., 411; 1852, S. 22, 38, 260; 1853, S. 292, 294, 351; 1854, S. 15, 31, 159, 164, 175, 334, 375, 390; 1856, S. 256

Cäcilia 1847/8, S. 240

Leipziger Illustrirte Zeitung 1851, Nr. 431, S. 304; 1852, Nr. 481, S. 190

MusW 1843, S. 199

NZfM 1846 I, S. 56, 87; 1848 I, S. 72; 1851 I, S. 7, 224, 279; 1851 II, S. 169, 177; 1852 I, S. 35; 1854 II, S. 274; 1857 II, S. 238

RGM 23. Okt 1853, S. 374

Signale 1846, S. 21, S. 123; 1851, S. 358, 370f., 377f., 380, 403, 431, 449, 462; 1852, S. 15, 364, 454; 1853, S. 341; 1854, S. 406; 1866, S. 597

Mendel

Josef Sittard, Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart, Altona u. Leipzig 1890, Repr. Hildesheim u. New York 1971.

Wolfram Huschke, Musik im klassischen und nachklassischen Weimar 1756–1861, Weimar 1982.

 

Bildnachweis

Mlles Sophie et Isabelle Dulcken, März 1854, www.gallica.bnf.fr, Zugriff am 19. Febr. 08.

4. DulckenDulken, (Sarah) Isabella (Auguste), verh. Braun

* 15. Mai 1836 in London, † 27. Juli 1899 in München, Concertinaspielerin. Ihre Eltern waren Heinrich Dulcken (Musiklehrer und Organist) und Auguste geb. Burghaagen. Sie war die Schwester von  Sophie Dulcken und Nichte von Louise Dulcken.

Isabella Dulcken war vermutlich eine Schülerin Giulio Regondis (1822–1872). Über die Dauer des Unterrichtsverhältnisses ist nichts bekannt. Isabella Dulcken konzertierte 1848 bis 1854 gemeinsam mit ihrer Schwester u. a. in Weimar, Wien, Frankfurt a. M., Leipzig, Berlin, Breslau, Warschau, Moskau, St. Petersburg, Paris sowie in Holland und Belgien. Im Rahmen der Konzerte spielte sie auch mit anderen Musikern zusammen. 1854 ließ sie sich in Paris nieder, um hier Unterricht zu geben. Bis 1862 sind Transaktionen mit den Londoner Concertina-Herstellern Wheatstone & Co. nachzuweisen, die Isabella Dulcken zugeschrieben werden. Davor war sie nachweislich 1855 in Kontakt mit Wheatstone & Co. getreten. Im Juli 1864 heiratete sie Johann Philipp Otto Braun (1824–1900), den langjährigen Chefredakteur der „Augsburger Allgemeinen Zeitung". 1865 wurde in Augsburg ein Sohn Heinrich Alfred getauft († vor 1894), 1872 eine Tochter Sophie Ottilie Friederike Isabella († 1894).

Ihr Repertoire umfasste neben Original-Kompositionen für Concertina von Regondi und Blagrove auch Bearbeitungen von Geigenkompositionen von Artôt, Bériot und Vieuxtemps.

Neben Giulio Regondi hat Isabella Dulcken der Concertina in Europa zur Popularität verholfen. Das Harmonikainstrument wurde von dem Engländer Charles Wheatstone in den 1820er Jahren entwickelt. Die in Großbritannien vor allem unter Instrumentalistinnen sehr beliebte Concertina war in den deutschen Konzertsälen ein relativ unbekanntes Instrument und konnte sich dort nur schwer etablieren. Trotzdem riefen die Konzerte, die Isabella Dulcken gemeinsam mit ihrer Schwester ab dem Jahre 1848 im deutschsprachigen Raum gab, regelmäßig große Zustimmung hervor. „The Musical World“ schreibt im Jahre 1850 über ein Konzert der Geschwister in München: „Mdlle Isabelle approaches, as nearly as possible, her excellent preceptor Regondi. We have not heard the concertina since played with so much real cleverness. The young ladies are frequently compared by their friends to the Milanollos [Maria und Teresa Milanollo] (MusW 1850, S. 762). In der „Neuen Berliner Musikzeitung“ heißt es, Isabella Dulcken habe die Concertina „der Trivialität entrissen“ (Bock 1852, S. 38). Auch in Frankreich stellte Isabella Dulcken dem Publikum das unbekannte Instrument vor: „Das [sic] hier noch wenig bekannte Concertina wurde durch die jüngere Schwester [Isabella] in Paris sehr beliebt“ schrieb die „Neue Berliner Musikzeitung“ über eine erfolgreiche Konzertreihe der Schwestern in Paris (Bock 1854, S. 164).

Die „Curiosität“ (Signale 1851, 358) des Instrumentes machte neben der „liebenswürdigen äußeren Erscheinung“ (ebd.) der beiden Schwestern einen weiteren Reiz für das Konzertpublikum aus. Doch nicht alle Rezensenten waren von dem Instrument angetan. So schreibt die „Neue Zeitschrift für Musik“ über einen Auftritt von Isabella Dulcken in Leipzig: „Der Vortrag auf der Concertina war ganz gut, recht nett, das Instrument aber gehört nicht in diese Concerte“ (NZfM 1851 II, S. 169), allerdings ohne dies näher zu begründen. Bei einem Konzert in Weimar kritisierte man Isabella Dulckens „gehaltloses“ Repertoire, allerdings mit der Entschuldigung, dass „für ihr Instrument, die Concertina, bis jetzt kein besseres Kraut gewachsen ist“ (NZfM 1851 II, S. 177).

Der Concertinaspieler und Komponist Richard Blagrove widmete Isabella Dulcken eine Fantasia on Airs from Donizetti’s La Favorite.

 

LITERATUR

Feuerbestattungsregister Städtische Friedhöfe Jena, 1899, Nr. 44, mit Dank an Andreas Ratz, Augsburg.

Kirchenbuch Heilig Kreuz Gemeinde Augsburg 1872, mit Dank an Andreas Ratz, Augsburg.

BioNekro 1901, S. 487, 490

Bock 1851, S. 24, 197, 349, 403, 409f., 411; 1852, S. 22, 38, 260; 1853, S. 292, 294, 351; 1854, S. 15, 159, 164, 175, 334, 375, 390

Cäcilia 1847/8, S. 240

Leipziger Illustrirte Zeitung 1851, Nr. 431, S. 304; 1852, Nr. 481, S. 190

MusW 1850, S. 762

NZfM 1848 I, S. 72; 1851 I, S. 7, 224, 279; 1851 II, S. 169, 177; 1852 I, S. 35; 1854 II, S. 274; 1857 II, S. 204

RGM 43, 23. Okt 1853, S. 374

Signale 1851, S. 358, 370f., 377f., 380, 403, 431, 449, 462; 1852, S. 15, 364, 454; 1853, S. 341; 1854, S. 406

Mendel

MGG 2000 (Art. Harmonikainstrumente)

Josef Sittard, Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart, Altona u. Leipzig 1890, Repr. Hildesheim u. New York 1971.

Wolfram Huschke, Musik im klassischen und nachklassischen Weimar 1756–1861, Weimar 1982.

Allan Atlas, Ladies in the Wheatstone Ledgers. The Gendered Concertina in Victorian England, 1835–1870 (= Royal Musical Association. Research Chronicle 39), London 2006.

https://www.familysearch.org/Germany Births and Baptisms, 1558-1898, Zugriff 2. März 2012

 

Bildnachweis

Die Geschwister Sophie und Isabella Dulcken aus London, Leipziger Illustrirte Zeitung 1851, Nr. 431, S. 304.

 

Anja Herold

 

© 2008 Freia Hoffmann