„Ehrgeizig, zuverlässig, selbstbewusst“: Metallblasinstrumentenmacherinnen und ihre Stellung im deutschen Musikinstrumentenbau

von Johanna Imm, Sophie Drinker Institut.

 

1. Problem

Obwohl der Metallblasinstrumentenbau wesentlicher Bestandteil des Kulturbetriebs ist, wurde er im Rahmen musikwissenschaftlicher Forschung bisher nur wenig berücksichtigt. Während Instrumentenbauzentren und historische Bauweisen teilweise intensiv untersucht wurden, konnten Akteurinnen und Akteure des Metallblasinstrumentenbaus nur selten die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich ziehen. Abgesehen von dem Hinweis, dass Frauen im 19. Jahrhundert in den aufkommenden Instrumentenbaufabriken zum Polieren der Instrumente eingesetzt wurden,[1] lässt sich über die Existenz von Metallblasinstrumentenmacherinnen in der Zeit vor 1900 vorerst nur spekulieren. Anders als im Geigen- oder Klavierbau liegen bisher keine Quellen vor, die eine professionelle handwerkliche Tätigkeit von Frauen vor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts belegen. Es sind lediglich Hinweise auf Frauen bekannt, die vorübergehend für die betriebliche Leitung einer Werkstatt verantwortlich waren. Wie im Fall von Sophie Dorothee Moritz geb. Blankenburg, Witwe des Berliner Instrumentenbauers Carl Wilhelm Moritz (1810−1855), sind diese Umstände in der Regel in Familienbetrieben und im Zusammenhang mit dem Ableben von mitarbeitenden Familienmitgliedern anzutreffen.[2]

Der Historiker Andreas Schulz bestätigt, dass Frauen im 19. und 20. Jahrhundert in Handwerkshaushalten häufig für den Verkauf der Waren verantwortlich waren und beim Ableben des Mannes bis zur Wiederverheiratung als Meisterwitwe das Geschäft übernahmen.[3] Als Tochter eines Instrumentenbauers arbeitete auch Liselotte Monke aus Köln im betriebswirtschaftlichen Bereich der väterlichen Firma mit und übernahm nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1965 die Leitung im Bereich Verkauf und Betriebsführung.[4]

 

Gruppenphoto (ca. 1936).[5]

 

Erst 1978 legte Ursula Menzel (1939−2006) als erste Frau und Landesbeste die Meisterprüfung im Metallblasinstrumentenmacherhandwerk ab.[6] Umso auffälliger ist es, dass sich in den letzten Jahren immer häufiger junge Frauen für eine Ausbildung in diesem Bereich entscheiden. Diese Beobachtung veranlasste dazu, die gegenwärtige Situation dieses Handwerks in Deutschland erstmalig mit dem konkreten Fokus auf Akteurinnen und Akteuren zu betrachten. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei eine Bestandsaufnahme der Geschlechterverteilung sowie der Stellung und Wertschätzung von Frauen im Metallblasinstrumentenbau: Wie werden Metallblasinstrumentenmacherinnen von ihrem Umfeld wahrgenommen? Gibt es Vorbehalte gegenüber der Beschäftigung von Frauen? Wie nehmen Metallblasinstrumentenmacherinnen ihre eigene Situation war?

 

2. Methode

Zur Durchführung der Studie wurden auf Grundlage der Adress-Datenbank des deutschen Musikinformationszentrums[7] sowie eigener Recherchen rund 100 Metallblasinstrumentenmacherwerkstätten kontaktiert und um ihre Teilnahme gebeten. Eine Befragungsmenge von 40 Betrieben und ihren 15 fest angestellten Metallblasinstrumentenmacherinnen ergab sich daraufhin aus der Bereitschaft der jeweiligen Unternehmen zur Teilnahme an der Studie. Hiervon sandten 30 InhaberInnen und 13 Metallblasinstrumentenmacherinnen die ausgefüllten Fragebögen an das Sophie Drinker Institut zurück und trugen damit zum Gelingen des Forschungsprojekts bei.

Als Basis der Studie dienen zwei unterschiedlich konzipierte Fragebögen für InhaberInnen und angestellte Metallblasinstrumentenmacherinnen (siehe Anhang). Während der Fragebogen für InhaberInnen die Beschäftigung und Ausbildung von Frauen im Metallblasinstrumentenbau in den Mittelpunkt stellt, thematisiert der Fragebogen für Metallblasinstrumentenmacherinnen verschiedene Aspekte rund um die Berufswahl, das Arbeitsklima im eigenen Unternehmen und die Erfahrungen in einem Handwerk, in dem statistisch weitaus mehr Männer als Frauen beschäftigt sind. Bei beiden Fragebögen wurde mit einer Kombination aus offenen und geschlossenen Fragen gearbeitet, um zu vermeiden, dass die Beantwortung persönlicher Fragen durch vorgegebene Kategorien beeinflusst wird. So konnte eine Betrachtung des Berufsstandes aus zweierlei Perspektiven gewährleistet werden. Die Auswertung der zu großen Teilen qualitativen Erhebung erfolgte daraufhin unter Anwendung der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.[8]

 

 

3. Ergebnisse

Die Auswertung der Fragebögen verdeutlichte zunächst, dass Metallblasinstrumentenmacherinnen in Deutschland bis heute einen eher geringen Anteil der Beschäftigten im Metallblasinstrumentenbau ausmachen: Unter den insgesamt 231 Angestellten der 30 an der Untersuchung teilnehmenden Betriebe finden sich 41 weibliche Angestellte. Abzüglich der Beschäftigten, die nicht im handwerklichen Bereich tätig sind, verbleiben 13 fest angestellte Metallblasinstrumentenmacherinnen:[9] vier Auszubildende, acht Gesellinnen und eine Meisterin. Während drei der 17- bis 50-Jährigen ihre Schullaufbahn mit einem Hauptschulabschluss beendet hatten, waren drei Metallblasinstrumentenmacherinnen Abiturientinnen. Die sieben übrigen Befragten starteten ihre Ausbildung zur Metallblasinstrumentenmacherin mit einem Realschulabschluss. Die fest angestellten Metallblasinstrumentenmacherinnen stammen aus neun Ausbildungsbetrieben, die schon in der Vergangenheit mehrere Frauen ausgebildet haben. Darüber hinaus gibt es nur zwei weitere Betriebe, die im Vorfeld der Untersuchung Metallblasinstrumentenmacherinnen beschäftigt oder ausgebildet haben. Von den verbleibenden 19 Betrieben äußern sechs, dass sie gerne Metallblasinstrumentenmacherinnen beschäftigen würden, um Frauen die Möglichkeit zu geben, sich in „sogenannten Männerberufen […] zu beweisen“[10]. Davon abgesehen gehen einige Betriebe bei weiblichem Nachwuchs von besonders starkem Willen und großer Leidenschaft für den Beruf aus und vermuten daher, dass Frauen ihre Arbeit besonders aufmerksam und sorgfältig verrichten würden. Während ein Großteil der übrigen Befragten keine Meinung zur zukünftigen Beschäftigung von Frauen äußert, lehnen drei Betriebe diese Möglichkeit aus unterschiedlichen Gründen ab: Einige glauben, dass Frauen nicht genügend physische Kräfte aufweisen ([i]m wirklichen Blechblasinstrumentenbauhandwerk ist die Arbeit zu hart“[11]), andere fürchten Mutterschutz und Elternzeit. Auch wird mehrfach die Vermutung geäußert, dass Frauen an dieser Tätigkeit kein Interesse haben, da „es sich um einen äußerst schmutzigen Beruf“[12] handelt. Trotzdem wurden von den teilnehmenden Betrieben in den letzten 30 Jahren insgesamt 22 Metallblasinstrumentenmacherinnen ausgebildet. Dabei fällt auf, dass in den letzten 15 Jahren mehr als doppelt so viele Frauen im Metallblasinstrumentenbau ausgebildet wurden wie in den 15 Jahren zuvor. Auch wenn einige Betriebe erst nach 2000 gegründet wurden, kann von einer deutlich steigenden Tendenz gesprochen werden. Der Berufswunsch wurde dabei bei fast allen Befragten durch das aktive Musizieren in der Freizeit geweckt. Zehn der 13 Metallblasinstrumentenmacherinnen geben an, selbst ein Blechblasinstrument zu spielen.

Dennoch scheinen sich in der Vergangenheit Vorbehalte gegenüber der Beschäftigung von Frauen entwickelt zu haben, die bis heute nachwirken: Zwar geben nur sechs InhaberInnen an, dass ihnen in ihrem beruflichen Umfeld bereits Vorurteile wie mangelnde Körperkraft und fehlende Kompetenz aufgrund des weiblichen Geschlechts begegnet sind. Diese Aussage wird jedoch von zahlreichen Inhabern − denen laut eigener Angabe bisher keine Vorbehalte begegnet sind − verstärkt, indem diese nahezu identische Argumente nutzen, um die Abwesenheit von Metallblasinstrumentenmacherinnen in ihrem Betrieb zu begründen. Ähnliche Gründe wurden auch im Vorfeld der Studie von nicht teilnehmenden Betrieben formuliert: „Der traditionelle handwerkliche Metallblasinstrumentenbau […] erfordert neben einem handwerklichen Geschick verbindend auch entsprechende körperliche Voraussetzungen“[13]. Sieben Metallblasinstrumentenmacherinnen bestätigen, dass ihnen ähnliche Vorbehalte außerhalb des eigenen Betriebs bereits begegnet sind.

Von durchweg positiven Erfahrungen hinsichtlich ihrer Praktikantinnen, weiblichen Auszubildenden und Mitarbeiterinnen berichten elf Betriebe: Neben ausgeprägter Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit werden vor allem der Ehrgeiz und das Selbstbewusstsein der Frauen betont. Zusätzlich werden die Metallblasinstrumentenmacherinnen als sehr gewissenhafte und gründliche Angestellte beschrieben, die häufig besser mit Kritik umgehen können als ihre männlichen Kollegen. Entsprechend positiv bewerten auch die Metallblasinstrumentenmacherinnen das eigene Wohlbefinden im Betrieb. Parameter wie das Kollegium, die Freude an der Ausübung des Berufs, damit einhergehende Herausforderungen und Erfolgserlebnisse sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tragen dazu bei, dass dieses auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 6 (sehr unzufrieden) durchschnittlich mit 1,5 bewertet wird. Die Relevanz der genannten Aspekte wird aus folgender Grafik ersichtlich:

 

4. Zusammenfassung und Diskussion

Da nur ein Teil der in Deutschland ansässigen Betriebe befragt wurde, handelt es sich nicht um repräsentative Ergebnisse. Dennoch können Rückschlüsse auf die Situation der MetallblasinstrumentenmacherInnen in Deutschland gezogen werden.

Wenngleich statistisch gesehen deutlich weniger Frauen als Männer im Metallblasinstrumentenbau beschäftigt sind, lässt sich festhalten, dass die Zahl der weiblichen Auszubildenden vor allem in den letzten 15 Jahren stetig gestiegen ist. Sowohl weibliche Auszubildende als auch Gesellinnen und Meisterinnen erleben jedoch eine ambivalente Wahrnehmung durch ihr Umfeld: Obwohl einige Betriebe sich auf sehr gute Erfahrungen mit Praktikantinnen, weiblichen Auszubildenden und Mitarbeiterinnen berufen können, lehnen andere die Beschäftigung von Frauen ab oder halten eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik für überflüssig. Die zahlreichen Berichte der Befragten über Vorurteile wie mangelnde physischer Kraft und fehlende Kompetenz aufgrund des weiblichen Geschlechts beweisen jedoch, wie wichtig eine sachlich fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist: Auch wenn von erfahrenen Metallblasinstrumentenmachern bestätigt wird, dass für die Arbeitsabläufe vor allem eine gute Technik und Erfahrung von Bedeutung sind, werden Frauen im Metallblasinstrumentenbau häufig offenbar schon aufgrund vermeintlicher körperlicher Defizite disqualifiziert. Schon im Vorfeld der Untersuchung wurde anhand unterschiedlicher Kommentare nicht teilnehmender Betriebe („Hab zu arbeiten, hab für solchen Käse keine Zeit!!!“ / „Mich erstaunt […] immer wieder, womit andere Menschen meine Lebenszeit vertun …“)[14] deutlich, dass für einen Großteil der in Deutschland ansässigen Betriebe die Relevanz der Thematik – auch im Hinblick auf den Erhalt des eigenen Handwerks − noch nicht ersichtlich ist.

Unabhängig von den unterschiedlichen Vorbehalten gegenüber der Beschäftigung von Frauen im Metallblasinstrumentenbau wurde von einigen Befragten angeregt, die Ursache für die geringe Beschäftigungszahl von Frauen auch im Bereich der geschlechtstypischen Instrumentenpräferenzen zu suchen. In der ursprünglich von der Militärmusik abstammenden Blasmusik überwiegen im Blechbläserensemble bis heute auch im Laienbereich häufig Männer. Sabrina Paternoga stellte 2002 anhand einer Vollerhebung an deutschen Musikhochschulen und Kulturorchestern fest, dass sich die Gruppe der Studierenden eines Blechblasinstruments im Wintersemester 2001/2002 aus 80,71% Studenten und 19,29% Studentinnen zusammensetzte.[15] Da fast alle befragten Metallblasinstrumentenmacherinnen angeben, dass ihr Berufswunsch durch das aktive Musizieren mit einem Blechblasinstrument beeinflusst wurde, ist ein Zusammenhang zwischen geringer Beschäftigungszahl und geschlechtstypischer Instrumentenwahl durchaus denkbar. Von zwei Betrieben wurde in diesem Zusammenhang angeregt, die Studie auch in anderen Bereichen des Instrumentenbaus durchzuführen, um vergleichende Schlüsse beispielsweise im Streichinstrumenten- oder Klavierbau ziehen zu können.

Trotz der bis heute wirkenden Vorbehalte gegenüber der Beschäftigung von Metallblasinstrumentenmacherinnen kristallisierte sich im Rahmen der Studie eine Gruppe von Betrieben heraus, die Metallblasinstrumentenmacherinnen nicht nur schätzen, sondern sich auch bewusst mit ihrer Position im Metallblasinstrumentenbau auseinandersetzen. Da einige der befragten Metallblasinstrumentenmacherinnen außerdem eine Weiterqualifizierung bis hin zur Meisterinnenprüfung anstreben, besteht die Hoffnung, dass die Zahl der weiblichen Beschäftigten im Metallblasinstrumentenbau weiterhin steigt und Vorurteile gegenüber der Beschäftigung von Frauen ausgemerzt und auf lange Sicht durch positive Erfahrungen ersetzt werden können.

 



[1] Vgl. Theodor Berthold u. Moritz Fürstenau, Die Fabrikation musikalischer Instrumente und einzelner Bestandteile derselben im Königl. Sächsischen Vogtlande, Leipzig 1876, S. 23.

[2] Alfred Berner, Artikel „Moritz“, in: Elektronische Neue Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, http://www.deutsche-biographie.de/sfz126614.html, Zugriff am 14. Okt. 2015.

[3] Vgl. Andreas Schulz, Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin [u. a.] 2014, S. 4.

[4] Persönliche Information von Stefan Krahforst, Inhaber der Josef Monke GmbH, im Schriftwechsel mit der Autorin am 17. Sept. 2015.

[5] Von links: Franz Willi Neugebauer, Solotrompeter beim WDR, unbekannter Mitarbeiter, Josef Monke (sitzend), Liselotte Monke, Professor Richard Stegmann (Musikhochschule Würzburg, ehem. erster Trompeter der Berliner Philharmoniker). Mit freundlicher Genehmigung von Stefan Krahforst, Inhaber der Josef Monke GmbH.

[7]Vgl. http://www.miz.org/suche_97.html, Zugriff am 03.06.2015.

[8] Siehe Philipp Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken, Weinheim [u. a.] 2015.

[9] Daten zur Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber sind derzeit nicht bekannt.

[10] Inhaber 2712005I01.

[11] Inhaber 8321992I01.

[12] Inhaber 0261983I01.

[13] Kommentar eines nicht teilnehmenden Inhabers aus dem im Vorfeld der Studie stattfindenden Schriftverkehr mit der Autorin.

[14] Kommentare zweier nicht teilnehmender Inhaber aus dem im Vorfeld der Studie stattfindenden Schriftverkehr mit der Autorin.

[15] Vgl. Sabrina Paternoga, „Orchestermusikerinnen. Frauenanteile an den Musikhochschulen und in den Kulturorchestern. Geschlechts- und instrumentenspezifische Vollerhebung an deutschen Musikhochschulen und in den Orchestern“, in: Das Orchester 5 (2005), S. 8ff.