Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Weinlich, Josephine, JosefineJosephina, verh. Amann-Weinlich

* 1840 [nach Viera 1848] in Wien, † 9. Jan. 1887 in Lissabon (Portugal), Pianistin, Violinistin, Komponistin, Dirigentin. Sie wurde als erste von zwei Töchtern des Wiener Unternehmers Franz Weinlich und dessen Ehefrau Josepha Brix geboren. Beide Töchter, Josephine und Elise, erhielten durch den Vater, einen Musikliebhaber, ihre erste musikalische Ausbildung. Hier erlangte Josephine Grundfertigkeiten auf der Violine und dem Klavier. Später erhielt sie die Möglichkeit, ihr Klavierspiel im Unterricht bei Clara Schumann weiterzuentwickeln. Ihre Konzerttätigkeit als Pianistin und Violinistin beschränkt sich insbesondere auf die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, in denen sie vornehmlich in Österreich konzertierte.

Im Jahre 1868 gründete die Musikerin in Wien ein ausschließlich aus Frauen bestehendes Instrumentalquartett, das zunächst nur im privaten Rahmen wirkte. Neben ihrer Schwester als Violoncellistin und zwei weiteren Musikerinnen spielte Josephine Weinlich in dem Ensemble Klavier und leitete dieses von dort aus. Nach einer Erweiterung um zwei Mitglieder im selben Jahr traten sie und die anderen Musikerinnen schließlich erstmals vor die Öffentlichkeit. In den folgenden Jahren vergrößerte sich das Ensemble zu einem Orchester, das 1874 mehr als 50 Mitglieder, darunter auch einige Männer als Blechbläser, umfasste. Unter dem Namen „Wiener Damenorchester“ bzw. „Erstes Europäisches Damenorchester“ konzertierte es bis etwa 1879 und unternahm in dieser Zeit seit 1869 zahlreiche Konzertreisen, in deren Rahmen es unter anderem in Ungarn, Amerika, Deutschland, Frankreich, Italien, England, Lettland, Skandinavien und den Niederlanden Konzerte gab. Das Repertoire des Orchesters umfasste vornehmlich Unterhaltungsmusik. Neben Werken von Strauss, Rossini, Herold oder Suppé kamen auch Werke von Josephine Weinlich selbst zur Aufführung. Für das Orchester komponierte sie einige Polca françaises, wie Gruß an GrazFrühlingsluftDie FrivoleJosefinen-Polka und Gruß an die Neugablitzer, aber auch ein Potpourri für Streichorchester, das Trio Elektrische Funken sowie das WerkTolle Freuden. Sie erwies sich dabei dem „Musikalischen Wochenblatt“ zufolge als eine „Componistin von gefälligen, oft selbst piquanten Werken leichten Genres, als Walzern, Polkas etc.“ (Fritzsch MW 1871, S. 728). Abgesehen von den Werken für Orchester komponierte sie außerdem Klavierwerke sowie ein Solostück für Violoncello und ein Lied. Seit 1869 wurden einige ihrer Kompositionen von Wiener Musikverlagen veröffentlicht.

Josephine Weinlich leitete das Orchester zunächst noch vom Klavier aus, übernahm jedoch mit zunehmender Mitgliederzahl immer mehr die Funktion der Dirigentin. Die „Leipziger Illustrirte Zeitung“ bezeichnet sie schließlich als „eine geborene Dirigentin, deren Energie aus jeder Geste ersichtlich ist“ (1873, S. 310). Daneben heißt es in der Zeitschrift „The Musical Standard“: „Mme. Amann Weinlich represents the perfect type of the grand priestess of the musical world. Her glance is comprehensive, her arm vigorous; she know [sic] all the music by heart […] and conducts from memory” (1873, S. 376). In der Zeitschrift „Athenæum“ werden bezüglich ihres Dirigats zudem insbesondere die Exaktheit von Tempo und Rhythmus sowie die Akzentuierungen und Nuancierungen gelobt. (1874 I, S. 836)

Das Instrumentalspiel Josephine Weinlichs beschränkte sich innerhalb der Orchesterkonzerte auf die Begleitung von Instrumental- bzw. Vokalsolisten vom Klavier aus. Ihre diesbezüglichen Fähigkeiten werden als bemerkenswert beschrieben (Trewman’s Exeter Flying Post 11. Nov. 1874, S. 15). Darüber hinaus fand sie jedoch auch, wenngleich nur selten, Zeit für Auftritte als Klavier- oder Violin-Solistin bzw. als Repetitorin. In der Zeitschrift „Über Land und Meer“ wird sie als „eine ganz vorzügliche Violinspielerin“ beschrieben, deren „Soli[...] überall von trefflicher Wirkung sein“ (Über Land und Meer 1874, S. 515) dürften.

Während einer Konzertreise mit dem „Ersten Europäischen Damenorchester“ lernte Jospehine Weinlich ihren späteren Ehemann, den Konzertagenten Ebo Amann, kennen, den sie Anfang des Jahres 1873 heiratete und der fortan die organisatorische Leitung des Orchesters übernahm.

1878 gründete sie das „Cäcilien-Quartett“, das sich aus Mitgliedern des „Ersten Europäischen Damenorchesters“ zusammensetzte. Es umfasste neben Josephine Amann-Weinlich als Pianistin deren Schwester, die Violoncellistin Elise Weinlich sowie die Violinistinnen Marianne Stresow und Charlotte Deckner. Noch Anfang des Jahres 1878 begaben sich die Musikerinnen auf eine Konzertreise durch Europa. Im Febr. und März des Jahres befanden sie sich in Schweden und später in Dänemark. Von dort aus reiste das Ensemble in die Schweiz. Auf dem Weg in den Süden konzertierte es im Apr. oder Mai 1878 in Hamburg und anschließend in Freiburg i. Br. Einer Konzertbesprechung aus Freiburg zufolge haben sich die einzelnen Musikerinnen innerhalb der Konzerte neben dem Quartettspiel auch als Solistinnen hervorgetan. Das Repertoire des Quartetts umfasste neben Werken Schumanns und Mendelssohns auch Kompositionen von Josephine Amann-Weinlich.

Bereits Ende des Jahres 1878 war die Konzerttätigkeit des „Cäcilien-Quartetts“ beendet. Ursache scheinen die rückläufigen Besucherzahlen in den Konzerten gewesen zu sein. So beklagt ein Korrespondent des Berner „Intelligenzblatt“ das Ausbleiben des Berner Publikums. Aus Genf wird Ähnliches berichtet: „Frau Amann und Gesellschaft machte auch die Erfahrung, dass es heutzutage kaum mehr möglich ist, hier zu Lande einen Saal bei höheren Eintrittspreisen zu füllen. Die Damen waren genöthigt, ihr zweites Concert im Reformations-Gebäude zu geben, dessen Parterreplätze zu 1 Frcs. sehr beliebt sind, und wo man für 50 Centimes einen Sitz auf der zweiten Galerie bekommt“ (Fritzsch MW 1879, S. 81).

Noch im Jahre 1878 begab sich Josephine Amann-Weinlich als Pianistin in Begleitung ihres Mannes und zusammen mit ihrer Schwester sowie dem Sänger Georg Harmsen auf eine Konzertreise. Am 10. Dez. 1878 gastierten die drei MusikerInnen im Teatro del Liceu in Barcelona und spielten hier Zwischenaktmusik in einer Aufführung von Friedrich Flotows Oper Marta. Das Programm beinhaltete neben Liedern von Franz Schubert auch Solostücke für Violoncello und Klavier, u. a. Adrien-François Servais’ Fantasie und Variationen über Motive aus der Oper La fille du régiment von Gaetano Donizetti op. 16, eine Romanze von Camille Saint-Saëns sowie eine Komposition von Georg Goltermann.

Im Jan. 1879 gelangten die MusikerInnen nach Lissabon. Hier trafen sie auf ein Musikleben, das sich aufgrund von Streitigkeiten verschiedener Gruppen in einer Krise befand, welches sich letztlich auch darin äußerte, dass das städtische Orchester seit etwa einem Jahrzehnt kaum noch spielfähig war. Um die Streitigkeiten zu beenden, schlug Ebo Amann seine Frau für den Posten der Dirigentin vor. Mit dieser Idee traf er zunächst auf Ablehnung, fand jedoch im Laufe der Zeit immer mehr Befürworter, sodass Josephine Amann-Weinlich bereits im Febr. und März 1879 innerhalb einer Reihe von Konzerten im „Salon du Théatre Trinidade“ als Dirigentin des Lissaboner Orchesters auftrat. Das Konzertprogramm enthielt hier u. a. Werke von Rossini, von Weber, Litolff, Johann Strauss und Saint-Saëns. Daneben sang Georges Harmsen Lieder von Schubert, wobei er von Josephine Amann-Weinlich auf dem Klavier begleitet wurde, ebenso wie Elise Weinlich, die Solowerke für Violoncello vortrug. Im Sommer 1879 folgten weitere Konzerte mit dem städtischen Orchester am „Antigo Passeio Publico“. Das Konzertprogramm setzte sich hier primär aus Werken von Wagner und Liszt zusammen.

Josephine Amann-Weinlich erhielt im Jahre 1879 eine weitere Anstellung als Dirigentin des Orchesters im Lissaboner Teatro de S. Carlos, war hier jedoch nur eine Spielzeit lang tätig. Anfang Sept. des Jahres 1879 kam Louis Brenner nach Lissabon und übernahm als Dirigent die Leitung des städtischen Orchesters. Josephine Amann-Weinlich trat mit diesem fortan nur noch als Gastdirigentin auf. Sie konzentrierte sich nun vorrangig auf ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin.

Zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Schwester blieb die Künstlerin in Lissabon. Hier erkrankte sie Ende der 1880er Jahre an Tuberkulose und starb am 9. Jan. 1887.

 

Das Erste Europäische Damenorchester in Wien, 1874. Holzdruck von Vincenz Katzler.

 

WERKE

Klavier: Puppenspiele (Impromptu, op. 20), Frauen-Emanzipations-Marsch (Walzer), Sirenenlieder (Polka), Freie Gedanken (Walzer) Die Frivole (Polca française), Polka-Mazurka (op. 13)

Violoncello: Traum von Neapel

Werke für Orchester: Gruß an Graz (Polca française), Frühlingsluft (Polca française), Potpourri für Streichorchester, Die Frivole (Polca françaises), Josefinen-Polka (Polca françaises), Tolle Freuden, Gruß an die Neugablitzer (Polca française), Elektrische Funken (Trio)

Lied: Das Wackeln

Weitere Stücke: Dienstmänner-Polka, Begrüßungs-Marsch (Den Mitgliedern des 3. deutschen Juristentages in Wien (1862)), Die Hoffnung (Polka)

 

LITERATUR

Athenæum 1874 I, S. 836

Bock 1869, S. 386; 1876, S. 253; 1878, S. 71

Fritzsch MW 1871, S. 728; 1878, S. 255, 295; 1879, S. 81

Intelligenzblatt für die Stadt Bern 26.Okt.1878, S. 7

Leipziger Illustrirte Zeitung 1873, S. 310

 

The Milwaukee Sentinel 1871, S. 284   The Musical Standard 1873, S. 376   MusW 1869, S. 833; 1870, S. 236; 1873, S. 412, S. 853; 1874, S. 405; 1876, S. 563; 1878, S. 176; 1879, S.35

NZfM 1872, S. 491

Signale 1859, S. 416; 1866, S. 104; 1868, S. 742; 1873, S. 442, S. 451, S. 709; 1875, S. 630, S. 727; 1879, S. 120, S. 651; 1886, S. 331.

Trewman’s Exeter Flying Post 11. Nov. 1874, S. 15

Über Land und Meer 1874, S. 515

Wurzbach

Ernesto Vieira, Diccionario Biographico de Musicos Potuguezes, Lissabon 1900.

Albert Lavignac u. Lionel de la Laurence, Encyclopédie de la Musique et Dictionnaire du Conservatoire, Histoire de la Musique, Paris 1920.

Mário Moreau (Hrsg.), O teatro de S. Carlos, Dois siculo de história, Lissabon 1999.

Eva Marx u. Gerlinde Haas (Hrsg.), 210 österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Biographie, Werk und Bibliographie. Ein Lexikon, Salzburg 2001.

Francesc Cortès, Referentes estlísticos y textuales franceses en la canción catalana, in: La musique entre France et Espagne. Interactions stylistiques, hrsg. von Louise Jambou, Paris 2004, S. 103—127.

Michael Richards, Franz Weinlich, http://listsearches.rootsweb.com/th/read/GEN-NLWBIA/1969-12/000000129, Zugriff am 14. Sept. 2009.

 

Bildnachweis

Das „Erste Europäische Damenorchester“ während eines Konzerts in den Wiener Blumensälen. Holzdruck von Vincenz Katzler, in: Über Land und Meer 1874, S. 505.

 

Annkatrin Babbe

 

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