Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Harff, Harf, Elise, Elisa

* 1836 in Goldingen (heute Kuldīga in Lettland), † nach 1885 (Ort unbekannt), Pianistin. Sie war die Tochter eines Pastors namens Georg Harff und seiner Frau geb. von Lutzau. Von ihrer Mutter soll sie „früh den besten Unterricht im Clavierspiel“ erhalten haben, ihre „höhere musikalische Ausbildung“ erfolgte durch ihren Onkel Samuel von Lußau in Riga (Rudolf Riga). Auch in späteren Jahren bildete sie sich immer wieder fort, war im Sommer 1859 kurzzeitig Schülerin von Theodor Stein in Reval (heute Talinn, Lettland) und studierte von 1860 bis 1861 in Dresden bei Charles Mayer und Adolf Reichel. Danach ging sie auf Franz Liszts Rat und mit seiner Empfehlung nach Berlin, um bei Hans von Bülow zu studieren. Als dieser nach zwei Jahren nach München übersiedelte, setzte sie ihre Ausbildung noch einige Zeit bei Theodor Kullak fort.

Bis zum Jahr 1852 hatte sie durch gemeinsame Auftritte mit ihrem Onkel bereits Konzerterfahrungen gesammelt, zunächst in Goldingen, später in Mitau und Riga. Von 1852 bis 1860 nahm sie in Kurland Anstellungen als Musiklehrerin an, zunächst bei der Familie des Barons von Behr in Schloß Edwahlen, dann in Kurmen bei der polnischen Adelsfamilie Komorowski.

Während ihrer Studienzeit in Dresden wirkte sie auf Matineen als Pianistin mit. Während ihres anschließenden fünfjährigen Aufenthalts in Berlin erwarb sie sich im Umfeld von Hans von Bülow und Hubert Ries ein gutes Renommee als Pianistin und Klavierlehrerin. Im Hause des Letzteren, dem sie „jahrelang als Hausgenossin“ angehörtefand sie „die beste Gelegenheit, sich in der Kammermusik zu vervollkommnen“ (Rudolf Riga). Es ist belegt, dass sie 1862 den Klavierpart in einem Trio von Mozart spielte und im gleichen Jahr mit der Pianistin Marie Gärtner Variationen für zwei Klaviere von Schumann aufführte. Mit Anton Rubinstein spielte sie „in einem Privatkonzert vierhändig“ (Rudolf Riga). In diesen wie auch weiteren Konzerten in Berlin trat sie auch solistisch auf. Sie spielte u. a. im Palais Bismarck und gab am 16. März 1866 ein Konzert in der Singakademie, wo sie unter Leitung von Musikdirektor Wuerst das Klavierkonzert in d-Moll von Mendelssohn und das Klavierkonzert in e-Moll von Chopin zur Aufführung brachte. In diesem Konzert wirkte auch die Pianistin Erika Lie mit. Sie unternahm auch Reisen, konzertierte 1865 in Riga und 1866 in Königsberg.

Aus familiären Gründen ging sie 1867 nach Russland zurück, wo sie in St. Petersburg, vor allem aber in Moskau wirkte. In St. Petersburg traf sie wieder mit Anton Rubinstein zusammen, mit dem sie erneut gemeinsam konzertierte. Mit ihm als Dirigenten trat sie auch in der kaiserlich-russischen Musikgesellschaft auf. In Moskau wurde sie mit dem Bruder Anton Rubinsteins, dem Dirigenten Nicolai Rubinstein, und Ferdinand Laub bekannt und erwarb sich dort in den nächsten Jahren großes Ansehen als Pianistin und Klavierlehrerin. 1867 spielte sie unter Leitung von Nicolai Rubinstein das Klavierkonzert in Es-Dur von Weber. 1868 erhielt sie von der Großfürstin Helene die Aufforderung, in St. Petersburg an Hofkonzerten teilzunehmen und kam diesem Wunsch wiederholt nach. In St. Petersburg erneuerte sie auch ihre Bekanntschaft mit dem Pianisten und Komponisten Adolf Henselt,„der sich von ihr vorspielen ließ und mit ihr zusammenspielte“ (Rudolf Riga). Im gleichen Jahr wirkte sie in Moskau bei einem philharmonischen Konzert mit, ebenso 1869, wo sie wieder das Klavierkonzert in d-Moll von Mendelssohn zur Aufführung brachte. 1871 gab sie mit dem Prinzen Adolf Sayn-Wittgenstein in Bad Wildungen (Hessen) zwei Benefizkonzerte. 1873 übersiedelte sie nach Riga, wo sie weiterhin erfolgreich als Klavierlehrerin und in geringerem Umfang auch als Pianistin wirkte. Um der Kammermusik zu größerem Ansehen zu verhelfen, lud sie 1884 den Violinisten Hans Bassermann und den Violoncellisten Bernhard Coßmann nach Riga ein, um mit ihnen gemeinsam drei Kammermusikkonzerte zu geben. 1885 folgte eine weitere Reihe von Kammermusikkonzerten, diesmal mit dem Violinisten Hans Rosenmeyer, einem Schüler Joseph Joachims, und dem Violoncellisten Otto Lohse sowie weiteren Musikern. 1885 trat Elise Harff noch einmal als Pianistin in Darmstadt auf. Weitere Lebenszeichen fehlen.

Ihr Repertoire war stilistisch breit gefächert. Solistisch umfasste es u. a. Kompositionen von Scarlatti, Pergolesi, Joh. Seb. Bach, Chopin, Schumann, Mendelssohn, A. Rubinstein, S. von Lutzau und Beethoven; hinzu kamen Klavierkonzerte von Schumann, Chopin, Mendelssohn und Weber. Im Rahmen ihrer kammermusikalischen Tätigkeit spielte sie außerdem Kompositonen in unterschiedlicher Besetzung von Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Raff, A. Rubinstein, Benjamin Goddard und David Popper.

 

LITERATUR

AmZ 1866, S. 130

Bock 1862, S. 108,124, 307; 1866, S. 93;1884, S. 135

NZfM 1862 I, S. 130f.,1862 II, S. 126; 1866, S. 93; 1867, S. 213, 409, 445; 1868, S. 15, 206; 1869, S. 111; 1884, S. 83, 129, 329; 1885, S. 121f.

Signale 1865, S. 874; 1866, S. 871; 1867, S. 498; 1043; 1868, S. 677, 1885, S. 226

Rudolf Riga

Triin Vallaste, Die maßgeblichen Musikdirektoren und Musiklehrer in Reval (Tallinn) im 19. Jahrhundert,http://dspace.utlib.ee/dspace/bitstream/10062/4898/4/triinvallaste1.pdf, Zugriff am 9. Juli 2009.

 

Yusuf Pratama/Hanna Bergmann

 

© 2009 Freia Hoffmann