Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Jakimowsky, Jakimowski, Jakimovsky, Jakimowska,Jakomowska, Sophie, Sonja, von, de

* vermutlich in den späten 1870er oder frühen 1880er Jahren in Polen oder Russland, † nach 1900, polnische Pianistin. Sophie Jakimowsky „ist Polin von Geburt, wurde infolge ihrer hervorragenden Begabung bereits von ihrem 9. Jahre an am Petersburger Conservatorium sorgfältigst ausgebildet“ (NZfM 1896, 172f.), wo sie bei Fjodor (Theodor) Stein (1819–1893) studierte, und hatte „das Glück [...], letzten Winter in Dresden unter [Anton]Rubinstein’s [1829–1894] Aegide zu studiren“ (NZfM 1895, S. 140).

Die deutschsprachige Presse geht sehr sorglos mit ihrer Namensschreibung um; neben den oben genannten Schreibvarianten erscheinen auch die Versionen Jatschimovsky, Jachimowska, Jatschinowska, Jatchinowska, Jaginovskaja, Jakeinorsky, als Vorname alternativ auch Catherine, sodass die Identität oft nur aus dem Kontext zu erschließen ist. Die Pianistin konzertierte in den 1890er Jahren in Europa: 1893 reiste sie nach Köln und Frankfurt a. M., wo sie unter der Leitung Anton Rubinsteins in zwei ihm gewidmeten Programmen dessen Klavierkonzerte Nr. 4 d-Moll op. 70 (Köln) und Nr. 3 G-Dur op. 45 (Frankfurt) spielte und sich als „eine reich begabte Schülerin Rubinstein’s [...] sehr vortheilhaft einführte“ (Signale 1893, S. 279). Das G-Dur-Konzert wiederholte sie in demselben Jahr in Hamburg und ein Jahr später, erneut unter Rubinsteins Leitung, „brillant“ (Bock 1894, S. 202) in Wien.

Es folgten Auftritte in Berlin (1893, 1896), Dresden (1893, 1894, 1896), außerdem in Wien, wo sie 1894 wieder mit Rubinsteins 3. Klavierkonzert und erneut als „reichbegabte Schülerin Rubinstein’s, einen außerordentlichen Erfolg“ (Signale 1894, S. 530) erspielte. Weitere Auftritte sind in Leipzig (1894) nachweisbar sowie in Russland: 1891, 1892 und 1895 in St. Petersburg und 1898 mit Robert Schumanns Klavierkonzert in Charkow.

Um die Jahrhundertwende gastierte die Pianistin mehrfach in Norwegen: am 26. Okt. 1895, 6. Okt., 3. und 8. Nov. 1898 und am 25. Apr. 1900 in Oslo sowie am 23. Okt. 1898 in Bergen.

Aus den norwegischen Konzertanzeigen lässt sich ein breites Repertoire ablesen, das von Joh. Seb. Bachs Präludium und Fuge D-Dur über Beethoven-Sonaten (opp. 57 und 110), Schubert-Bearbeitungen und Chopin-Balladen, Mendelssohns Variations sérieuses op. 54, Kompositionen von Schumann, Arensky und Grieg bis hin zu dem ihr gewidmeten Werk Simplicitas von Anton Rubinstein reicht; auch ein ungedrucktes Klavierstück von dessen Bruder Nikolai spielte sie öffentlich. An instrumentaler Kammermusik hatte sie das Klaviertrio B-Dur von Anton Rubinstein im Programm, das sie 1895 in St. Petersburg „ganz vorzüglich“ (NZfM 1895, S. 140) musizierte. Des Weiteren begleitete sie u. a. die Sängerin Lalla (Hansine) Wiborg (1869–1953, 1898 verh. Scott Hansen) 1895 und 1898 in Oslo und 1896 in Dresden.

Neben den – vielleicht der Zuordnung zu ihrem berühmten Lehrer geschuldeten – auf wenige Sätze beschränkten positiven Einschätzungen gibt es in den ausführlicheren Rezensionen auch skeptische Stimmen. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ übt angesichts ihres Berliner Auftritts in der Wintersaison 1895/96 harsche Kritik an den häufigen unmotivierten Tempowechseln und der willkürlich kontrastreichen Dynamik: „Auch Frl. Jatschinowska, eine junge russische Pianistin, wie man sagt eine Schülerin Rubinstein’s, jedenfalls aber nicht eine von den besten, fröhnt [sic] dieser Unart, was bei ihr noch weniger als bei ihrem nordischen Collegen [dem zuvor rezensierten dänischen Pianisten Augustus Flotow-Hyllested] zu entschuldigen ist, da sie noch technisch unfertig ist und noch verschiedene andere Fehler aufzuweisen hat, z. B. das häufige Danebenschlagen und das unberechtigte Hervorheben von nebensächlichen, blos als Begleitung oder Füllung dienenden Arpeggien und das daraus entstehende Zurückdrängen der melodieführenden Hauptstimme. – An Temperament fehlt es ihr zwar nicht, haut sie doch unbarmherzig auf das Clavier, als wenn sie das unschuldige Ding züchtigen wollte – – – ich möchte nicht mit Fräulein Jatschinowska in Streit gerathen!“ (NZfM 1896, S. 40f.).

Derselbe Rezensent, Eugenio von Pirani, bezeichnet sie Ende des Jahres 1896 anlässlich eines weiteren Berliner Auftritts als „Amazonin des Flügels, [eine] Dame, die, wie ich schon im vergangenen Winter bemerkt, das Clavier durchaus energisch behandelt“ (NZfM 1896, S. 582), und ergänzt seine frühere, gender-neutrale Kritik an der technischen Seite ihres Spiels durch eine Verortung der Musikerin im Kontext damaliger Geschlechter- (vielleicht auch Nationalitäten-)Stereotypen: „Ihr Spiel zeichnet sich demgemäß mehr durch männliche Kraft als durch weibliche Feinheit und Zartheit aus, doch scheinen ihr auch ausdrucksvolle Töne zu Gebote zu stehen, wie sie in der ,Aria‘ aus der Sonate Fismoll von Schumann bewies. Jedenfalls hat diese Künstlerin ,Blut‘“ (NZfM 1896, S. 582).

In klarer Opposition dazu rezensiert H. Schulz-Beuthen in derselben Zeitschrift den Auftritt der Pianistin im Febr. 1896 in Dresden rundum positiv und sehr emphatisch. Der ausführliche und auch auf die Programmfolge detailliert eingehende Text beruht offenkundig auf persönlichen Informationen, kann sich dem Namensproblem aber ebenfalls nicht entziehen: „Endlich einmal wieder eine künstlerisch individuelle Erscheinung, welche aus der großen Schaar [sic] des jungen Virtuosentums bedeutsam hervortritt. Frl. v. Jachimowska, wie wir hören, eine der Lieblingsschülerinnen Meister Rubinstein’s, erzielte begeisterte durchschlagende Erfolge. Die gestellten Aufgaben waren ganz verschiedenen Characters und zumeist gewichtigen Inhaltes. Sie erfordern zur vollendeten Wiedergabe einen hohen Grad künstlerischer Veranlagung und eine erschöpfend ausgebildete Technik. Mit diesen Faktoren glücklich ausgestattet, konnte Frl. v. J. das zahlreich anwesende und gewählte Publikum in sich steigernder Weise hinreißen. Die hervorstechenden, sehr werthvollen Eigenschaften der Künstlerin zeigen poetisch fesselnde Wärme selischen [sic] Ausdrucks sowohl als auch einen von Natur aus feinfühlig angelegten Geschmack für das Auscisiliren [sic] der ornamentirenden Einzelheiten, ferner eine schlagfertige Bravour eines feurigen Naturels, an richtiger Stelle eingreifend und eine erquickende technische Deutlichkeit in allen Fällen bei ökonomischer und rechtzeitiger Pedalverwendung. Es characterisirt endlich die Künstlerin eine geistvoll beherrschende Vertheilung der Stärkemittel für eine in großen Zügen sich ausgestaltende Dynamik. [...] Wir bewunderten unter Anderem auch eine sehr richtige Temponahme. [...] Der Erfolg war bei zutreffendster Auffassung des letzten Stückes auf’s Höchste gestiegen und dankte das Publikum durch zahlreiche Hervorrufe, denen verschiedene Zugaben folgen mußten. – Von Herzen wünschen wir der uns bisher unbekannt geblieben[en], reich begabten, vielseitigen und so vorzüglich ausgebildeten, jungen bescheidenen und originellen Künstlerin auf ihrem nicht leichten Lebenswege alles Glück und die Festigung wohlberechtigter, auf sich selbst gestützter Zuversicht, um sich mit Ruhe einer kaum ausbleibenden Mißgunst gegenüberzustellen. Wir werden nicht unterlassen, den künstlerischen Lebensweg von Frl. v. Jatchinowska mit allem Interesse zu verfolgen“ (NZfM 1896, 172f.).

Nach 1900 sind in der deutschsprachigen und skandinavischen Presse derzeit keine Zeugnisse zu der Künstlerin mehr nachweisbar – weder auf die Musik noch auf ihr Leben bezogen.

 

LITERATUR

Aftenposten [Oslo] 1895, 25. Okt.; 1898, 27. Sept.; 1900, 24. Apr.

Bock 1893, S. 230, 552; 1894, S. 202, 255

Le Ménestrel 1893, S. 47, 86, 102, 106

NZfM 1891, S. 475; 1892, S. 229; 1893, S. 79, 153, 177; 1894, S. 441, 488; 1895, S. 140; 1896, S. 40f., 172f., 582

Signale 1892, S. 999; 1893, S. 119, 218, 220, 232, 248, 279f., 297, 326, 362, 389, 390, 456, 738; 1894, S. 245, 530, 786f.; 1896, S. 291; 1898, S. 458f.

Universitet i Olso, Kronologisk oversikt over Halvorsens konsertvirksomhet
Del 3 (1893—1899), http://folk.uio.no/oyvindyb/musikk/Halvorsen/registre/kronologi1893_1899.html, Zugriff am 16. Nov. 2012.

Universitet i Olso, Oversikt over oppførelsestidspunkter, komponister, verker og eksekutører, http://www.hf.uio.no/imv/forskning/prosjekter/norgesmusikk/bulletin/nummer2/del3.html, Zugriff am 16. Nov. 2012.

 

Kadja Grönke

 

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